International operierende Bande

105 Millionen Euro sichergestellt: Mann aus Hamm hilft mit, Betrüger-Ring auffliegen zu lassen

Bei 39 Tatverdächtigen klickten in der Türkei die Handschellen (Symbolbild).
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Bei 39 Tatverdächtigen klickten in der Türkei die Handschellen (Symbolbild).

Ein pfiffiger Hammer Rentner hat sehr wahrscheinlich seinen Teil dazu beigetragen, dass eine international operierende Bande Telefonbetrüger in der Türkei aufgeflogen ist.

Hamm/Bielefeld – Dass sich Telefon-Betrüger als Polizisten ausgeben und mit ihrer Masche immer wieder große Summen erbeuten, ist schon oft berichtet worden. Die sagenhafte Summe von 105 Millionen Euro wurde nun von bundesdeutschen und türkischen Ermittlern bei einem Schlag gegen ein Callcenter im türkischen Izmir sichergestellt. Die Spur führt dabei mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auch nach Hamm-Berge, wo im Februar ein Senior eben nicht auf die Tricks der falschen Polizisten hereingefallen war, was die Festnahme von zwei Geldabholerinnen möglich gemacht hatte.

Schlag gegen Telefonbetrüger-Ring
Festnahmen39
Sitz des organisierten BetrügerringsIzmir
Gesamtwert der Sicherstellungen105 Millionen Euro

Polizei-Schlag gegen Betrüger-Ring: Hammer Rentner zweifelte an Geschichte

Es war ein Fall zum Zungeschnalzen. Ein damals 77-jähriger Hammer erhielt am Abend des 11. Februar 2020 einen Anruf von einem Mann, der sich als Kommissar ausgab. Der Beamte erzählte eine wahrlich schauerliche Geschichte: In der Nachbarschaft des Seniors seien Einbrecher unterwegs, man habe die Sache unter Kontrolle und werde gleich zugreifen. Es könne sein, dass auch Schüsse fallen würden. Zur Sicherheit sollte er seine Wertsachen zusammenraffen, in eine Tüte packen und diese in seiner Mülltonne vor dem Haus verstauen. Ein Zivilbeamter werde gleich vorbeikommen und die Wertsachen abholen und in Sicherheit bringen...

Eine Stunde dauerte das Telefonat, aber der 77-Jährige glaubte dem Mann am Telefon kein Wort. Er solle bloß nicht auflegen, sondern die Verbindung zu ihm halten, sagte der angebliche Kommissar. Das tat der Rentner auch, allerdings war auch seine Tochter im Haus – und die verständigte über ihr Handy die echte Polizei.

Polizei-Schlag gegen Betrüger-Ring: Polizei umstellt das Haus und greift zu

Die Hammer Beamten eilten nach Berge, umstellten das Haus und legten sich auf die Lauer. Tatsächlich erschien kurz drauf eine Person und machte sich an der Mülltonne des Rentners zu schaffen. Darin befanden sich aber nur alte Zeitungen. Die Beamten griffen zu und nahmen eine 19-Jährige fest. Nicht weit entfernt wartete eine Komplizin (25) dieser Abholerin in einem Auto. Auch sie wurde festgenommen.

Anfang Oktober wurde den beiden Frauen vor dem Amtsgericht Bielefeld der Prozess gemacht. Wegen gemeinschaftlichen gewerbsmäßigen Bandenbetruges in vier Fällen, wobei es in zwei Fällen beim Versuch blieb, wurde die 19-Jährige zu drei Jahren und sechs Monaten, die 25-Jährige zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt.

Polizei-Schlag gegen Betrüger-Ring: Werte in Höhe von fast 30.000 Euro erbeutet

Außer in Hamm waren sie seit dem 31. Oktober 2019 in Bielefeld, Gütersloh, Beckum und Harsewinkel auf Beutezug gegangen. 21.400 Euro in bar und Schmuck im Wert von mehr als 6.000 Euro fielen ihnen dabei in die Hände. Bis zu ihrer Festnahme hatten die Frauen im ostwestfälischen Herzebrock-Clarholz gelebt. „Die Hintermänner kommen im Wesentlichen aus der Türkei und haben auch von dort aus einen Tatbeitrag geleistet“, teilte das Gericht auf WA-Anfrage mit.

