Heiße Debatte ums Reinheitsgebot

Strenge Auflagen: Heißt Döner in Hamm bald Drehspieß?

Erol Eravsar vom City Grill an der Martin-Luther-Straße möchte keine „Überbürokratisierung“ in seiner Gastronomie.
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Erol Eravsar vom City Grill an der Martin-Luther-Straße möchte keine „Überbürokratisierung“ in seiner Gastronomie.

Weil Ordnungsämter und Lebensmittelkontrolleure beispielsweise in Dortmund der Einhaltung des Reinheitsgebotes für Döner besondere Aufmerksamkeit schenken, müssen manche Betriebe ihren Döner in „Drehfleischspieß“ umbenennen.

Hamm – Dieses Vorgehen sorgt für Unverständnis und Ärger bei den Betroffenen und kostet viel Geld. Wird Deutschlands liebstes Fastfood auch in Hamm bald Drehfleischspieß heißen? Während das Thema Döner und Reinheitsgebot landauf, landab sprichwörtlich in aller Munde ist, herrscht in Hamm Ruhe in den 48 Betrieben, die Döner-Produkte anbieten.

Neue Speisekarten drucken oder Werbetafeln ändern, wie anderswo geschehen, musste hier bislang niemand. Erol Eravsar, Inhaber des City-Grills an der Martin-Luther-Straße, bietet neben Pizza und Pide auch Döner Kebab an. Er sieht das Thema von zwei Seiten: „Ich möchte meinen Kunden ein gutes Produkt anbieten. Das ist mir wichtig, und ich kann es nachvollziehen, dass Verbraucher vor schlechter Qualität geschützt werden sollen“, sagt er. Dies dürfe aber nicht zu einer „Überbürokratisierung“ führen.

"Die Leute werden Döner bestellen"

Betriebe wie seiner hätten so viele Auflagen zu erfüllen und einem Berg von Bürokratie gerecht zu werden – und jetzt noch das Döner-Reinheitsgebot obendrauf? „Das geht an der Realität vorbei“, meint Eravsar. Er habe einen Hersteller seines Vertrauens. Qualität habe ihren Preis. „Wenn mir irgendwo ein Döner für 2,50 Euro angeboten wird, habe ich meine Zweifel“, so Eravsar. Das müsse einem schon der gesunde Menschenverstand sagen.

Grundsätzlich bezweifelt er, dass sich der Begriff „Döner Kebab“ überhaupt schützen lässt. „Döner bedeutet einfach etwas, das sich dreht. Und Kebab ist gegrilltes oder gebratenes Fleisch. Wie will man das schützen?“, fragt sich Eravsar. „Und ob jetzt Drehfleischspieß auf der Karte steht oder nicht: Die Leute werden Döner bestellen. Diese Gewohnheit bekommen Sie aus dem Sprachgebrauch nicht heraus.“

30 Jahre bewährtes Hausrezept

Mustafa Sönmez, Mitarbeiter des Grill-Restaurants Istanbul an der Oststraße, öffnet bereitwillig das Kühlhaus. Hier hängt frisches Rindfleisch, aus dem täglich zwei Spieße selbst hergestellt werden – nach einem seit über 30 Jahren bewährten Rezept des Hauses. So lange gibt es das Restaurant schon. Hier könne jederzeit alles kontrolliert werden, sagt Sönmez.

Haben Gäste Fragen zu Inhaltsstoffen eines Gerichts, legt er ihnen einen Ordner vor, in dem alle Speisen entsprechend aufgeführt sind. Das Reinheitsgebot für Döner sei bei Kontrollen nie Thema gewesen. Ist das also Unsinn? Sönmez zuckt mit den Schultern. „Wir bieten hier sehr gute Qualität an“, sagt er.

Etikett ohne Begriff "Döner"

Ein dritter Döner-Anbieter, der namentlich nicht genannt werden möchte, zeigt gerne das Etikett eines fertig bestellten Spießes. Auffällig: Die Worte Döner Kebab tauchen darauf nicht auf. Stattdessen ist die Ware als „Drehspieß aus zerkleinertem/zum Teil fein zerkleinerten Rindfleisch“ ausgewiesen. Bei genauem Hinsehen finden sich auf der Zutatenliste Bestandteile wie Paniermehl, Zucker oder Sojaeiweiß, die laut Reinheitsgebot nicht vorgesehen sind.

Dementsprechend hat der Hersteller das Produkt korrekt bezeichnet, auf der Speisekarte findet sich dennoch Döner. Zweifel an der Qualität hat der Grillbetreiber nicht, das Fleisch bewege sich im Einkauf im mittleren Preissegment, der Anbieter habe sein Vertrauen. Ob er an der Bezeichnung „Döner“ etwas ändern müsse? „Was wäre denn der Vorteil einer Umbenennung?“, fragt er zurück. „Das ist viel Bürokratie, kostet Geld und Zeit. Es hat immer Döner geheißen.“

Stadt setzt andere Prioritäten

Aber wie sieht das die Stadt Hamm? Sie setzt bei den Lebensmittelkontrollen andere Prioritäten als die Einhaltung des Döner-Reinheitsgebotes. Das sagt Stadtsprecher Lukas Huster auf WA-Nachfrage. „Bei den regelmäßigen Betriebskontrollen steht die Einhaltung der Betriebshygiene, der Dokumentationspflichten und der Kennzeichnungsvorschriften der Allergene und Zusatzstoffe im Vordergrund“, so der Sprecher.

Ist der Betrieb sauber, die Ware haltbar oder stimmt die Kühlung: Das seien Faktoren, die den Verbraucher unmittelbar beträfen, so Huster. „Hier arbeiten wir auf einem guten Niveau.“

Betriebe jährlich kontrolliert

Grundsätzlich würden Betriebe einmal jährlich kontrolliert. Betriebe, bei denen in der jüngeren Vergangenheit Mängel in Hygiene und/oder Dokumentation festgestellt worden seien, würden dabei häufiger – in der Regel halbjährlich – kontrolliert. Eine Kontrolle auf die korrekte Verkehrsbezeichnung der verkauften Produkte erfolge sporadisch durch Untersuchung von Proben im Untersuchungsamt oder durch die Kontrolle der Kennzeichnung der tiefgekühlt vorrätig gehaltenen Spieße.

Alle 48 Anbieter von Döner-Gerichten in Hamm auf die Einhaltung des Reinheitsgebotes hin zu überprüfen, sei allein von den Personal-Kapazitäten nicht leistbar, sagt Huster. An einen einzigen mündlichen Hinweis könne man sich bei der Stadt erinnern. Er bezweifelt im Übrigen, dass andere Kommunen mit zum Teil Hunderten von Döner-Buden aufgrund ihrer personellen Situation dazu in der Lage sind, all diese auf das Reinheitsgebot hin zu überprüfen.

Döner Kebab und Co.:

Die Anforderungen an einen „Döner“ oder „Döner Kebab“ sind in Ziffer 2.511.7 der Leitsätze für Fleisch und Fleischerzeugnisse des Deutschen Lebensmittelbuches festgelegt.

Döner Kebab, Döner Kebap, Hähnchen-/Puten-Döner Kebab, Hähnchen-/Puten-Döner

Ausgangsmaterial:

  • grob entsehntes Schaffleisch und/oder
  • grob entsehntes Rindfleisch
  • grob entsehntes Geflügelfleisch (Huhn, Pute) bei Hähnchen-/Puten-Döner Kebab

Besondere Merkmale:

dünne Fleischscheiben, auf Drehspieß aufgesteckt; ein mitverarbeiteter Hackfleischanteil aus grob entsehntem Rindfleisch und/oder grob entsehntem Schaffleisch beträgt höchstens 60 Prozent. Außer Salz und Gewürzen sowie gegebenenfalls Eiern, Zwiebeln, Öl, Milch und Joghurt enthält Döner Kebab keine weiteren Zutaten.

Bei Hähnchen-/Puten-Döner Kebab wird kein wie Hackfleisch zerkleinertes Fleisch eingesetzt; der maximale Hautanteil beträgt 18 Prozent.

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