Was tut die Polizei? Was tut die Politik?

Tatwaffe Messer: In Hamm immer öfter Hauptrolle in Tötungsdelikten

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Symbolfoto

Hamm - Die Tatwaffe ist ein Messer – und das immer wieder. Die allermeisten vollendeten oder versuchten Tötungsdelikte mit Hammer Beteiligung wurden in den vergangenen Jahren mit einem Messer begangen. Das ist weder der Polizei noch der Politik entgangen.

Ein 28-jähriger Hammer ist tot, sein 26-jähriger Bruder wurde lebensgefährlich verletzt. Nur wenige Worte genügten, dass in der Nacht zum 26. November 2017 an einem Bussteig in Oberhausen eine Zufallsbegegnung zum Kapitaldelikt eskalierte. Ab dem 2. Mai - das bestätigte ein Sprecher des Essener Landgerichts auf WA-Anfrage - muss sich ein 21-jähriger Bottroper wegen dieser Bluttat vor der dortigen Großen Jugendstrafkammer verantworten. Die mutmaßlich von ihm am 26. November benutzte Tatwaffe: ein Klappmesser.

Erschreckend sinnlose Tat

Es war das jüngste Verbrechen, dem ein Mensch aus Hamm zum Opfer fiel und bei dem ein weiterer erheblich verletzt wurde. Die Tat war erschreckend sinnlos und passt zu dem jüngst vom NRW-Innenministerium und der Gewerkschaft der Polizei (GdP) initiierten Vorstoß, die Gefährlichkeit von Messern herauszustellen, statistisch zu erfassen und über eine Verschärfung der strafrechtlichen Bestimmungen nachzudenken.

Messerattacken: Jeder Zweite sieht Gefahr für junge Menschen

Auch in Hamm gibt es noch keine offizielle Statistik der Polizei über die Häufigkeit von Messern als Tatwaffe. Diese soll auf Weisung des Innenministeriums erst ab dem kommenden Jahr geführt werden. Dennoch ist es mehr als nur eine gefühlte Wahrheit, dass auch hier in den vergangenen Jahren nahezu jedes vollendete oder versuchte Tötungsdelikt mit einem Messer begangen wurde – meist im Affekt.

Messer-Angriffe in Hamm:

Im März 2017 kam es am helllichten Tag auf dem Bockumer Weg zu einer tödlichen Messerattacke.

Noch allgegenwärtig dürften für viele der tödliche Übergriff vom Bockumer Weg (März 2017) und die tödlichen Attacken in Mehrfamilienhäusern an der Schottschleife (Juni 2016) und An der Insel im Hammer Westen (April 2016) sein. Zurzeit läuft noch vor dem Dortmunder Landgericht der Prozess gegen einen Asylbewerber aus Eritrea, der im August 2017 am Willy-Brandt-Platz auf zwei Landsleute eingestochen haben soll. Am 24. Februar 2018 wurde schließlich ein 21-jähriger Hammer vor der Diskothek „Nachtschicht“ in Werne lebensgefährlich verletzt. Der ebenfalls aus Hamm stammende Tatverdächtige soll in Notwehr gehandelt und ein Messer gezückt haben.

Im August 2017 lag der Tatort in Bahnhofsnähe.

Messerstreit im Hammer Westen

Auch am Donnerstag spielte wieder ein Messer als Tatwaffe eine Rolle: Ein 28-jähriger, wohnungsloser Mann wurde durch Stiche in den Oberkörper und den Oberarm schwer verletzt. Gegen 2.30 Uhr hielt der Verletzte an der Wilhelmstraße in Höhe der Königgrätzer Straße ein vorbeikommendes Auto an. Dessen Fahrer verständigte Polizei und Rettungskräfte. In der Nähe des Einsatzortes wurden wenig später zwei Männer (30 und 40) vorläufig festgenommen. Einer von ihnen hatte ein Küchenmesser dabei, beide waren alkoholisiert. Alle drei Männer hatten sich zuvor in einem leerstehenden Gebäude an der Wilhelmstraße aufgehalten und waren dort in Streit geraten.

