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Strukturprobleme in der Kirche: Pfarrer in Hamm-Osten wünscht sich den „Mut zur Veränderung“

Hamm St.-Georgs-Kirche: Pfarrer Marcus Nordhues Taufstein.
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In „seiner“ St.-Georg-Kirche: Pfarrer Marcus Nordhues zeigt seinen Lieblingsort – den Taufstein.

Kirche hat es in der heutigen Zeit nicht leicht. Missbrauchsdiskussion, eine sinkende Zahl an Gemeindemitgliedern, dazu strukturelle Herausforderungen. Das ist im Stadtbezirk Uentrop nicht anders. Ein Hammer Pfarrer schildert seine Sichtweise auf die Entwicklung. Diskutieren Sie mit (Formular unten im Artikel)

Hamm-Osten – Rund 70 Prozent der Bürger im Stadtbezirk Uentrop gehören einer der beiden großen christlichen Kirchen an. Das ist im stadtweiten Vergleich immer noch ein hoher Wert, doch auch in Uentrop ist ein spürbarer Rückgang nachweisbar. So gab es Ende 2020 knapp 2500 Christen weniger als zehn Jahre zuvor.

Pastor Marcus Nordhues ist bereits seit 1998 in St. Georg und kennt die Gläubigen in der Gemeinde gut. Auf die Frage, warum es diesen Rückgang gibt, kann er nicht den einen Grund nennen, sondern eine Mischung aus mehreren: „Da spielt natürlich vieles rein, vom Missbrauchsskandal über notwendige Strukturreformen in der Kirche bis hin zu gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen“, so der Pastor.

Einschnitte infolge des Priestermangels

Die einschneidendste Veränderung vor Ort sei zuletzt die Schaffung der Pastoralen Räume gewesen: Früher habe jede Kirche ihren Pfarrer gehabt und sei gegenüber den Gläubigen eine „versorgende“ Kirche gewesen. „Da hatte der örtliche Pfarrer dreimal am Wochenende die Messe gehalten und jeder konnte sich aussuchen, welche ihm gelegen kam“, so Nordhues. Durch den Priestermangel gebe es nun teilweise nur noch eine Messe und vielleicht keinen Priester mehr, der ständig vor Ort ist. „Das ist ein Einschnitt und das tut verständlicherweise weh“, so der Pastor.

Mittlerweile sei die Kirche im Sinn der Gemeinschaft der Gläubigen von einer versorgenden zu einer „mitsorgenden“ Kirche geworden: „Wer möchte, dass in seiner Gemeinde und seinem Pastoralverbund viel passiert, ist herzlich eingeladen, selbst mitzutun“, so Nordhues.

Das brauche natürlich auch eine gewisse Zeit, vom Hören und Verstehen bis zur alltäglich akzeptierten Tatsache. Die Entstehung des Pastoralverbunds Hamm-Mitte-Osten habe 2007 begonnen und sei 2010 komplett umgesetzt gewesen. Das habe für die Hauptamtlichen, wie für die Ehrenamtler aus den Pfarrgemeinderäten und Kirchenvorständen, viele Veränderungen mit sich gebracht. Alle hätten dazulernen müssen und sehr vieles funktioniere auch gut: „Mein Vorgänger Pfarrer Langkamp hatte zu seinen Ehrenamtlern auch immer gesagt „Macht im guten Sinne, aber macht mal.“ Er habe zwar letztendlich den Hut aufgehabt, aber aus diesem Vertrauen und mit fähigen Leuten ging das mühelos, berichtet der Seelsorger.

Das funktioniere in vielen Bereichen immer noch ganz hervorragend, doch auch gesellschaftlich habe sich vieles verändert: Im klassischen Familienbild arbeitete früher nur einer, heute sind es oft beide. Die Arbeitszeiten werden immer flexibler und das Thema Work-Live-Balance werde zu Recht als hohes Gut gesehen.

Die Schwierigkeit, genug Helfer an allen Fronten zu finden

„Mal als Beispiel: Wenn ein besonderer Gottesdienst oder eine außergewöhnliche Aktion ansteht, dann ist es eigentlich kein Problem, genügend Helfer zu finden“, erklärt der Pastor. Doch wenn es um feste Ämter gehe, die dann über Jahre besetzt werden sollen, dann werde es erheblich schwieriger. „Vor Kurzem habe ich noch Anträge auf Urlaub und Sonderurlaub unterschrieben, für Leute, die als Betreuer in die Ferienfreizeit mitfahren wollen“, so der Pfarrer. Sie hätten das Glück, noch Leute zu finden, die damit groß geworden seien und sich selbstverständlich bereit erklärten, ihre Zeit dafür einzubringen. Doch es sei auch die Frage, wie viele Unternehmen das mittrügen.

Auch in der Jugend setze sich das fort: Wenn das Studium anstehe, dann zögen die jungen Leute halt weg. Gerade in der Jugendarbeit mache das viel aus. Der hohe Anteil, den die Gläubigen in Uentrop immer noch darstellten, sei auch der Tradition zu verdanken: Die konservative Haltung, zu der die kirchliche Gemeinschaft gehöre, sei unter den Bergleuten und Knappen, der polnisch-stämmigen Bevölkerung oder der alteingesessenen Bevölkerung im ländlichen Raum noch sehr ausgeprägt. Wie lange das so bleibt? Das sei offen.

Der Corona-bedingte „Dornröschenschlaf“ macht es nicht einfacher

Die Corona-Pandemie habe noch zusätzlich alles erschwert, wenn nicht sogar völlig verhindert. Inzwischen freue man sich ja, dass zumindest wieder im Gottesdienst gesungen werden dürfe. Wenn er die bisherigen Regelungen sehe: Das sei ein Drama gewesen. „Ich hoffe nur, wenn Corona wirklich mal soweit im Griff ist, dass dann die Gemeinden aus dem verordneten Dornröschenschlaf finden“, sagt der Pastor. Denn: Wenn etwas zu lange still liege, dann breche immer auch etwas weg.

Was die Kirchen insgesamt bräuchten, wäre auch bei den Gläubigen der Mut zur Veränderung: „Wenn man sich überlegt, wo wir herkommen – dem wandernden Volk Gottes, dem Stamm Israel in der Wüste – dann sollte man doch offen sein für das, was kommt“, so Nordhues. Und er wünscht sich, dass die Christen wieder viel selbstverständlicher zum „Christsein“ stehen. Es werde so viel Gutes getan, für Kinder und Alte, Arme und Kranke. Da müsse jeder Christ viel selbstverständlicher Flagge zeigen und zu seinem Glauben stehen.

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