Tausende Patienten suchen neuen Hausarzt

Trotz monatelanger Suche: Ärzte finden keine Nachfolger

Dr. Michaela Veit-Diebold in ihrer Hausarztpraxis an der Werler Straße in Hamm
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Dr. Michaela Veit-Diebold mag ihren Beruf als Hausärztin. Doch sie ist im Rentenalter, schließt nun ihre Praxis. Ein Nachfolger fehlt.

Mehr als 10 Prozent der Hammer Hausärzte haben binnen eines Jahres ihre Praxen geschlossen. Auch Dr. Michaela Veit-Diebold hat vergeblich einen Nachfolger gesucht und gibt ihre Praxis bald. Sie sorgt sich um die Zukunft ihrer Patienten – auch die Pandemie spielt eine Rolle.

Hamm – Zahlreiche Hausärzte in Hamm nehmen keine Patienten mehr auf. Mindestens zehn Praxen in Hamm haben innerhalb des vergangenen Jahres geschlossen. Das sagt Dr. Matthias Bohle, Sprecher des Hammer Ärztevereins. „Wir verbliebenen Hausärzte haben so viele Patienten aufgenommen, wie wir konnten.“ Doch nun hätten die meisten keine Kapazitäten mehr.

Und so sorgt sich Dr. Michaela Veit-Diebold um die Zukunft ihrer Patienten. Sie behandelt etwa 2000 Menschen pro Quartal. Mit Ende 60 möchte sie in den Ruhestand gehen. Seit eineinhalb Jahren sucht sie einen Nachfolger, ihre Praxis samt Einrichtung hätte sie sogar verschenkt.

Veit-Diebold inserierte in diversen Fachmedien, fragte in den Krankenhäusern nach Kandidaten für eine Praxisübernahme. „Es waren zwölf Interessenten da“, sagt sie. Viele hätten die Praxis an der Werler Straße gelobt: Die Räume sind hell und modern, die Praxis gut erreichbar, zudem läuft sie finanziell gut. Doch ein Kollege nach dem anderen lehnte ab. Mitte November schließt sie.

Veit-Diebold sitzt in diesen Tagen viel am Schreibtisch und macht Akten fertig, die sie ihren Patienten mitgeben wird. „Natürlich werden sie keine Schwierigkeiten haben, dass man ihnen die Medikamente verschreibt, die sie brauchen“, sagt sie. Auch bei akuten Infekten fände sich jemand, der behandelt. Veit-Diebold sorgt sich, dass alles Persönliche zu kurz kommt: das Gespräch, das gründliche Nachhaken. „Gerade als Hausarzt begleitet man die Menschen ja über Jahre.“

Patienten erster und zweiter Klasse

Veit-Diebold und Bohle gehen davon aus, dass es zumindest zeitweise Patienten erster und zweiter Klasse in den Praxen geben werde. Wer schon lange Patient sei, den würden Hausärzte weiterbehandeln wie bisher. Alle übrigen gehörten in die zweite Kategorie: Bei akuten Problemen würde man sie behandeln – und sonst abweisen. „Anders geht es nicht“, sagt Bohle.

Die Coronakrise verschlechtert die Lage zusätzlich. Bohle zum Beispiel wollte mehr Patienten aufnehmen können, indem er seine Praxis anders organisiert und eine weitere Medizinische Fachangestellte beschäftigt. „Der Markt ist leer gefegt“, sagt er. Das Gesundheitsamt, Krankenhäuser: Alle suchten medizinisches Personal. „Für uns bleibt da niemand.“

Dass es gerade Hammer Hausärzten schwerfällt, Personal zu finden, hat auch mit dem Ruf der Stadt zu tun, glaubt Veit-Diebold: „Hamm ist nicht Münster.“ Sie findet Hamm als Wohn- und Arbeitsort attraktiv, lobt die gute Infrastruktur für Familien, die Lebensqualität. „In Hamm kann man sich noch ein Haus leisten.“ Doch viele ihrer Kollegen lehnten auch ab, weil ihnen Hamm nicht zugesagt habe, erzählt sie.

Wegen Krise: Keine Zeit, das Thema anzugehen

Anfang dieses Jahres traf sich der Gesundheitsausschuss auf Antrag der Grünen zu einer Sondersitzung. Thema: der drohende Ärztemangel. Seit Jahren ist bekannt, dass viele Hammer Ärzte im Rentenalter sind, insofern überrascht es nicht, dass das Thema nun akut wird. Ein Ergebnis der Sitzung war, dass eine Arbeitsgruppe Maßnahmen planen sollte, um die Lage zu bessern. Dann kam die Coronakrise – für die Arbeitsgruppe blieb keine Zeit.

Der Kassenärztlichen Vereinigung zufolge gibt es in Hamm übrigens noch kein Problem. Ihrer Statistik zufolge sind in Hamm 95,75 Zulassungen für Hausärzte registriert. Das ist nur eine weniger als vor einem Jahr. Dem Ärzteverein sowie dem WA sind zehn Praxen bekannt, die im vergangenen Jahr ohne Nachfolger geschlossen haben. Dass Statistik und Realität hier voneinander abweichen liegt unter anderem daran, dass Ärzte in der Statistik der KV noch monatelang auftauchen, auch wenn sie keine Patienten mehr behandeln und ihre Praxen geschlossen haben. Die Kassenärztliche Vereinigung fördert die Ansiedlung neuer Praxen erst dann mit spezifischen Maßnahmen, wenn der Versorgungsgrad unter 75 Prozent fällt. In Hamm liegt er – bei 95,75 Zulassungen – bei 98,2 Prozent.

Veit-Diebold: Hausarzt arbeitet auch detektivisch

Veit-Diebold findet es schade, dass sich vergleichsweise wenige Mediziner entscheiden, Hausärzte zu werden. Sie mag den Austausch mit ihren Patienten, schätzt darüber hinaus ihre Patienten, die Südener, als freundliche Menschen, die mitarbeiten und nicht wegen Lappalien zum Arzt gingen. Außerdem sei es spannend, Hausarzt zu sein. „Dieses Detektivische, wenn nicht ganz klar ist, was ein Patient hat – dann eine Diagnose zu erarbeiten, ist interessant“, sagt sie.

Immerhin: Einigen Patienten bleibt sie erhalten. Sie bietet auch Psychotherapie an und wird mit halber Zulassung Patienten mit psychischen Problemen behandeln. Zudem leitet sie den Palliativmedizinischen Konsiliardienst. Auch damit will sie weitermachen.

So wie Veit-Diebold hören auch einige andere Mediziner nicht ganz auf, die das Rentenalter erreicht haben. Allerdings ist absehbar, dass sie nicht ewig ausgleichen können, dass Nachwuchs fehlt.

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