Abschied nach 73 Jahren

„Thiemann Wohnbedarf“ schließt Ende des Jahres Geschäft in Hamm

„Thiemann Wohnbedarf“ an der Dortmunder Straße in Herringen hat den Räumungsverkauf gestartet.
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Der Räumungsverkauf bei „Thiemann Wohnbedarf“ läuft noch bis Mitte Oktober. Ende des Jahres ist dann endgültig Schluss.

Einer der ältesten Hammer Betriebe, der noch von Familienhand geführt wird, schließt: Thiemann Wohnbedarf

Herringen – Etwa mittig zwischen Sandbochum und Herringen an der Dortmunder Straße gelegen, war das Einrichtungshaus „Thiemann Wohnbedarf“ über Jahrzehnte der Inbegriff für individuelles und hochwertiges Wohnen. Jetzt, 73 Jahre nach der Gründung einer Möbel- und Bautischlerei durch Karl Thiemann, ist Schluss: „Ende des Jahres schließen wir unser Geschäft“, sagt sein Sohn Lothar Thiemann. Der Räumungsverkauf sei bereits gestartet und werde noch bis Mitte Oktober laufen.

Keinen Nachfolger gefunden

Leicht fällt ihm der Schritt nicht. Seit mehr als 50 Jahren führt er das Fachgeschäft, dessen Kunden nicht nur aus dem Raum Hamm, sondern auch aus Dortmund, Münster und dem Sauerland kommen. „Ich bin jetzt 79 Jahre alt und möchte noch etwas von meinem Ruhestand haben“, begründet Thiemann seinen Rückzug. Fünf Jahre habe er sich darum bemüht, einen Nachfolger zu finden – vergebens. Gerade in der Möbelbranche sei es für Neueinsteiger heutzutage schwer, Fuß zu fassen. Jetzt habe er die Immobilie verkauft. „Ein Möbelgeschäft wird es dort nicht mehr geben.“

In seinen Worten klingt Wehmut. Fast sein ganzes Leben hat Lothar Thiemann mit Möbeln verbracht – so wie auch schon sein Vater. Der Tischlermeister Karl Thiemann hatte 1939 seine Meisterprüfung abgelegt. 1947 gründete er eine Möbel- und Bautischlerei, fünf Jahre später eröffnete er mit seiner Frau Helene das Möbelfachgeschäft Thiemann in Herringen.

Großer Bedarf an Möbeln

Sieben Jahre nach Kriegsende war die Nachfrage nach Möbeln groß. Teilweise mussten die Kunden zu Fabriken und Lagern gefahren werden, um sich Möbel auszusuchen. „Die Gesellen der Tischlerei überwachten die fachgerechte Auslieferung und Montage“, so Lothar Thiemann.

Sein beruflicher Werdegang begann 1956 in einem Hammer Fachbetrieb. Drei Jahre später schloss er seine Lehre als bester Jahrgangsprüfling mit der Note „sehr gut“ ab. 1961 nahm Thiemann an der Meisterschule Beckum das Studium zum Innenarchitekten auf. 1965 ging er nach Bremen und arbeitete dort als Innenarchitekt in einem führenden Einrichtungshaus. Ende 1966, seine Eltern hatten die Ausstellungsräume erneut umgebaut und erweitert, kam er zurück in seine Heimat und eröffnete am 17. Dezember ein Fachgeschäft für Inneneinrichtungen.

Hochwertiges Angebot

Angeboten wurden dort internationale Möbelkollektionen für die, wie Thiemann erklärt, „sachlich moderne Einrichtung“. Es sei damals nicht einfach gewesen, führende Anbieter für den Standort zu gewinnen, erinnert er sich. „Aber das besondere Sortiment war unsere einzige Chance, zu bestehen. Allein schon wegen unserer Größe hätten wir gegen die großen Möbelhäuser und ihre Massenware keine Chance gehabt.“ Parallel seien in der Tischlerei ferner hochwertige Innenausbauten für den Privat-, Büro- und Objektbereich angefertigt worden. Sehr erfolgreich sei auch die von ihm entworfene Möbelserie „Intergra68“ gefertigt worden: „Ein Schranksystem, in dem Hifi-Anlagen, TV-Geräte und Lautsprecher integriert waren.“

Und der Erfolg gab Lothar Thiemann und seiner Frau Heidemarie recht: 1972 wurde die Ausstellungsfläche erweitert, 1982 erfolgte eine erneute Erweiterung. 1994 kam es dann zum letzten großen Umbau: Die Werkstatt wurde zum Verkaufsraum, die Außenfassade umgestaltet. Insgesamt umfasste die Verkaufsfläche jetzt knapp 1000 Quadratmeter.

Individuelle Beratung

Wichtig war den beiden Geschäftsleuten in all den Jahren die individuelle Beratung ihrer Kunden. Denn: „Die Menschen sind nicht nur zu uns bekommen, um sich Möbel zu kaufen.“ Sie seien auch von den Innenarchitekten beraten worden. „Ganze Häuser wurden nach unseren Ideen und Zeichnungen eingerichtet“, berichtet Thiemann stolz. Und: „Wir sind immer unserer Linie treu geblieben“, so Heidemarie Thiemann.

Natürlich werde ihnen, wie ihr Mann sagt, die Arbeit fehlen. Und der Ruhestand sei für sie lange kein Thema gewesen. Aber jetzt freue er sich, gemeinsam mit seiner Frau als Rentner seinen Lebensabend verbringen zu können. Wo? „In Hamm.“ Aktuell sei man auf der Suche nach der passenden Wohnung oder Immobilie.

Hamm bekannt gemacht

Wenn Thiemann dann in einigen Wochen sein Geschäft schließt und Ende des Jahres den Schlüssel an den neuen Eigentümer der Immobilie übergibt, endet nicht nur ein Stück Familiengeschichte. Mit „Thiemann Wohnbedarf“ schließt auch ein Geschäft, das den Namen „Hamm“ bis nach Köln, Mailand und Dänemark getragen hat. Denn dort war Lothar Thiemann in den vergangenen mehr als 50 Jahren Stammgast auf den großen Möbelmessen, um nach neuen Kollektionen bekannter Designer Ausschau zu halten. Die Reisen dorthin werden die Thiemann’s, den Ruhestand vor Augen, mit ihren Hobbys tauschen, für die sie demnächst mehr Zeit haben werden: Und das sind vor allem das Reisen, Tennisspielen und Kutschfahrten.

Die Stammkunden gönnen ihnen das, bedauern aber auch den Abschied: „Ich finde es recht schade, wenn Ihre Firma künftig nicht mehr am Markt sein wird. Ihre Präsentation, Ihre Auswahl und Beratung war für uns stets ein Markenzeichen eines guten und modernen Einrichtungshauses. Sie waren ein Schaufenster unserer Region, in den letzten Jahren sogar das Schaufenster für individuelles Wohnen“, ließ sie ein zufriedener Kunde wissen.

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