Mitten in der Nacht

Taxifahrer lässt Rollstuhlfahrerin vor Hauptbahnhof stehen

Vom Fahrer abgewiesen: Eine Hammerin schildert eine unschöne Begegnung am Bahnhof.
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Vom Fahrer abgewiesen: Eine Hammerin schildert eine unschöne Begegnung am Bahnhof.

Mitten in der Nacht wird eine Frau aus Hamm mit ihrem Rollstuhl am Bahnhofs-Taxistand abgewiesen. Und das, obwohl sie dringend darauf angewiesen war.

Hamm - Samstagnacht, 1.30 Uhr am Hauptbahnhof. Wo in anderen Großstädten das (Nacht-)Leben pulsiert, herrscht in Hamm weitgehend gähnende Leere. Auch am Taxenstand, wo eine einzige Droschke auf Kunden wartet. Heike Schulz steuert darauf zu und sagt dem Fahrer, wohin sie möchte. Doch der lehnt ab, sie zu befördern. Heike Schulz vermutet, dass es an ihrem Rollstuhl lag.

Eine lange Zugfahrt nach dem Ende ihres Österreich-Urlaubs hat die Frau mit Schwerbehindertenausweis da schon hinter sich. Busse verkehren um die Zeit nicht mehr, und Freunde oder Verwandte, die sie vom Hauptbahnhof abholen könnten, hat sie nicht. Bleibt als Transportmittel das Taxi, dessen Fahrer sie zuerst gefragt habe, wohin es denn gehen soll. Schulz wohnt im Hammer Norden – gerade einmal knapp drei Kilometer vom Hauptbahnhof entfernt. Laut Taxipreis-Rechner würden dafür lediglich 8,30 Euro fällig. „Dann sagte er, er dürfe keine Rollstühle transportieren, darauf sei nur ein Taxiunternehmen in Hamm spezialisiert“, erinnert sich Schulz. Sie vermutet, dass der Fahrer angesichts der kurzen Strecke keine Lust gehabt habe, den erhöhten Aufwand in Kauf zu nehmen.

Wenn ein normaler Rollstuhl in ein Taxi passt, muss er auch mitgenommen werden.

Tom Herberg, Stadtsprecher

Dabei hätte der Rollstuhl „locker“ in das Taxi – eine Großraumlimousine – gepasst. Der Fahrer wäre sogar zur Beförderung verpflichtet gewesen, wenn sich der Fall so zugetragen hat, wie Heike Schulz ihn in lebhafter Erinnerung hat. Dass Taxis keine Rollstühle transportieren dürfen und es nur ein darauf spezialisiertes Unternehmen in Hamm gebe, ist schlichtweg falsch. „Wenn ein normaler Rollstuhl in ein Taxi passt, muss er auch mitgenommen werden“, sagt Tom Herberg, Pressesprecher der Stadt. Taxilizenzen würden an Unternehmen mit der Verpflichtung vergeben, dass sie sieben Tage die Woche rund um die Uhr Personen befördern.

Taxifahrer weist Rollstuhlfahrerin ab: So kann man sich wehren

Wie sich Betroffene wehren können, schildert Herberg ebenfalls: Man könne sich an die Führerscheinstelle des Rechtsamtes wenden und den Vorfall schildern. Das Amt werde dann das Taxiunternehmen auffordern, eine Stellungnahme abzugeben. Treffen die Vorwürfe zu, würden „Sanktionen“ gegen das Unternehmen und/oder den Fahrer verhängt. Und in der Vergangenheit habe es tatsächlich immer mal wieder Beschwerden gegeben, denen das Rechtsamt nachgegangen sei.

Im Fall von Heike Schulz zieht sich das betroffene Taxiunternehmen aus der Verantwortung, schildert eine andere Sicht der Dinge: Der Fahrer habe die Rollstuhlfahrerin gar nicht chauffieren können, weil es eine Vorbestellung gegeben habe. Diesen Grund habe der Fahrer aber nicht genannt, so Heike Schulz: „Dann hätte er sich die Frage, wohin ich gebracht werden möchte, ja sparen können.“ Und der Fahrer habe auch nicht den Versuch gemacht, per Funk einen Kollegen herbeizurufen. Also blieb die Schwerbehinderte sprachlos zurück – ohne zu wissen, was sie nun unternehmen sollte. Das Glück ließ Heike Schulz letztlich nicht allein: Ein anderes Taxiunternehmen setzte kurze Zeit später Kunden am Hauptbahnhof ab – und der Fahrer des Vans brachte sie anstandslos nach Hause.

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