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Tampons kostenfrei: Hammer Vorzeigeprojekt soll NRW erobern

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Will das Thema Menstruation aus der Tabuzone holen: Karina Yemadakova beobachtet das Projekt im Stadtteilzentrum Bockelweg.
Will das Thema Menstruation aus der Tabuzone holen: Karina Yemadakova vor einem Tamponspender im Stadtteilzentrum Bockelweg. © Bartmann

So selbstverständlich wie Klopapier sollten Binden und Tampons sein, zumindest, wenn es nach der SPD geht. Sie fordert, dass es in allen öffentlichen Toiletten Periodenartikel umsonst gibt. In Hamm ist das an vielen Orten schon der Fall.

Hamm – Seit Herbst 2021 gibt es kostenlose Hygieneartikel wie Binden und Tampons an weiterführenden Schulen und in einigen öffentlichen Gebäuden in Hamm. Die Stadt ist damit Vorreiter. Die SPD beantragt nun, das Projekt im ganzen Bundesland auszurollen.

Das im Herbst 2021 angelaufene Pilotprojekt für kostenlose Periodenartikel wie Binden und Tampons an insgesamt 46 Standorten in der Hamm ist bisher ein voller Erfolg. Dieses Zwischenfazit ziehen die Verantwortlichen. Rund 150 Spender hängen in den Damentoiletten der Stadtteilzentren und den weiterführenden Schulen. Sie versorgen menstruierende Frauen und Mädchen mit kostenlosen Binden und Tampons. „Die Spender werden sehr gut angenommen und müssen regelmäßig nachgefüllt werden“, sagt Lukas Huster von der Pressestelle der Stadt Hamm. Die Stadt ziehe ein positives Fazit aus dem ersten Jahr der Pilotphase.

Tampons und Binden kostenfrei: SPD will Antrag einbringen

Die SPD-Fraktion im Landtag wird nun einen Antrag ins Plenum einbringen, um eine landesweite Bereitstellung von kostenlosen Menstruationsartikeln zu erreichen. Frauen und Mädchen in ganz NRW sollen davon in Zukunft profitieren. „Ich bin positiv gestimmt, dass auch das Projekt in Hamm nach den zwei Jahren Pilotzeit weitergeführt wird“, sagt die gleichstellungspolitische Sprecherin der Hammer SPD und Initiatorin des Projekts, Jule Pletschen.

In diesem Jahr haben sich bereits weitere Städte an dem Hammer Modellprojekt orientiert. Auch in Düsseldorf und Essen können Frauen und Mädchen inzwischen auf kostenlos zur Verfügung gestellte Produkte zurückgreifen.

Nutzerinnen im Stadtteilzentrum: Spender werden häufig genutzt

Karina Yemadakova leitet das Stadtteilzentrum Bockelweg in Heessen. Dort hängt einer der Automaten. „Bei uns sind Frauen und Mädchen aller Altersklassen vertreten. Wir sind eine öffentliche Anlaufstelle für alle Bürgerinnen und Bürger. Die Spender sind viel in Gebrauch und werden drei bis viermal pro Woche nachgefüllt.“ Schon öfter sei die Frage aufgekommen, warum die Automaten angeschafft wurden.

Die Periode der Frau ist etwas ganz Natürliches. Mit den Spendern wollen wir erreichen, dass die Menstruation nicht länger als Tabu-Thema wahrgenommen wird.

Karina Yemadakova, Leiterin Stadtteilzentrum am Bockelweg

„Für uns ist es wichtig, das Thema offen zu kommunizieren. Die Periode der Frau ist etwas ganz Natürliches. Mit den Spendern wollen wir erreichen, dass die Menstruation nicht länger als Tabu-Thema wahrgenommen wird“, sagt Yemadakova.

Bisher kaum Schwierigkeiten - Grundschulen sollen folgen

Schwierigkeiten habe es in der ganzen Zeit bisher nur an einer Schule gegeben, heißt es aus der städtischen Pressestelle. „Wir hatten einen Fall von Vandalismus, aber abgesehen davon läuft das Projekt sehr gut, tatsächlich besser, als wir dachten“, so Jule Pletschen. „Einer unserer nächsten Schritte wird sein, auch die Grundschulen mit Spendern auszustatten.“

Es sei sinnvoll, auch an die Schülerinnen der vierten Klassen zu denken. Man müsse jedoch erst die vor Ende der Testphase anstehende Evaluation abwarten, bevor weitere Spender aufgehängt werden können. „Natürlich spielt auch Nachhaltigkeit eine große Rolle. Wie jeder weiß, sind Binden und Tampons nicht die nachhaltigsten Produkte. Wir müssen also erst einige Zahlen und Fakten abwarten und dann bedarfsgerecht planen“, sagt Pletschen.

Projekt gegen Periodenarmut

Mit dem Projekt ist die Stadt Hamm ein Vorreiter, um Periodenarmut in Deutschland entgegenzuwirken. Weltweit sind Millionen Frauen und Mädchen davon betroffen. Wie eine Umfrage der gemeinnützigen Organisationen „Plan International“ und „Wash United“ ergab, sieht jede vierte Frau die Kosten für Hygieneprodukte als große finanzielle Belastung. Gerade junge Frauen mit geringem Einkommen und Obdachlose ohne Zugang zu Menstruationsprodukten müssen sich oft mit anderen, weniger hygienischen Mitteln behelfen. Das birgt jedoch immer die Gefahr von Krankheiten und Infektionen.

Bei der Umsetzung ihres Projektes wird die Stadt Hamm von der WEPA-Stiftung unterstützt. Diese stattet die Spender im Stadtgebiet mit ihren Produkten aus und stellt Informationsplakate zur Verfügung. Die SRH Hochschule sammelt zusätzlich während der Pilotphase Erfahrungswerte, Reaktionen und eine genaue Übersicht der Kostenlage.

Enttabuisierung des Themas Periode durch Spender

Auch im Rest der Welt ist der erste Schritt zur Enttabuisierung des Themas Menstruation gemacht. Mitte August trat in Schottland ein Gesetz in Kraft, das festlegt, dass allen Frauen und Mädchen kostenlose Periodenprodukte zur Verfügung gestellt werden müssen. In Deutschland läuft derzeit eine Petition, die ein solches Gesetz fordert.

Schon einmal hatte die Sammlung von Unterschriften eine positive Veränderung erwirkt: Im Jahr 2020 wurde nach erfolgreicher Petition von Nanna-Josephine Roloff die sogenannte „Tamponsteuer“ von 19 Prozent auf 7 Prozent reduziert. Produkte wie Binden und Tampons wurden dadurch günstiger. VON PIA SOFIE BARTMANN

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