Tourneetheater Greve zeigt Kishon-Satire zäh inszeniert

HAMM ▪ Es ist schon bemerkenswert, wie es manchen Ensembles gelingt, den eigentlich „knackig“ kurzen Inhalt eines Theaterstücks zeitlich wie ein Kaugummi in die Länge zu ziehen.

„Gelungen“ ist das dem Tourneetheater Greve mit der von Manfred Greve inszenierten Kishon-Komödie „Zieh den Stecker raus, das Wasser kocht“, die am Sonntag rund 150 Zuschauer im Kurhaus sahen.

Zäh zogen sich die Dialoge durch den Abend, Versprecher und misslungene Einsätze gab es mehrfach, insgesamt schien die Bühne für die Aktionen zu groß geraten, und die Pausen zwischen den Akten dienten wohl eher dem Selbstzweck der Musikeinspielungen aus „Konserven“ als einem eigentlichen Umbau auf der Bühne.

Dabei ist der Inhalt der Satire so aktuell wie bei ihrem Erscheinen 1965 – es ist die Suche nach Neuem in der Kunstszene: Der Maler Raphael Schlesinger fristet der brotlosen Kunst konventioneller Malerei, bis Kalman M. Kaschtan, „der“ Kunstkritiker-Papst, per Zufall in seinem Atelier eine abstruse Turm-Konstruktion aus Tisch, Bibel, Sessel, Regal und Teekessel allein durch seine Definition der spontan erfundenen Sparte „Mobiliarismus“ zuordnet und zum Kunstwerk erhebt.

Natürlich gibt es derartige Situationen auch heute noch – auch, wenn „Otto Normalverbraucher“ oft nur selten die Definitionen der selbst ernannten Fachleute nachvollziehen kann. Letztere will Ephraim Kishon aber auch nicht entlarven, sondern diejenigen, die den Kunstmarkt beeinflussen: den Galeristen beispielsweise, den Reinhard Horras als großspurigen, anmaßenden Joseph Pickler darstellte, oder das reiche Amerikaner-Ehepaar Green, das einfach nur Geld zum Fenster hinausschmeißen möchte.

Hans-Jürgen Gündling als Mr. Green war kaum mehr als körperlich auf der Bühne anwesend, während Frederike Bohr als bunter Paradiesvogel eine amüsante Karikatur seiner Frau, einer „typisch“ überdrehten Amerikanerin, lieferte. Bohr gab in weiteren Nebenrollen auch zwei Journalistinnen Profil. Das gelang Andreas Edelblut als eigentlichem Hauptdarsteller nicht: Für einen Künstler war es zu wenig exzentrisch, zu wenig extrovertiert, zu „brav“. Darum passte Nina Selchow als seine Freundin Dahlia zu ihm, die ebenfalls blass blieb.

Voll ausgekostet hat dagegen Rainer Delventhal seine Rolle als Kunstkritiker – schon in seiner Kostümierung in traditionell schwarzer Kluft eines orthodoxen Juden mit passend-unpassenden Turnschuhen eine Karikatur seiner selbst, die er dadurch noch überzeichnete, dass er versuchte, den unverwechselbaren Dialekt des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki zu imitieren. Weniger überzeugend war Delventhal allerdings als Inkarnation des dem Bilderrahmen entstiegener Rembrandt. ▪ Von Gisbert Sander

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