Trockener Alkoholiker leitet Abstinenzforum

Heinz Rode aus Hamm: „Habe 20 Jahre im Voraus getrunken“

+
In Heinz Rodes Wohnung reiht sich ein Aktenordner an den nächsten, in jedem geht es um Alkoholsucht. Rode selbst ist seit Jahrzehnten trocken.

Hamm - Heinz Rode vom Hammer Abstinenzforum erzählt, wie ihm Alkohol das Leben gerettet hat – und wieso er trotzdem verzichtet: „Ich habe 20 Jahre im Voraus getrunken.“

Der Alkohol bestimmt große Teile von Heinz Rodes Leben, obwohl er seit 43 Jahren keinen Tropfen trinkt. Rode ist trockener Alkoholiker und leitet den Verein Abstinenzforum, der nun 35 Jahre besteht. WA.de hat ihn getroffen.

Sie sagen, der Alkohol hat einmal Ihr Leben gerettet. Wie kam es dazu?

Heinz Rode: Ich hatte als Jugendlicher Tuberkulose und mir musste einen großer Teil der Lunge entfernt werden. Ich bin abgemagert, wog noch knapp 50 Kilo und konnte kein Essen bei mir behalten. Irgendwann kam der Chefarzt mit einem Piccolo Sekt zur Visite. Den habe ich getrunken und erstaunlicherweise bei mir behalten. Ab da ging es langsam bergauf.

War das der Beginn Ihrer Alkoholsucht?

Das Glas mit dem Stacheldraht hat Rode von einem früheren Mitglied der Gruppe geschenkt bekommen.

Rode: Nein, das kam später. Ich musste zweieinhalb Jahre lang in der Klinik bleiben, hatte noch ein halbes Jahr Schonzeit – und das als junger Mensch. Als die Schonzeit vorbei war, bin ich tanzen gegangen. Ich habe gleich eine nette Frau kennengelernt. Ein halbes Jahr später mussten wir heiraten.

Sie war schwanger? 

Rode: Genau. Ich war 23. Wir haben innerhalb von einem Jahr zwei Töchter bekommen. Ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet, Verantwortung zu übernehmen. Ich wusste auch nicht, was es bedeutet, Vater zu werden. Da habe ich langsam aus unbewusster Überforderung heraus angefangen, regelmäßig zu trinken.

Dieses regelmäßige Trinken ist ja nicht selten. In fast allen Familien gibt es jemanden, der sich jeden Abend ein Bier aufmacht, Wein oder Schnaps trinkt. Wann muss man sich Sorgen machen?

Rode: Jeder, der Alkohol trinkt, kann alkoholkrank werden. Und wer sich fragt, ob er ein Problem mit Alkohol hat, hat es meist schon. Es gibt viele Typen von Alkoholikern. Wenn jemand regelmäßig, zu ungewöhnlichen Zeiten oder unpassenden Gelegenheiten trinkt, vielleicht, um Konflikte zu bewältigen, sollte er sich Hilfe holen. Bei mir zum Beispiel. Auch die Partner eines Betroffenen sollten bei Auffälligkeiten Informationen einholen. Jede Beteuerung des Betroffenen ist ein Hinhalten, das Suchtverhalten verschlimmert sich.

Was machen Sie, wenn sich jemand bei Ihnen meldet? 

Rode: Ich lade die Personen ein, die kommen dann zu mir nach Hause, allein oder mit Partner zu einem vertraulichen Gespräch. Dann reden wir. Ich frage, ob sie erst über ihre Krankheit reden möchten oder ob ich zunächst von mir berichten soll.

Wer sitzt da bei Ihnen? 

Rode: Das sind alle Menschen, Lehrer genauso wie Arbeiter, Frauen, Männer, alle Einkommens- und Bildungsschichten, nicht abhängig von Glaubensbekenntnissen oder sozialem Stand. In den meisten Fällen verharmlosen sie die Krankheit und glauben, dass sie kein großes Problem mit dem Alkohol haben. Manche sitzen mit einer Riesenfahne vor mir, sagen aber, dass sie vor zwei Wochen das letzte Mal Alkohol getrunken haben. Das geht an der Realität vorbei. Außerdem leiden alle unter Abwehrmechanismen, bagatellisieren, verharmlosen, lügen, verstecken sich und so weiter.