Bluttat "An der Insel".

Nur wenige Ausnahmen, wie der Tennismord

Ausnahmen von der Messer-Regel waren der sogenannte Tennismord (November 2013, Tatwaffe Pistole), die tödliche Schießerei in einer Seniorenwohnanlage am Friedrich-Gruß-Weg in Werries (November 2014) und der Enkelmord von Ostwennemar (Februar 2016), bei dem ein 81-Jähriger mit einem Brecheisen erschlagen wurde. Im Juni 2016 hatte schließlich ein 36-jähriger Hammer in Pelkum seine Ehefrau mit einem Stoffgürtel erdrosselt.

Aktueller Fall erfüllt viele Klischees

Wenn nun am 2. Mai in Essen der Prozess gegen den 21-jährigen Bottroper beginnt, werden viele der Klischees, die gewaltbereiten Heranwachsenden angetragen werden, erfüllt werden. Gemeinsam mit einem 18-jährigen Bottroper soll der Angeklagte in der Tatnacht zunächst in Bottrop einen Straßenraub begangen haben. Anschließend fuhren die beiden mit dem Bus in Richtung Oberhausen, wo die beiden Hammer Opfer als Teil einer Gruppe aus Hamm in den Bus zustiegen. Sie hatten zuvor in der Turbinenhalle ein polnisches Musikfestival besucht und gegen 1.30 Uhr den Heimweg angetreten.

Im Bus sollen sie von dem 21-Jährigen wegen ihrer polnischen Herkunft angepöbelt worden sein; binnen kürzester Zeit soll sich eine Rangelei entwickelt haben. Der Busfahrer soll die Streithähne deshalb aus dem Bus geworfen haben. Auf dem Bussteig soll der Angeklagte dann siebenmal mit einem Klappmesser auf den 28-Jährigen eingestochen haben. Einer der Stiche soll den Herzbeutel durchbohrt und tödliche Wirkung gehabt haben. Der zur Tatzeit 26-jährige Bruder wurde laut Anklage im Gesicht getroffen. Die Klinge durchbohrte demnach dessen Wange und Unterkiefer. Er schwebte zunächst potenziell in Lebensgefahr.

Angeklagt ist der 21-Jährige wegen Totschlags, gefährlicher Körperverletzung und des in Bottrop erfolgten Raubes. Er hatte sich einen Tag nach der Tat der Polizei gestellt und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Sein 18-jähriger Begleiter soll noch versucht haben, den Streit im Bus zu schlichten.

Polizei-Appelle an Schulkinder

Die Dortmunder Polizei appellierte Ende März mit einem Brief an alle Eltern von Schulkindern aus Dortmund und Lünen, auf diese einzuwirken und keine Waffen, insbesondere keine Messer, mit sich zu führen. Wenige Tage zuvor waren zwei Jugendliche in den beiden Städten erstochen worden (Artikel dazu hier und hier.

Im Hammer Präsidium gibt es solche Initiativen bislang nicht.

Diese Waffen sind verboten:

Messer mit einer Klingenlänge von mehr als 12 Zentimetern dürfen ebenso wie Messer mit einhändig feststellbarer Klinge (so genannte Einhandmesser, Länge egal) nicht in der Öffentlichkeit geführt werden. Das ist im Paragraphen 42a des Waffengesetzes geregelt. Ausnahmen gelten nur für bestimmte Berufsgruppen oder Personen, für die ein berechtigtes Interesse anzunehmen ist, zum Beispiel Jäger. Gleiches gilt für Hieb- und Stoßwaffen, also für Dolche, Degen oder Schwerter. Hier ist maßgeblich, ob das Objekt vom Hersteller als Waffe konzipiert worden ist oder ob es sich um einen Gebrauchsgegenstand handelt. So ist ein Küchenmesser zwar auch als Waffe einsetzbar, der eigentliche Zweck besteht aber im Gebrauch in der Küche.

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