Genauer gesagt unterhielten die Frauen Kontakt zu Hintermännern aus Izmir – das erklärte die Staatsanwaltsschaft Bielefeld am Mittwoch auf WA-Nachfrage. Und eben die Polizei in Bielefeld war – neben der aus München und dem Bundeskriminalamt – maßgeblich an dem Schlag gegen das Callcenter in der Millionenstadt am Golf von Izmir beteiligt. Der Coup der Ermittler war am Dienstag bekannt gemacht worden.

Polizei-Schlag gegen Betrüger-Ring: Auch führende Köpfe festgenommen

Insgesamt gingen den Ermittlern 39 Tatverdächtige, darunter auch führende Köpfe, ins Netz. Neben Schmuck, Edelmetallen, Euronoten und ausländischen Devisen wurden auch Immobilien sichergestellt. „Nach den bisherigen Erkenntnissen beziffern türkische Behörden den Gesamtwert der Sicherstellungen auf einen Wert von über 105 Millionen Euro“, teilte die Polizei Bielefeld am Dienstag mit.

Seit 2017 hatte eine „Phänomene“ genannte Arbeitsgruppe des Polizeipräsidiums München ermittelt. Die Telefonate mit Betrugsopfern waren offenbar über ein Callcenter in Izmir geführt worden. Die falschen Kommissare wurden dort vermutet. Als in den Jahren 2018 bis 2020 eine Vielzahl solcher Betrugsdelikte auch im Bielefelder Raum begangen wurden, kam die ostwestfälische Behörde mit ins Boot. Einer Seniorin aus der Stadt hatte im Mai 2019 Gold und Schmuck im Wert von über einer Million Euro an zwei Abholerinnen übergeben.

Polizei-Schlag gegen Betrüger-Ring: 5 Kilogramm Gold beschlagnahmt

Neben den jetzt erfolgten 39 Festnahmen in der Türkei wurden dort 48 Wohnungs- und Geschäftsdurchsuchungen durchgeführt. 1,5 Millionen Euro, 200.000 US Dollar und 5 Kilogramm Gold wurden sichergestellt. Darüber hinaus 25 Armbanduhren und fünf Schusswaffen. Zahlreiche Immobilien, Fahrzeuge und Firmenanteile wurden sichergestellt. Der Gesamtwert wird auf besagte 105 Millionen Euro taxiert.

Ob die Hintermänner der beiden in Hamm festgenommenen Frauen bei der Aktion in Izmir ebenfalls festgesetzt wurden, konnte die Staatsanwaltschaft Bielefeld am Mittwoch noch nicht sagen. Es sei noch unklar, wer in der Türkei im Einzelnen festgenommen worden sei.

Polizei-Schlag gegen Betrüger-Ring: Senioren vielfach im Fokus von Betrügern

Senioren stehen immer wieder in Fokus von dreisten Betrügern. Erst kürzlich war eine ähnlich vorgehende kriminelle Bande ausgehoben worden, die von einem Callcenter im Kosovo aus Senioren in Deutschland mit falschen Lotterie-Gewinnversprechen über Jahre im großen Stil betrogen haben soll. Auch hier ging es um eine Beute in Millionenhöhe.

In einem Fall in Witten, in dem ein 90-Jähriger um einen hohen Geldbetrag erleichtert worden war, wendete die Polizei sich anschließend in einem offenen Brief an den Täter. In dem Schreiben, das mit den Worten „Hallo, du kleiner mieser Dieb“ beginnt, redete die Polizei dem Täter ins Gewissen, mit Formulierungen wie „Weißt du eigentlich, wie traurig der Senior war, als er den Diebstahl seiner Rente bemerkt hat?“ und „Weißt du, dass dir sogar die Ganovenehre fehlt?“

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