Kompass gegen Krisen

Neue kostenlose App bietet Hilfe zum Thema Suizid

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Die neue App „KrisenKompass“ stellte Michael Grundhoff von der Telefonseelsorge vor.

Menschen in Krisensituationen zu helfen und ihnen Halt zu geben gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Telefonseelsorge. Weil es in jedem zehnten Anruf um das Thema Suizid geht, hat die Telefonseelsorge jetzt die kostenlose App „KrisenKompass“ herausgebracht, um Betroffenen sowie Angehörigen Hilfestellungen zu bieten.

Hamm – Die für iOs- und Android-Geräte verfügbare App ist dabei als Ergänzung zum bestehenden Beratungsangebot per Telefon und Chat zu verstehen. „Das Ziel ist, über Suizidgedanken, Suizide und ihre Folgen zu informieren, Ressourcen und Werkzeuge der situativen Bewältigung zur Verfügung zu stellen“, erklären die Macher der App.

Von der Idee bis zur Veröffentlichung dauerte es mehr als ein Jahr, wie der stellvertretende Leiter der Telefonseelsorge Hamm, Michael Grundhoff, erklärt. Die Initiative dazu ging von der Westfalenkonferenz aus, der auch Hamm angehört. Fachlich unterstützt wurde die Entwicklung der per Crowdfunding finanzierten App unter anderem von Ärzten. Sie gliedert sich in vier Bereiche:

Der rote Bereich

Wer Ansprechpartner sucht, wird sie hier finden. Denn in diesem Bereich werden wichtige Notfallnummern angezeigt, es gibt eine Übersicht zu Selbsthilfegruppen sowie Kontaktinfos zu mehr als 14 000 Beratungsstellen deutschlandweit. Hinterlegen kann man hier auch private Kontakte, die einem in einer Krisensituation helfen können.

Der gelbe Bereich

Hier gibt es praktische Hilfe für all jene, die an Suizid denken. Bei einem der sechs Unterpunkte (Selbstreflexion) kann man mithilfe mehrerer Fragen einen Test machen, der Aufschluss über die eigene Situation gibt. „Damit kann man einschätzen, wie tief man in der Krise steckt“, erklärt Michael Grundhoff. Festgehalten werden kann in einem anderen Unterpunkt, wie sich die Stimmung über einen Zeitraum hinweg entwickelt. Wichtig sei hierbei auch, dass Betroffene sehen, dass es auch positive Momente gibt. Unter „Kraftquellen anzapfen“ gibt es unter anderem Texte und Lieder, die ein gutes Gefühl vermitteln sollen. Die Liste kann jeder für sich selbst gestalten, sodass man hier etwa die Lieblingsmusik abrufen kann, wenn es einem schlecht geht und man einen Weg heraus finden möchte.

Der grüne Bereich

Hier finden Menschen Hilfe, die sich um jemanden Sorgen machen, der suizidgefährdet ist. Angehörige können die Situation des Betroffenen so frühzeitig erkennen und Hilfe anbieten. „Das ist etwas, was Leben retten kann“, findet der stellvertretende Leiter der Hammer Telefonseelsorge. Einer der fünf Unterpunkte befasst sich mit dem Thema „Wissen stärken“, bei dem unter anderem über die Bedeutung von Ritzen und Depressionen aufgeklärt wird.

Der violette Bereich

Dieser Bereich greift das Thema Trauer auf und richtet sich an Hinterbliebene von Suizidopfern. Unter anderem können sie hier eine Selbstreflexion durchführen, um ihre eigene Lage besser einschätzen zu können. Auch Musik – unter anderem „Mensch“ von Herbert Grönemeyer – ist dort hinterlegt.

Mit der App reagiert die bundesweite Telefonseelsorge auf die Nachfrage. Denn wie Michael Grundhoff erklärt, befassen sich deutschlandweit jährlich rund 250 000 bis 300 000 Anrufe bei der Telefonseelsorge mit dem Thema Suizid, was einer Quote von 10 Prozent entspricht.

„Ich glaube, die App ist etwas für jeden“, fügt Grundhoff hinzu und meint damit jeden, der sich in einer Krise befindet. Besonders häufig würden Krisen entstehen, wenn es um Schnittstellen geht – beispielsweise von Schule zu Beruf oder von Beruf in die Rente. Denn wenn etwas Neues im Leben ansteht, können Selbstzweifel aufkommen.

Ein Garant für die Prävention von Suiziden ist die App natürlich nicht. „Sie zeigt aber, dass es eine Menge Hilfe gibt und außerdem zeigt sie die Ressourcen auf, um Krisen zu meistern“, so Michael Grundhoff.

Telefonseelsorge Hamm

Die bundesweit erste Beratungsstelle der Telefonseelsorge gab es 1956. In Hamm gibt es die Telefonseelsorge seit mittlerweile genau 40 Jahren. 80 ehrenamtliche Berater kümmern sich in Hamm darum, Menschen in Krisensituationen zu helfen. Die Beratung erfolgt per Telefon oder Chat. Erreichbar ist die Telefonseelsorge an 365 Tagen im Jahr und 24 Stunden am Tag.

Telefonisch ist die kostenlose Beratung unter den Rufnummern 0800/1110111 sowie 0800/1110222 erreichbar.

Die Telefonseelsorge steht natürlich allen Altersgruppen zur Verfügung, hat aber bei den 50- bis 60-Jährigen die größte Nachfrage. 35 Prozent der Anrufer sind männlich, 65 Prozent weiblich. Durchschnittlich dauert ein Gespräch 25 Minuten. Deutschlandweit gibt es 105 Telefonseelsorgestellen.

Weitere Infos gibt es im Internet unter www.ts-hamm.de.

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