Hoher Aufwand bei Corona-Schutzimpfungen

Trotz Impffortschritt: Frust bei vielen Hammer Ärzten und Patienten

Eine Spritze wird mit dem Impfstoff von AstraZeneca aufgezogen.
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Zahlreiche Ärzte impfen, was das Zeug hält - trotzdem trifft sie oft die Wut von Patienten, die noch kein Impfangebot bekommen haben.

Der Impfturbo läuft, mehr als 86.000 Impfungen gegen das Coronavirus wurden in Hamm verabreicht. Immer mehr davon verabreichten Hausärzte - die nun an ihre Grenzen kommen. Der Impffrust wächst.

Hamm – Manchmal arbeitet die Hammer Hausärztin Dr. Esther Abrams bis weit nach Mitternacht. Sie geht Listen mit Patienten durch: Wer braucht jetzt eine Impfung, wer muss warten? Sie trägt ein, wen sie womit geimpft hat, rechnet ab, 20 Euro pro Impfung. „Dann mache ich eine Schlafpause, 7 Uhr geht es weiter.“ Abrams hat eine Praxis am Heessener Markt in Hamm. Hunderte Patienten hat sie gegen das Coronavirus Covid-19 geimpft. Sie sagt: „Ich kann verstehen, wenn Ärzte jetzt aus der Impfkampagne aussteigen wollen.“ (News zum Coronavirus in Hamm)

StadtHamm
Einwohner180.793 (Stand: 31.12.2020)
Impfungen gesamtMehr als 90.000 (Quelle: Stadt Hamm, Stand: 19.5.2021)
Davon bei niedergelassenen Ärzten23 Prozent

Coronavirus in Hamm: Ärzte bekommen Impffrust der Patienten ab

Der Sprecher des Hausärzteverbandes Nordrhein berichtete in dieser Woche von Hausärzten, die aufgehört haben, zu impfen: Zu groß sei der Aufwand, sagte Oliver Funken. Und zu groß sei auch der Frust vieler Patienten.

Frust, der sich beispielsweise in der Praxis von Dr. Swetlana Maslon und ihrem Kollegen Dr. Hubert Wischniowski entlädt. Sie haben eine Praxis in der Innenstadt. Viele Hammer drängten momentan auf Impftermine, damit sie im Sommer als vollständig Geimpfte in den Urlaub fahren können. Zudem komme es nicht gut an, wie unterschiedlich das Impftempo in den verschiedenen Praxen sei. Das berichtet auch Lorenz Ahlbrand, Hausarzt in Hövel. Mit dem Wegfall der Prioritäten seien große Bevölkerungsgruppen impfberechtigt. Da komme schon mal die Frage auf, warum man dann nicht auch geimpft werde. Inzwischen kennen viele bereits jemanden, der geimpft und vielleicht jünger ist als man selbst.

Impfung gegen Coronavirus: Patienten unterstellen, andere würden bevorzugt

Die Frage „Warum bin ich noch nicht dran?“, kennt auch Dr. Hermann Schlummer aus Rhynern. Der Unmut entlade sich meist am Telefon und nicht in der Praxis, sagt der Allgemeinmediziner. Die Unterstellung, andere würden bevorzugt, müssten sich seine Mitarbeiterinnen häufiger anhören.

Dabei impfen viele niedergelassene Ärzte, was das Zeug hält. Mehr als90.000 Impfungen gegen das Coronavirus wurden in Hamm inzwischen insgesamt durchgeführt. Fast ein Viertel davon verpassten niedergelassene Ärzte den Hammern – dabei sind sie erst Anfang April in die Impfkampagne eingestiegen, Monate nach den Impfzentren und mobilen Teams.

Organisation der Corona-Impfung: 20 Anrufe für fünf Impfdosen

Mit den Impfungen ist in den Praxen ein hoher Aufwand verbunden, beschreiben einige Hammer Ärzte. Die Heessener Ärztin Abrams sagt, dass teils 20 Anrufe nötig seien, um fünf Impfungen zu verabreichen: Schließlich müsse man erst einmal herausfinden, wer überhaupt für eine Impfung geeignet ist und noch keine hat. Oft müsse man Termine wieder absagen.

Aufgestauter Ärger: Bei Dr. Swetlana Maslon sind viele Patienten sauer, weil sie noch nicht geimpft werden.

„Wir bekommen selten so viel Impfstoff, wie wir bestellt haben“, sagt Abrams. Ihre Kollegin Maslon berichtet, dass ihre Arzthelferinnen mit manchen Patienten drei- bis viermal einen Impftermin vereinbart hätten, bevor der Impfstoff für den Patienten endlich ankam.

Wunsch einer Ärztin: Mehr Ärzte an Impfung beteiligen

Maslon wünscht sich, dass das aufhört. „Wir brauchen den Impfstoff, der bestellt wurde!“ Außerdem wünscht sie sich, dass mehr Ärzte impfen. Aktuell impfen laut der Kassenärztlichen Vereinigung etwa 80 Prozent der Hausärzte, aber nur 20 Prozent der Fachärzte. „Dabei haben die Fachärzte das im Studium auch gelernt“, sagt Maslon. Es würde Patienten und Hausärzte entlasten, wenn sich diese Kollegen an der Kampagne ebenfalls beteiligten.

Die Entlastung ist bei Maslon dringend nötig. Aktuell gehen dort 400 bis 500 Anrufe pro Tag ein, der Großteil dreht sich um Impfungen. Vor Corona waren es 100. Sie berichtet, dass insbesondere die Belastung der Arzthelferinnen enorm sei. Zudem müsse der Regelbetrieb weiterlaufen. „Wir impfen jetzt in der sechsten Woche“, sagt auch Ahlbrand. „Und wir arbeiten da lange Listen ab.“

Nach Impfung: Viel Zuspruch von den Patienten

Abrams und Schlummer berichten, dass sie viel Zuspruch erfahren, wenn die Patienten geimpft sind. Schlummer weiß aber noch nicht, wer zuerst drankommt, wenn am 7. Juni die Priorisierung wegfällt. Es sei nur gut, dass es vorangehe. Schließlich, so der Mediziner, tauchten ja auch die Alltagskrankheiten immer wieder auf. In einer Gemeinschaftspraxis sei die Zusatzbelastung noch zu schaffen, doch Kollegen, die allein arbeiten, könnten an ihre Grenzen kommen.

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