"Kopf hoch, auch wenn der Hals dreckig ist!"

Absage an die Krise: Diese Händler kämpften sich durch Corona zum Glück

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Jonglage in Corona-Zeiten: Markus Uhlig betreibt das Geschäft „Ballsportdirekt“ an der Nordstraße.

Der Wandel in der Hammer Innenstadt vollzieht sich schnell: Ter Veen ist geschlossen, Kaufhof und Spielwaren Kremers haben angekündigt zuzumachen, zahlreiche Einzelhändler klagen über Umsatzeinbußen in der Corona-Krise. Einige jedoch blicken mit Zuversicht in die Zukunft. Wie kommt das?

Hamm – Der Handelsverband rechnet für 2020 mit einem Umsatzminus von 40 Milliarden Euro. Er erklärt, mehr als jeder vierte Einzelhändler in Deutschland fürchte um seine Existenz. Und Margret Holota macht erst mal einen neuen Laden auf.

„Wir wollen in Oelde im September ein Geschäft eröffnen“, sagt Holota. Sie ist 62 Jahre alt und hat ihre erste Buchhandlung Akzente in Hamm vor bald drei Jahrzehnten aufgemacht. Heute gehören ihr zwei Geschäfte, eins an der Weststraße in Hamm und eins in Beckum. Holota klingt fast empört, als sie erzählt, dass es in Oelde seit fünf Jahren kein Buchgeschäft mehr gibt. „Ein gut sortierter Buchhandel gehört in jede Innenstadt!“, sagt sie. Er könne sogar Kunden anlocken.

Die Hammerin gehört zu den wenigen Geschäftsinhabern, die keine Krisenstimmung verbreiten. Die sind nicht ganz leicht zu finden - aber es gibt sie. Natürlich sieht auch Holota die aktuelle Lage mit Sorge: dass der Kaufhof schließen wird, die Inhaberin von Spielwaren Kremers angekündigt hat, zum Jahresende zuzumachen. Dass vielen Kollegen das Wasser bis zum Hals steht.

Doch ihr eigener Laden brummt. An einem normalen Vormittag in der Woche sind viele Kunden im Geschäft, sie stöbern, plaudern, kaufen. „Wir haben in diesem Jahr mehr Umsatz gemacht als im gleichen Zeitraum in den Vorjahren“, sagt Holota.

14-Stunden-Schichten während des Lockdowns

Während des Lockdowns schoben sie und ihre Mitarbeiter 14-Stunden-Schichten: Die Hammer bestellten Bücher über Bücher – nicht bei Amazon, nicht bei einer Kette, sondern im Onlineshop von Holota. „Ich glaube, dass das vielleicht die Belohnung für das ist, was wir 27 Jahre vorher gemacht haben.“ Und das war: Kunden gut beraten, gut behandeln – und ein bisschen mehr anbieten als nur das Kerngeschäft, Lesungen zum Beispiel.

Kunden in der Buchhandlung Holota. Der Laden läuft.

Das Geschäft außerhalb des Ladens spielt auch bei Markus Uhlig eine große Rolle. Wenn er seine Ladentür abgeschlossen hat, fährt er oft los in eins von 120 Vereinsheimen: Uhlig betreibt das Geschäft Ballsportdirekt an der Nordstraße. Er betreut mit seinem Team die Sport- und Schützenvereine sowie Freiwillige Feuerwehren als Kunden. Das heißt, er verkauft den Mitgliedern Sportbekleidung, die zum Verein passt, sucht mit den jeweiligen Verantwortlichen die passenden Hersteller aus, klärt, welche T-Shirts, Polohemden und Jogginganzüge auch in drei Jahren noch geliefert werden können. „Wir kümmern uns richtig um die Vereine“, sagt er.

„Man muss um seine Kunden kämpfen"

Zahlreiche Sportgeschäfte sind in der Krise. Auch Uhlig sagt, ihn habe der Lockdown hart getroffen. Schwarz sehen für die Zukunft will er dennoch nicht: „Man muss am Ball bleiben und um seine Kunden kämpfen“, sagt er. Das tut er, wenn er die Vereine betreut – aber auch mit seinem Laden. Er wolle mit seinem Sportgeschäft an der Nordstraße eine Anlaufstelle für Kunden jeden Alters sein. Auch in der Krise hat er sein Personal weiter beschäftigt. Eine gute Beratung sei die Basis für Erfolg bei den Kunden. So könne man auch in Zeiten bestehen, in denen viele im Netz kaufen. Ein Einkauf bei ihm solle Spaß machen, Menschen miteinander in Kontakt bringen. „Wenn das Geschäft ins Internet abwandert, ist das keine Entwicklung, sondern eine Verkümmerung“, glaubt Uhlig.

