111 Jahre geschafft, aber Corona hat Wunden verursacht

Traditions-Schuhhaus Löcke: „Fühlen uns ungleich behandelt“

Andrea und Dietmar Löcke vor ihrem traditionsreichen Schuh-Fachgeschäft an der Hauptstraße in Bockum.
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Halten trotz Corona-Einschränkunken stand: Andrea und Dietmar Löcke vor ihrem traditionsreichen Schuh-Fachgeschäft an der Hauptstraße in Bockum, das in diesem Jahr 111 Jahre besteht.

Mit Freundlichkeit, Service und Kompetenz führen Andrea und Dietmar Löcke ihr Schuhhaus an der Hauptstraße 1 in Bockum-Hövel in dritter Generation. Sie sind im 111. Jahr ihres Bestehens, doch wenn Dietmar Löcke auf die aktuelle Situation angesprochen wird, merkt man die Anspannung: Der Inhaber beklagt die Ungleichbehandlung der inhabergeführten Fachgeschäfte, gegenüber großen Handelsketten.

Bockum-Hövel – „Vom 15. Dezember 2020 bis zum 6. März hatten wir geschlossen und mussten vom 12. April bis 15. Mai wieder zumachen. Dafür fehlt mir jedes Verständnis“, so der Unternehmer. Sein Unternehmen gebe es durchaus her, die Kunden in begrenzter Zahl hereinzulassen, auf einem Weg durch den Verkaufsraum zu leiten und schließlich durch eine andere Tür wieder herauszulassen. Plexiglas an der Verkaufstheke, Desinfektionsmittel und regelmäßiges Lüften seien seit Beginn der Pandemie sowieso selbstverständlich.

Demgegenüber hätten auch in den schwersten Zeiten viele Leute in die Discounter gedurft, die auch Sortimente geführt hätten, die nichts mit Lebensmitteln zu tun hatten. „Zu Beginn der Pandemie hatten wir ja volles Verständnis“, sagt seine Frau Andrea. Zu der Zeit wurde dort der Zutritt überwacht und jeder Einkaufswagen desinfiziert. Doch das sei zunehmend laxer gehandhabt worden, während Geschäften wie ihrem mit „Click and Collect“ nur behelfsmäßige Lösungen zugebilligt wurden.

„Die Füße müssen uns ein ganzes Leben tragen und da ist eine gute Beratung wichtig“, sagt Löcke. So habe dieses „Click and Collect“-Prinzip bei erwachsenen, bekannten Stammkunden zwar funktioniert. „Deren Füße kennen wir, darum haben wir mehrere Paar Schuhe an der Tür zur Auswahl übergeben“, so Dietmar Löcke. Später brachten sie die übrigen Modelle zurück und hätten gezahlt. Dafür wolle er seinen Kunden danken. Doch andere Leute hätten sich beholfen, indem sie einfach mehrere Paar Schuhe online bestellt haben und die überzähligen zurücksendeten.

„Mir taten die Paketfahrer echt leid“

„Ohne Beratung und mit einem riesigen Aufwand für die Umwelt und die Paketfahrer“, sagt Löcke. Das Wachsen des Versandhandels habe er auch daran gemerkt, dass seine Lieferungen erst spätabends statt vormittags eintrafen. „Da taten mir die Paketfahrer echt leid“, so Löcke. Doch noch ein anderes Argument für den Fachhandel liegt ihm auf der Seele: Gerade bei Kindern und Jugendlichen, die sich ja unterschiedlich im Wachstum befänden, sei eine individuelle Beratung unumgänglich. „Nach dem ersten Lockdown kam direkt eine Mutter mit Kind, um neue Kinderschuhe einzukaufen“, so der Fachmann.

Stammkunden: Nils und Denise Dasbeck haben ihrer kleinen Paula bei Löcke die ersten Schuhe gekauft.

Dieses Kind habe Schuhe in Größe 20 getragen, benötigte aber Größe 23. „Da waren die ganzen Zehen krumm reingepresst“, so Löcke. Das sei für Haltung und Bewegung eine Katastrophe. Wie zum Beweis seiner Aussage betritt in diesem Moment Familie Dasbeck das Geschäft. Denise und Nils Dasbeck wollen ihrer einjährigen Tochter Paula das erste Paar Schuhe kaufen. Sofort beginnt eine Beratung wie aus dem Lehrbuch: Dietmar Löcke begibt sich auf Augenhöhe mit der kleinen Paula, betrachtet ihre kleinen Füße und zeigt, welche Schuhe von Größe und Fußbett ideal für das Kind seien.

Das Schuhhaus Löcke

Am 1. Oktober 1910 machte sich der Schuhmachermeister Heinrich Löcke in Bockum-Hövel selbstständig. Schuhmachermeister Paul Löcke übernahm den elterlichen Betrieb im Jahr 1965. Am 28. Februar 1980 wurde der Neubau mit dem Geschäft an der Hauptstraße 1 eröffnet und am 1. Januar 1992 übernahm der heutige Inhaber Dietmar Löcke den Betrieb. Senior-Chef Paul Löcke hat übrigens bis zu seinem 95. Lebensjahr mitgearbeitet und freut sich auf seinen 100. Geburtstag am 10. Oktober.

„Wir fahren auch in Seniorenheime“

Aus der Auswahl probieren Paula und ihre Eltern ein Paar aus und nur Sekunden später geht Paula an der Hand des Papas stolz mit ihren ersten Schuhen durchs Geschäft. „Wir wollten, dass Paula ihre ersten Schuhe hier bekommt, denn hier habe auch ich meine ersten Schühchen bekommen“, sagt Mutter Denise. Momente wie diesen habe er oft erlebt, sagt Dietmar Löcke.

Da zahle es sich aus, dass er und seine Frau immer für die Kunden da seien. „Wir fahren auch in Seniorenheime und bringen Schuhe zum Anprobieren mit“, sagt er. Dieser Service werde geschätzt, aber auch immer seltener. „Früher gab es sechs Schuh-Fachgeschäfte in Bockum-Hövel, nun sind wir die letzten“, sagt Andrea Löcke. Aber sie wollten nun, angesichts der Lockerungen, das 111-jährige Bestehen mit den Kunden feiern und noch einige Jahre weitermachen.

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