Teil 2: Das bittere Schicksal des Hammer Polizisten Markus Klischat

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Tatort Polizeipräsidium: Exakt hier kam es am 4. September 2010 zu dem folgenschweren Übergriff: Polizeihauptkommissar Ralf Müller (Mitte), damals stellvertretender Leiter der Polizeiwache Mitte, schilderte zwei Tage später die räumliche Situation.

Wenn Markus Klischat heute über das Geschehen spricht, bildet sich rasch ein Film aus kaltem Schweiß auf seiner Stirn. Er wirkt fahrig und hat bisweilen Mühe, sich zu konzentrieren. Seine Hände tremolieren, wenn er Fotos und Aktenblätter aus einem seiner Ordner zerrt.

„Aber es wird schon gehen“, sagt er. „Und wenn nicht, dann brechen wir halt ab und machen morgen weiter.“ Fünf Jahre nach dem Überfall ist er angetreten, seine bittere Geschichte erstmals und bis zu ihrem vorläufigen Ende zu erzählen. „Damit der nächste Kollege, dem so etwas passiert, es vielleicht ein bisschen leichter hat“, wie er meint. Seine Forderung: „Das komplette System muss hinterfragt, die ganze Prozedur muss anderes geregelt werden.“ Es beginnt mit Kleinigkeiten, die allerdings bis heute schmerzen.

DER PROZESS

Als die 36. Große Strafkammer des Landgerichts Dortmund am 26. Januar 2011 zur Hauptverhandlung antritt, steht sie vor der Frage, ob Klischats Peiniger für seine Tat auch bestraft werden kann. Monatelang hat sich der Mann verfolgt gesehen und sich unbestritten immer mehr in einen krankhaften Wahn hineingesteigert. „Ich habe in jedem Menschen einen Verbrecher gesehen“, wird er im Prozess aussagen und behaupten, dass er sich mit der Dienstwaffe hätte erschießen wollen. Dass das Gericht am Ende der Verhandlung den Grundsatz „nulla poena sine culpa“ (Keine Strafe ohne Schuld) anwendet und entscheidet, dass der Kraftfahrer bis zu seiner Genesung in einem psychiatrischen Krankenhaus unterzubringen ist, ist dabei in Klischats Augen peripher. Bis heute ärgert ihn jedoch der strafrechtliche Tatbestand, den die 36. Große Strafkammer hier zugrunde legt: § 224 StGB, Gefährliche Körperverletzung.

„Wieso steht das da? Wieso nicht Geiselnahme, versuchte Tötung oder Mordversuch?“, schimpft er und tippt auf das Deckblatt des 16-seitigen Urteils. „Im Namen des Volkes...“ heißt es dort, und zehn Zeilen tiefer wird tatsächlich allein eine „gefährliche Körperverletzung“ angeführt. Klischats Fall steht demnach auf einer Stufe mit 328 weiteren, in denen die Hammer Polizei im Jahr 2010 ermittelt. Ein Schnitt mit einem Taschenmesser, ein Stiefeltritt, eine Ohrfeige in der Situation zwei gegen einen: All das sind typische Beispiele für eine Anwendung des § 224. Aber das hier? Ist das nicht ein anderes Kaliber?

Klischat fühlt sich von Staatsanwaltschaft und Gericht herabgesetzt, nicht ernstgenommen. Gerade als Polizist, als Säule dieses Rechtsstaats, hätte er eine andere Würdigung erwartet. Vielleicht sogar eine überharte. Aber so sieht er seinen Fall zur Bagatelle degradiert, was für die innerliche Verarbeitung nicht gerade förderlich ist – zumal er mittlerweile aus diversen Internetveröffentlichungen weiß, dass die Schüsse tödliche Folgen hätten haben können. Auch wenn es eine mit Platzpatronen geladene Gaspistole gewesen ist. Die Druckwelle solcher Waffen ist derart hoch, dass ein auf dem Kopf aufgesetzter Schuss letale Wirkung haben kann, heißt es in diversen Expertenforen.

DIE SPÄTEN FOLGEN

Markus Klischat will zurück in seine Wachdienstgruppe. Er kennt nichts anderes. Mit 16 Jahren ist er Polizist geworden und hat die Entscheidung in den folgenden 32 Jahren nie bereut. „Ich hab’ das immer gerne gemacht“, sagt er bis heute. Auch der Angriff auf dem Revier hat daran nichts geändert. 1987 hat er eine ähnlich brenzlige Situation erlebt, als im Hammer Westen ein Mann mit einem Rasiermesser auf ihn losging. Klischat zückte damals seine Dienstpistole und schoss den Widersacher nach mehrfacher Vorwarnung nieder. Mit einem Bauchschuss, den der Angreifer überlebte. Klischat hat das nicht vergessen, hat aber auch nie besonders unter diesem Fall gelitten.

„Ich kann wieder arbeiten. Die Fäden sind raus“, meldet er sich nur zwei Wochen nach dem September-Überfall zurück auf dem Präsidium. Doch Ingolf Schween, damals Polizeidirektor und der Leiter des Bereichs Gefahrenabwehr, mahnt seinen Oberkommissar zur Geduld. „Es nutzt nichts, so lange du auf einem Ohr nichts hörst. Du gefährdest nur dich selbst und deine Kollegen.“ Klischat sieht das ein. In der Tat ist er auf links noch taub, dort wo das Trommelfell durch einen der Schüsse zerplatzt ist und nunmehr ein Tinnitus beharrlich pfeift. Ein paar Wochen noch, dann wird es wieder gehen, denkt er.

Tatsächlich beginnt die Zeit, in der Klischat wie in einem Hamsterrad durchs Leben hetzt. Nachts schlägt er im Bett um sich, träumt von Stimmen, die mit russischem Akzent auf ihn einreden und ihn verfolgen. Immer häufiger, immer intensiver. Tagsüber ist er nervös, und er erlebt Gefühle, wie er sie bislang nicht kannte: Angstgefühle. Klischat fürchtet sich vor Menschen und Konflikten. Im Supermarkt, an der Bushaltestelle, wenn er mit seinem Hund die Gassirunde geht.

Am 19. Oktober 2010 kapituliert sein Organismus. Der 48-Jährige erleidet einen Schlaganfall. 45 Tage nach dem Überfall. Nie ist er bislang ernsthaft krank gewesen, hat sich höchstens ‘mal beim Fußballspielen mit den Kollegen einen Fuß verknackst. Neun Tage Krankenhaus, drei Wochen Reha: Das Standardprogramm wird abgespult. Klischat wird am Ende wieder komplett hergestellt, die anfänglichen Sprachstörungen und die linksseitige Schlagseite sind verschwunden. Mediziner und Gutachter werden später zwar nicht ausschließen, dass dieser Hirnschlag eine Folge des Überfalls gewesen ist, nachweisen lässt sich das hingegen nicht. Und das ist schlecht für Klischat, als es später um die Frage nach der Schwere seines Dienstunfalls geht. Die Kausalität muss er beweisen, doch wie soll das gelingen? „Alle Ärzte haben mir zwar im Gespräch bestätigt, dass es Zusammenhänge geben muss, eine Unterschrift hat mir aber keiner geben wollen.“

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