„Übergriffe gehören dazu“

Tag gegen Homophobie: Jugendliche wünschen sich mehr Toleranz

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Gleichgeschlechtliche Liebe: Noch immer haben Schwule, Lesben und Transgender mit Vorurteilen und Beschimpfungen zu kämpfen. (Symbolbild)

Männer, die sich küssen oder Frauen, die Händchen halten beim Spaziergang. Mittlerweile alles ganz normal? Noch lange nicht! Noch immer haben Schwule, Lesben und Transgender mit Vorurteilen und Beschimpfungen zu kämpfen.

Hamm – Zum Tag gegen Homophobie hat youzz-Reporterin Joelle Thielsch mit Fiona (18) und Leo (21) gesprochen. Sie möchten in diesem Interview nicht mit ihren echten Namen auftreten, da sie Konsequenzen für ihre (berufliche) Zukunft fürchten. Der Redaktion sind die Namen bekannt.

Können Homosexuelle in Deutschland weitgehend ein Leben wie Heterosexuelle führen?

Fiona (18): Rechtlich gesehen, ja. Nur leider gibt es in der Gesellschaft immer noch zu viele Menschen, die einen dazu bringen, sich unwohl dabei zu fühlen.

Leo (21): Jein. Die Grundsituation ist im Vergleich zu den meisten anderen Ländern erst mal gut, aber dennoch ausbaufähig.

Gibt es heute noch Vorbehalte gegen Schwule und Lesben oder interessiert es niemanden mehr?

Fiona: In meinem Umfeld ist glücklicherweise kaum jemand, der intolerant ist. Der Teil meiner Familie, bei welchem ich mich geoutet habe, hat sehr gut reagiert. Nur leider weiß ich zu gut, dass das nicht immer der Fall ist. Alleine der Fakt, dass man sich irgendwann „outet“, zeigt schon, dass es noch zu viele interessiert. Ich habe mehrere Bekannte, die ihre Sexualität oder auch ihre Geschlechtsidentität vor ihren Eltern verheimlichen müssen, weil diese es nicht tolerieren. Dass Schwule und Lesben oder generell Menschen, welche nicht Cis-gender oder heterosexuell sind, von vielen noch als ekelhaft und anders wahrgenommen werden, merkt man auch daran, dass es auch oft öffentliche Kritik gibt, wenn eine Firma zum Beispiel mit nicht heterosexuellen Menschen wirbt.

Leo: In unserer Generation gibt es weniger Vorbehalte, aber auch da sind sie ebenso noch vorhanden wie in älteren Generationen. Bei meinen Freundinnen und Freunden musste ich mir keine Gedanken machen, auch meine Eltern haben es – abgesehen von einer Art Überraschung im ersten Moment – gut aufgenommen.

Gehören Beschimpfungen, Übergriffe zum Alltag von Schwulen und Lesben dazu, wenn man, zum Beispiel, Händchen miteinander hält?

Fiona: Ich persönlich habe das Glück, noch nie körperlich angegriffen worden zu sein. Aber ja, Übergriffe gehören dazu und sich gegen solche zu wehren, ist meiner Meinung nach sehr viel schwieriger, als Beschimpfungen und verbale Angriffe abzuwehren. Beschimpfungen und Beleidigungen, wie, man sei krank, pervers, behindert, pädophil, ekelhaft oder es sei gegen die Natur, sind die, die ich am meisten höre und mit welchen ich selber schon beschimpft worden bin.

Leo: Ich habe noch keine Beleidigung erlebt, da ich mich außerhalb meines Freundes- oder engeren Verwandtenkreises noch nicht als nicht-heterosexuell gezeigt habe.

Führen die Homo-Ehe oder das Verbot der Konversionstherapien zu mehr Toleranz?

Fiona: Ganz klares nein! Menschen, die vorher schon intolerant waren, bleiben es auch und kritisieren die Entscheidungen. Diese Menschen wollen sich nicht damit auseinandersetzen, dass es etwas völlig Normales ist.

Leo: Ich denke schon. Jeder Schritt in die richtige Richtung kann zu mehr Toleranz führen. Die Ehe für alle ist lange überfällig und absolut richtig. Beim Verbot von Konversionstherapien wird noch eine essenziellere Ebene angegangen. Kein Mensch sollte sich gezwungen fühlen oder gar gezwungen werden, seine Sexualität scheinbar verändern zu müssen. Das ist nicht möglich, nicht nötig und absolut gefährlich. Menschen, die dies über sich ergehen lassen müssen, wird großes Leid angetan.

Welche Rolle spielt Homophobie? Gibt es wirklich Menschen, die Angst vor euch haben oder sind sie einfach nur feindselig, da sie selbst unsicher sind mit ihrer Sexualität?

Fiona: Über dieses Wort könnte ich mich stundenlang aufregen. „Phobie“ bezeichnet im Endeffekt etwas, vor dem man extreme Angst hat. Die Vorstellung, dass jemand auf der Straße panisch und schreiend davonrennt, weil sich zwei Frauen oder zwei Männer küssen, ist meiner Meinung nach ziemlich belustigend. Homophobie ist keine Angst vor homosexuellen Menschen, es ist purer Hass und Intoleranz. Ich glaube auch nicht, dass diese Menschen feindselig sind, weil sie sich selbst unsicher sind. Ich denke, dass viele Homophobe es einfach nicht verstehen können und veraltete Ansichten vertreten, wie zum Beispiel, dass es gegen die Natur ist.

Leo: Die Gründe sind unterschiedlich, aus meiner Sicht aber allesamt schwachsinnig. Homophobe Äußerungen rufen bei mir erst mal Unverständnis aus und beschäftigen mich auch persönlich. Dennoch finde ich es wichtig, getätigte Äußerungen zu kontern. Ich glaube, dass man in vielen Fällen eine positive Wandlung erreichen kann, wenn man Homophobie nicht nur verurteilt, sondern auch erklärt, was an bestimmten Äußerungen homophob ist. Das ist vielen nicht mal bewusst.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Fiona: Ich wünsche mir mehr Toleranz. Ich wünsche mir, dass Menschen, die sich homophob oder transphob äußern und verhalten, ein vernünftiges Gespräch mit einer homosexuellen oder transsexuellen Person führen, um zu erkennen, dass wir normale Menschen sind.

Leo: Als Fußballfan würde ich mir persönlich wünschen, dass sich auch erste Fußballspieler outen. Das Outing ist auch ein gutes Stichwort: Ich hoffe, dass es nicht mehr notwendig sein wird, dies als einen bewussten Schritt zu machen, sondern dass es einfach niemanden mehr interessieren muss. Bis das erreicht ist, muss aber noch viel geschehen. Weiterhin gibt es eine Großzahl an Ländern, in denen Homosexualität unterdrückt, verpönt, verboten oder sogar mit der Todesstrafe belegt ist. Dieser schreckliche Umstand darf bei allen positiven Entwicklungen nicht vergessen werden.

Tag gegen Homophobie

1990 wurde in einer Generalversammlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der 17. Mai zum Internationalen Tag gegen Homophobie ausgerufen und zugleich Homosexualität von der Liste als psychische Krankheit gestrichen. Schließlich stellt der Grundsatz der Gleichheit und Nichtdiskriminierung ein grundlegender Bestandteil des Schutzes der Menschenrechte dar. Dennoch zeigen homophobe Zwischenfälle in einigen Mitgliedsstaaten, dass die Grundrechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender verletzt und von Behörden zum Teil nicht beachtet werden.

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