Stichtag 13. September 1983

THTR: Das Milliardengrab von Uentrop wird 30

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Das stillgelegte Reaktorgebäude und angrenzende Gebäude im Jahr 2000.

HAMM - Es sollte ein technologischer Meilenstein der Energiewirtschaft werden, doch das Unterfangen geriet zum gigantischen Fehlschlag: Vor 30 Jahren erfolgte im Thorium-Hochtemperaturreaktor (THTR) des Kraftwerkes Uentrop-Schmehausen erstmals eine kontrollierte Kernspaltung.

Von Ulrich Heitger

Der „Kugelhaufenreaktor“ in der Vogelperspektive.

Die Ursprünge des ehrgeizigen Projektes reichen bis in die 1960er Jahre zurück und mündeten zunächst in der Gründung der „Hochtemperaturkraftwerk GmbH, Hamm“ (HKG), einem Konsortium unter maßgeblicher Beteiligung der VEW (Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen). Es sah die Errichtung eines gasgekühlten Hochtemperaturreaktors mit einer von 300 Megawatt vor. Der Reaktor sollte nicht mit den herkömmlichen Brennstäben bestückt werden, sondern mit tennisballähnlichen, graphitummantelten Kugeln. Dieser Prototyp einer neuen Generation von Atomkraftwerken versprach eine Verminderung der Unfall- und Strahlungsrisiken im Vergleich zu den bestehenden Leichtwasserreaktoren und dazu einen höheren Wirkungsgrad.

Die Bauarbeiten begannen Anfang Mai 1971. Die glitzernde Aluminiumhülle des 147 Meter hohen Kühlturms, fertiggestellt im Oktober 1976, wurde zum neuen Wahrzeichen der Region. Ein Autofahrer erinnert sich: „Wenn ich auf der A2 aus Richtung Hannover in Richtung Hamm fuhr, wusste ich, gleich bin gleich zu Hause.“

Ein gravierender Störfall leitete das Ende ein

Technologische Probleme verzögerten die Bauarbeiten immer wieder. Zudem formierte sich auch der Widerstand gegen die Anlage. Die „Bürgerinitiative Umweltschutz Hamm“ veranstaltete am 12. April 1977 eine erste große Protestveranstaltung mit 1000 Kernkraftgegnern. Aus ihren Reihen kamen auch juristische Einsprüche gegen den Bau der Anlage.

Proteste begleiteten den Bau des Kraftwerks.

Doch letztlich konnte weitergebaut werden, und nach dem 13. September 1983 lief der Versuchsbetrieb an. Befanden sich bei der ersten Inbetriebnahme des Reaktors rund 200.000 Kugeln im Reaktorbehälter, so wurde diese Zahl allmählich auf über 600.000 gesteigert. Am 9. April 1985 erteilte die zuständige Behörde eine befristete Betriebsgenehmigung; es dauerte aber noch bis Mitte November des Jahres, dass der THTR erstmals Strom ins Netz einspeiste.

80 zu meldende Ereignisse an 423 Betriebstagen

Nur ein halbes Jahr später, am 4. Mai 1986, kam es dann zu einem schwerwiegenden Störfall, dessen tatsächliches Ausmaß aber erst einige Tage später bekannt wurde. Hintergrund dafür war einerseits eine Verschleierungsstrategie des Reaktorbetreibers und andererseits, dass zum Zeitpunkt des Störfalls große Mengen an radioaktiver Strahlung aus Tschernobyl Westdeutschland erreichten. In dem ukrainischen Kernkraftwerk war es acht Tage zuvor zur Explosion eines Reaktorblocks gekommen, der eine gigantische Freisetzung von Radioaktivität zur Folge hatte.

Diese gefährliche Belastung wurde von den zuständigen Einrichtungen systematisch erfasst, wobei für die Umgebung des Uentroper Reaktors ein um ein Mehrfaches höhere Werte als im übrigen Landesgebiet gemessen wurde. Und einige Tage später folgte der wissenschaftliche Nachweis, dass diese auf eine Emission des Hammer Reaktors zurückzuführen waren. Zudem ergab die Auswertung der Betriebsprotokolle, dass ausgerechnet zur Zeit des Störfalls die Emissionskontrolle des Uentroper Meilers zeitweilig abgeschaltet worden war.