Und doch vollzieht sich der Wandel in der Innenstadt rapide. Das war schon vor dem Lockdown so. Im Herbst hat der Stadtrat das letzte Einzelhandelskonzept verabschiedet. Schon in diesem zeigte sich, dass in Hamm auf immer weniger Fläche etwas verkauft wird.

Viele Leerstände in der Innenstadt

Binnen 15 Jahren ist die Verkaufsfläche in der Innenstadt um ein Viertel gesunken – und die Umwandlung des früheren Ter Veen vom Kaufhaus in ein Hotel ist noch gar nicht eingerechnet. Dazu kommen Leerstände in der Innenstadt. Bei einigen Geschäften ist unklar, ob sie je wieder öffnen werden.

2017 war Andree Bredthauer so weit, dass er aufgeben wollte. Er hatte 2012 das erste Mal ein Geschäft für Rahmungen und Bilder in Hamm eröffnet, am Marktplatz. Dann wurde das Gebäude renoviert, er zog in das ehemalige Geschäft von Musik Blum. Doch auch das war kein idealer Standort für ihn, er war fast bankrott. Man bot ihm an, in das frühere Geschäft Pfaff an der Oststraße einzuziehen. „Ich wusste nicht, ob ich das machen sollte“, sagt er.

Am früheren Standort von "Pfaff" hat sich Andree Bredthauer eine Stammkundschaft erschlossen.

Stammkundschaft aufgebaut, Laden läuft

Er wagte den Schritt – jetzt läuft der Laden. Bredthauer hat sich eine Stammkundschaft aufgebaut. Viele Familien bringen ihm ihre Bilder, die er rahmt. Er verkauft Postkarten und Kunstdrucke, reinigt Ölbilder. „Ich traue mich kaum, das zu sagen – aber der Lockdown war das Beste, was mir passieren konnte“, sagt Bredthauer. Die Menschen seien plötzlich auf ihr Zuhause zurückgeworfen gewesen. Sie hätten gesehen, wo sie noch etwas schöner machen und anders gestalten konnten – und kommen nun zu ihm.

Vier Dinge brauchen Ladeninhaber Bredthauer zufolge: Ellbogen, Durchhaltevermögen, Service und Freundlichkeit. „Meine Oma hat immer gesagt: Kopf hoch, auch wenn der Hals dreckig ist.“ Man solle versuchen, sich auf seine Stärken zu konzentrieren und auch in schwierigen Situationen weiterzumachen. Dann komme auch der Erfolg.

Diese Unterstützung fordern die Händler:

Die drei Händler wünschen sich mehr Unterstützung, damit die Innenstadt in Zukunft für Kunden und Geschäftsinhaber attraktiv bleibt. „Wir brauchen eine gute Beleuchtung“, sagt Holota. Abends sei die Straße vor ihrem Geschäft ein Angstraum – das sei kontraproduktiv.

Auch Bredthauer findet, dass für die Aufenthaltsqualität in der östlichen Innenstadt mehr getan werden müsse. Der Ordnungsdienst halte sich meist in der westlichen Innenstadt auf und verliere dabei den Osten mitunter aus dem Blick.

Uhlig ist das Thema Sicherheit wichtig. Seine Mitarbeiter müssten immer wieder Diebstahlversuche unterbringen. „Das ist für ein tolles Team ja nicht gerade motivierend“, sagt er.

Alle wünschen sich ein klares Konzept für die Zukunft der Innenstadt. An einem solchen Konzept arbeitet die Verwaltung seit Jahren, Perspektive Innenstadt 2030 heißt es. Im Herbst sollen Details dazu vorgestellt werden, erklärt Klaus Ernst vom Stadtmarketing. Zwei Beispiele: Bereits in diesem Jahr würden die Leuchtmittel in den Straßenlaternen getauscht, damit es abends heller sei. Zudem würden W-Lan-Router an den Laternen angebracht.

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