War das bei Ihnen auch so? 

Rode: Ja. Ich habe mir lange nicht eingestanden, dass ich ein Problem habe. Wie die meisten Alkoholkranken war ich ein Spiegeltrinker, ich brauchte immer einen gewissen Alkoholspiegel, um klarzukommen. Dann fühlte ich mich einigermaßen gut.

Wie viel war das?

Rode: Etwa eine Flasche Korn oder Weinbrand am Tag, gemixt mit Sprudel oder Cola.

Und ging es Ihnen damit tatsächlich gut?

Rode: Nein. Ich hatte Stress mit mir, mit meiner Frau, habe des Öfteren meinen Job verloren und unter Verfolgungswahn gelitten. Wenn ich über die Straße gegangen bin, habe ich immer wieder über meine Schulter geschaut, gedacht, dass mich jemand verfolgt oder mich alle Menschen aus dem Fenster beobachten. Zudem habe ich meinen Führerschein durch den übermäßigen Alkoholkonsum verloren. Alkohol ist ein Zellgift und vernichtet bei jedem Vollrausch viele Gehirnzellen. Irgendwann konnte ich mich nicht mehr leiden und wollte das nicht mehr.

Was haben Sie gemacht? 

Rode: Ich habe meine Mutter um Hilfe gebeten. Sie hat mir einen Bekannten vorbeigeschickt, an den ich mich aus früheren Jahren gut erinnern konnte. Der Mann ist vor meinen Augen betrunken mit dem Motorrad in einen Graben gefahren, sein Sohn saß vor ihm und flog bei dem Unfall zwei, drei Meter durch die Luft. Und der sollte mir helfen? Ich habe ihm erst mal gesagt, dass er selber ein Säufer ist. Er entgegnete: „Ja, aber das ist elf Jahre her.“ Seitdem lebte er alkoholabstinent und war Leiter einer Gruppe.

Was hat er Ihnen geraten?

Rode: Einen Entzug zu machen. Ich war dafür in einer Klinik zu einer Entgiftung. Danach habe ich etwa ein Jahr lang keinen Alkohol getrunken, wusste aber nicht, warum – ich habe die Krankheit nicht ernst genommen und nicht verstanden. Dann hatte ich einen Rückfall. Irgendwann hat mir meine Frau gesagt, dass sie mich aus der Wohnung wirft, wenn ich nichts Konkretes unternehme. Wir haben noch eine Flasche Wein zusammen getrunken. Dann habe ich mich auf die Couch gelegt und meine Entzugserscheinungen halbwegs gut überstanden. Das war der letzte Alkoholkonsum in meinem Leben.

Wann war das?

Rode: Am 13. März 1975. Also lebe ich seit 43 Jahren abstinent.

Warum hat es diesmal geklappt? 

Das Abstinenzforum

Den Verein Abstinenzforum hat Heinz Rode vor 35 Jahren gegründet. Wer bei dem Verein Hilfe sucht, führt zunächst ein vertrauliches Gespräch mit Rode. Außerdem trifft sich die Gruppe einmal pro Woche in einem vertraulichen und geschützten Rahmen, um sich über ein alkoholabstinentes Leben auszutauschen. Zusätzlich bietet der Verein Seminare an. Kontakt: Heinz Rode, Rufnummer 02381/21677.

Rode: Es lag daran, dass ich meine Probleme mit Hilfe einer Selbsthilfegruppe und selbst betroffenen Personen angegangen bin. Alkoholkrank bin ich ja nicht nur geworden, weil ich nach der Geburt meiner Kinder überfordert war. Alkoholsucht ist multifaktoriell. Sie kann an Minderwertigkeitskomplexen liegen, Reifungsdefiziten, Entwicklungsstörungen und vielen anderen Ursachen. Ich hatte eigentlich eine schöne Kindheit, aber sie hatte auch Schattenseiten. Meine Mutter hatte eine psychische Erkrankung, das hat mich sehr belastet. Und ich habe als Kind – wie andere Kinder auch – viel Blödsinn gemacht. Meine Mutter hat mir dann gedroht: „Warte, bis dein Vater nach Hause kommt, dann kriegst du eine Tracht Prügel.“ Dann habe ich den ganzen Tag in Angst gelebt und mich gefragt, ob ich abends wirklich verprügelt würde oder nicht. Dieses Gefühl beschleicht mich teilweise heute noch, diese Ungewissheit, ob bald etwas Schlimmes passieren wird. Ich habe inzwischen gelernt, damit gut umzugehen.