Die Schwere des Störfalls und dessen Verharmlosung durch die Uentroper Betriebsführung führte offenbar bei den Aufsichtsbehörden zu einem nachhaltigen Vertrauensverlust. Das Düsseldorfer Wirtschaftsministerium setzte eine Untersuchungskommission ein. Nach einigen Wochen durfte die Anlage wieder angefahren werden, doch zogen die einstigen Förderer des Vorzeigeprojektes nun ihre Unterstützung zurück.

Auch in der Folgezeit verlief der Kraftwerksbetrieb aufgrund technischer Schwierigkeiten immer wieder nur eingeschränkt. Es gab viel mehr Bruchschäden an den Brennelementen als vorausberechnet. Zudem wurde 1988 die THTR-Brennelementefabrik in Hanau aus Sicherheitsgründen stillgelegt. Damit war die ohnehin aufwändige Versorgung des Uentroper Reaktors mit Kernbrennstoff in Frage gestellt.

Spektakulär und symbolhaft: 1991 wurde der Kühlturm des THTR gesprengt.

Im Herbst 1988 kam dann das Ende des Kraftwerksbetriebes. Ausschlaggebend war, dass anlässlich einer Routinekontrolle festgestellt wurde, dass 35 von 3000 Bolzen eines Heißgaskanals schadhaft waren. Zunächst wurde ein befristeter Auslaufbetrieb ins Auge gefasst, doch ein rentablen Betrieb des Meilers konnte definitiv nicht mehr erreicht werden. Und so beschlossen Mitte August 1989 die Beteiligten (Bund, Land, Betreiber), den Thorium-Hochtemperaturreaktor von Hamm-Uentrop endgültig stillzulegen.

Die Bilanz des Kraftwerksbetriebs stand in keinem Verhältnis zum Aufwand. Der Reaktor kam insgesamt lediglich auf 423 Tage „Volllastbetrieb“, errechnet aus 16.410 Betriebsstunden. Dabei hatte es nach Aussage der Betreiberfirma 80 meldepflichtige Ereignisse, also Störfälle, gegeben. Rund vier Milliarden D-Mark hatten Entwicklung und Bau des THTR verschlungen, wovon allein der Bund über 60 Prozent übernommen hatte.

Rückbau verschlingt jährlich Millionen Euro

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Anfang der 1990er Jahre begann der Rückbau der Kraftwerksanlagen, soweit dies strahlungstechnisch möglich war. Beispielsweise wurde die Dampfturbine wurde in Türkei verkauft. Am 11. September 1991 wurde der riesige Trockenkühlturm vor zahllosen Schaulustigen gesprengt. Von Oktober 1993 bis April 1995 wurden die Brennelemente nach Ahaus abtransportiert. Es werden noch über 2000 Kugelelemente im entleerten Reaktor vermutet.

Der Reaktor selbst wurde 1997 in den „sicheren Einschluss“ überführt. Die radioaktiv belasteten technischen Gerätschaften sind weitgehend erhalten und wurden schutzverpackt. Außerdem schloss man unter erheblichem Aufwand sämtliche Zugänge, um einen unbefugten Zutritt unmöglich zu machen.

Seitdem verschlingt die Ruine jährlich mehrere Millionen Euro, vorwiegend für Beleuchtung und Bewachung des „Restbetriebssystems“ sowie für die Kosten für Lagerung der Graphitkugeln im Zwischenlager Ahaus. Allein für den Zeitraum Jahre von 2013 bis 2017 sind 23 Millionen Euro dafür veranschlagt.

Auch in Zukunft wird die Kostenfrage aktuell bleiben. Bislang wurden diese zu gleichen Teilen vom Bund, dem Land NRW und der Betreibergesellschaft getragen. Diese Regelung gilt allerdings nur bis zum Jahr 2022. Erst anschließend kann – nach dem Abklingen der radioaktiven Belastung - mit dem Abriss begonnen werden. Die Kosten werden Hunderte von Millionen Euro betragen und wer sie übernimmt, ist ungeklärt.

Gesundheitliche Risiken (Info):

Der Aspekt der gesundheitlichen Risiken ist nicht sicher geklärt. „Der Krebs sitzt in jedem Haus“, dieses Schlagwort macht in der Umgebung des ehemaligen Kernkraftwerks die Runde. Viele Anwohner fordern seit Jahren die Durchführung einer Krebsstudie und die Anlegung von Krebsregistern. Eine Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen kommt zu dem Ergebnis, dass es eine deutlich erhöhte Wahrscheinlichkeit für eine Leukämieerkrankung im Nahbereich von Atomkraftwerken gibt, wobei dieser Zusammenhang im Einzelfall nicht belegt werden konnte.

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