Die Toten von Radbod lassen sich kaum zählen

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Ute Knopp vom Stadtarchiv ist dankbar für die Aufzeichnungen, die ihr Mitglieder des „Geschichtskreises Zeche Radbod“ jetzt zur Verfügung gestellt haben. Daraus geht hervor, dass weit mehr als 800 Bergleute auf Radbod ihr Leben lassen mussten. Zu diesem Ergebnis sind bei ihrer Recherchearbeit Heinz Assmann (links), Arthur Ensenbach (von rechts), Hans Günter Kaim und Oskar Baumgärtel gekommen. ▪

BOCKUM-HÖVEL ▪ Wenn man über die Toten von Radbod spricht, dann sind meist die 350 Bergleute gemeint, die am 12. November 1908 bei einem der schwersten Grubenunglücke ihr Leben auf der hiesigen Zeche lassen mussten. Dass es aber während des laufenden Betriebes bis zum Jahre 1989 auf der Bockum-Höveler Schachtanlage mindestens 822 tödlich verunglückte Kumpel gegeben hat, das wissen die wenigsten.

Diese Zahl nennen die Mitglieder des „Geschichtskreises Zeche Radbod“, in dem sich mehr als zehn ehemalige Bergbaubeschäftigte regelmäßig treffen. Sie haben vor zwei Jahren mit ihrer intensiven Recherche nach Todeszahlen begonnen, nachdem im Zusammenhang des 100. Jahrestages des folgenschweren Grubenunglücks von ehemaligen Kumpel darauf hingewiesen worden war, dass Radbod noch viel mehr Frauen zu Witwen und Kinder zu Waisen gemacht hat. Allein in den zehn Monaten vor der Schlagwetterexplosion 1908 waren sechs Bergleute tödlich verunglückt. Das geht aus einer Statistik hervor, die die Bergbauberufsgenossenschaft im Jahre 1954 veröffentlicht hatte. In den ersten 54 Jahren haben demnach 732 Männer auf Radbod ihr Leben gelassen. Diese Statistik, in der allerdings keine Namen genannt werden, weist allerdings nur die Kumpel auf, für die auch wirklich von der Bergbauberufsgenossenschaft Entschädigungen gezahlt wurden. Da es aber durchaus noch anderes Todesfälle gegeben hat, dürfte die Zahl noch wesentlich höher liegen, meinen Heinz Assmann, Arthur Ensenbach und Oskar Baumgärtel nach ihren Recherchen. Die Mitglieder des Geschichtskreises merken aber auch an, dass seit den 60er Jahren die Zahl der tödlich Verunglückten erheblich zurückgegangen ist. In manchen Jahren vor der Zechenschließung habe es nicht einen tödlichen Unfall gegeben. Das sei nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass sich Betriebsräte und Arbeitsdirektoren intensiv um die Sicherheit der Kumpel gekümmert hätten.

Dass man heute vielen tödlich Verunglückten auf der Zeche Radbod einen Namen zuordnen kann, ist Aufzeichnungen zu verdanken, die aus der Abteilung Arbeitsschutz und Sicherheit nach der Zechenschließung gerettet werden konnten. Hans Günter Kaim, der selbst in dieser Abteilung gearbeitet hatte, hatte ein Augenmerk auf die zwei Bücher gelegt, in den die Unfälle mit tödlichem Ausgang von 1918 bis 1971 und von 1939 bis 1989 festgehalten worden waren. Diese Unfallstatistiken hat der Geschichtskreis jetzt dem Stadtarchiv übergeben. Ute Knopp, die Leiterin des Stadtarchivs, ist natürlich dankbar für diese nicht alltägliche Quelle, die im Archiv gesichert werden kann. „Für mich ist das ein Vertrauensbeweis, dass uns solche Originale für unsere Arbeit zur Verfügung gestellt werden.“ Darauf könne sich dann eine Forschungsarbeit zur Aufarbeitung der Bergbauunglücke in Hamm aufbauen. So etwas könne natürlich von einem Geschichtskreis nicht erwartet werden, meint Heinz Assmann, der von einem „Glücksfall“ spricht, dass die Bücher über die Unfallanzeigen gerettet werden konnten. Diese Sicherstellung sei auf anderen Schachtanlagen, die geschlossen wurden, oft nicht gelungen. ▪ hwa

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