Wie sind Sie die Probleme angegangen? 

Rode: Nachdem ich aufgehört habe zu trinken, habe ich gesundheitsbedingt eine Umschulung zum Arbeitspädagogen gemacht. In dieser Ausbildung waren unter anderem Alkoholsucht und Psychologie große Themen. Zudem habe ich 20 Jahre diesen Beruf in Suchtkliniken und psychiatrischen Einrichtungen gearbeitet. Umweiter trocken zu bleiben, hat es mir auch geholfen, mich regelmäßig in einer Selbsthilfegruppe zu engagieren.

Was bringt die Gruppe? 

Rode: Ich habe vor 35 Jahren diese Gruppe gegründet und sie zeigt mir, dass ich nicht allein bin. Die Allgemeinheit hat oft von einem Säufer so ein Bild im Kopf: Dass er nicht sauber ist, sich nicht wäscht, halb verwahrlost lebt, sich nicht vernünftig ernährt, unzuverlässig ist und keine Arbeit hat. In der Gruppe merke ich, dass es jeden treffen kann – und dass alle Menschen mit Würde und Respekt behandelt werden müssen. Mit dem Abstinenzforum bieten wir Schulungen, Seminare und Fortbildungen für die Mitglieder an. Wir finden neue Möglichkeiten, lernen Strategien und Fähigkeiten, uns gegen Rückschläge zu wappnen. Wir lernen, mit dem Alkohol zu leben, ohne ihn zu gebrauchen. Das kostet nicht viel und kann das Leben für alle Beteiligten in der Familie wieder lebenswert machen. Jeder trockene Alkoholkranke denkt ja, er trinkt nie wieder und kann seine Konflikte selber lösen. Und dann passiert es doch.

Wie kommt das? 

Rode: Meist, wenn man eine Krise oder Probleme hat. Wenn man sich nicht aktiv mit der Krankheit auseinander setzt. Es ist auch möglich, dass die Personen kein ausgewogenes Leben führen, keinen strukturierten Tagesablauf haben und leichtsinnig sind, aus Euphorie wieder zum Alkohol greifen. Man muss wissen, wie man Schicksalsschläge und Probleme angehen kann, damit es dann nicht zum erneuten Alkoholkonsum und zum Rückfall kommt.

Das Ziel ihrer Gruppe ist es, das Leben ohne Alkohol als Gewinn anzusehen und nicht als Verzicht. Wer eine Party besucht, bekommt den Eindruck, dass es anders herum ist – wer nicht trinken will oder darf, wird bedauert, weil er verzichten muss. Woran liegt das?

Rode: Alkohol zu trinken, ist in unserer Gesellschaft ganz normal und gehört als Kulturgut einfach zum Leben. Es gibt kaum eine Veranstaltung, wo der Alkohol keine Vormachtstellung hat. Wenn ich irgendwo hinkomme oder eingeladen bin, wird mir ein Bier oder Schnaps angeboten – fast nie eine Tasse Kaffee. Ich kann sogar verstehen, dass Alkohol als Gewinn angesehen wird. Alkohol ist ein Genussmittel, Geschmacksträger, soziales Schmiermittel, Lösungsmittel, Lebensmittel, vieles mehr. Und es ist eben auch ein Suchtmittel.

Und für Sie ist der Verzicht darauf ein Gewinn?

Rode: Ja, immer wieder. Durch das Leben ohne Alkohol habe ich im sozialen Bereich nur Vorteile gehabt, im finanziellen, im beruflichen und im gesundheitlichen sowieso. Zudem denke ich dankend an die vielen Unterstützer, die mich bis heute begleitet haben. Wir müssen in unserer Gesellschaft dem Alkohol so viel Bedeutung beimessen wie dem Umweltschutz.

Wie reagieren Sie, wenn Ihnen jemand ein Bier anbietet? 

Rode: Ich lehne dankend ab. Manchmal erkläre ich, dass ich schon 20 Jahre im Voraus getrunken habe.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare