Faktor Mensch wird kleiner: Stoppt Digitalisierung Job-Boom?

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Was macht der Mensch, was macht der Roboter? Diese Frage stellt sich insbesondere im Logistikbereich – hier ein Foto von Claas in Uentrop.

Stoppt die Digitalisierung den Job-Boom in und um Hamm? Experten sehen Umbrüche auf dem Arbeitsmarkt und raten zur Weiterbildung.

Hamm – Tausende Arbeitsplätze könnten auch in Hamm bereits in wenigen Jahren der Automatisierung zum Opfer fallen, sagen Wissenschaftler. Am anfälligsten sind Helfer- und Facharbeiterstellen in Fertigung und Logistik. Doch wie weit der Job-Abbau gehen wird, lässt sich nicht prognostizieren. Trotzdem raten Fachleute, jetzt massiv in die Weiterbildung zu investieren.

Unter dem Titel „Wirtschaft 4.0“ diskutierten Experten aus Wissenschaft, Wirtschaftsförderung und Arbeitsvermittlung jetzt in der Hammer Arbeitsagentur über Chancen und Risiken der Digitalisierung für den Arbeitsmarkt. Die Tagung war eine Reaktion auf eine Berichterstattung unserer Zeitung: Im August hatte Thomas Keyen, operativer Geschäftsführer der Hammer Arbeitsagentur, im WA vor dem Wegfall zahlreicher Arbeitsplätze vor allem in der Logistik-Branche gewarnt, Wirtschaftsförderer Dr. Karl Georg Steffens hatte dies rundweg zurückgewiesen und „keine dramatischen Verluste“ kommen sehen.

Region Hamm „sehr abhängig“ von Logistik

Einig sein dürfte man sich immerhin über die überragende Bedeutung der Logistik für Stadt und Region. Das östliche Ruhrgebiet gilt als Hochburg der Branche. In Hamm arbeiten in den Verkehrs- und Logistikberufen anteilig 2,25 Mal so viele Beschäftigte wie im Bundesschnitt, im Kreis Unna sogar dreimal so viele. Die Region sei „sehr abhängig“ von der Logistik, sagte Sebastian Lohr von der NRW-Regionaldirektion der Arbeitsagentur.

Und gerade die Logistik hat noch viel Automatisierungspotenzial. Das legen zumindest Daten des Kölner Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB), einer Forschungseinrichtung der Arbeitsagentur, nahe. 86 Prozent der Tätigkeiten eines Lager- und Transportarbeiters könnten prinzipiell auch von Maschinen erledigt werden, sagte der Soziologe Dr. Frank Bauer, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim IAB tätig ist. Es trifft also eher die einfachen Beschäftigten.

Computer für viele Tätigkeiten denkbar

Bauer spricht von „Substituierbarkeitspotenzialen“. Und die sind nach Branchen und Regionen unterschiedlich ausgeprägt: 58,1 Prozent der Tätigkeiten in der NRW-Logistik insgesamt könnten auch von Computern gesteuert werden, in der Fertigung sind es sogar 83,6 Prozent – dem industriellen 3D-Drucker sei Dank. Auch in Bürojobs gibt es großes Umstellungspotenzial, Medizin und Kultur gelten dagegen als krisenfest, beschäftigen aber auch deutlich weniger Menschen.

Anfällig für Job-Verluste sind nach dieser Lesart Regionen, von denen man es kaum vermuten würde: Sieger- und Sauerland beispielsweise mit ihren mittelständischen Fertigungsbetrieben. Im ausgesprochen wohlhabenden Kreis Olpe stehen Bauer zufolge die größten Umbrüche in Nordrhein-Westfalen bevor: 40 Prozent der Beschäftigten arbeiten hier in einem Beruf mit hohem Substituierbarkeitspotenzial. Das Gegenteil ist das ebenfalls wohlhabende Bonn mit 16 Prozent.

Fertigungsberufe unterrepräsentiert

Hamm sieht die IAB-Studie im Mittelfeld: 27 Prozent der Beschäftigten gehen hier einen Beruf nach, der ein großes Maß an ersetzbaren Tätigkeiten beinhaltet. Überträgt man die immerhin sechs Jahre alten IAB-Zahl auf die aktuell gut 60 000 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse, ginge es hier um etwa 16 200 Jobs.

Dass Hamm mit 27 Prozent noch unter dem Landesschnitt von 36 Prozent liegt, erklärt Bauer damit, dass reine Fertigungsberufe hier unterrepräsentiert, die etwas sichereren Handelsberufe dagegen überrepräsentiert seien.

Einwände kamen nur von Steffens: Die Rationalisierung in der Logistik sei aus seiner Sicht abgeschlossen, im jüngst eröffneten Uentroper Claas-Hochregallager arbeite beispielsweise praktisch niemand mehr im eigentlichen Lagerbereich, drumherum habe die Firma die Mitarbeiterzahl aber von 200 auf 600 gesteigert.

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Bauer machte auch deutlich, dass die IAB-Studie Potenziale aufzeigt, die nicht notwendigerweise vollständig genutzt werden. Der Kollege Computer übernimmt eben, wenn er praktischer und preiswerter ist: Es brauche eine marktfähige Alternative, damit Routineaufgaben auf die Maschine übergehen.

Prof. Dr. Jutta Rump vom Ludwigshafener Institut für Beschäftigung und Employability (IBE) hielt Bauers Zusammenfassung noch für viel zu zurückhaltend: Die Zahlen gäben die Realität in den Betrieben nur bedingt wieder, das Kosten-Nutzen-Verhältnis für den Einsatz automatisierter Verfahren habe sich deutlich verändert – zugunsten der Roboter.

Rump sah – wie Bauer übrigens auch – einen akuten Handlungs- und erheblichen Qualifizierungsbedarf. Vor allem überfachliche Kompetenzen müssten gestärkt werden, so Rump. Dabei sah sie vor allem die Führungskräfte in den Unternehmen in der Verantwortung. Wenn Firmen jetzt in Weiterbildung investierten, prophezeite Rump positive Beschäftigungseffekte.

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Die Notwendigkeit, zu qualifizieren, war der gemeinsame Nenner der Tagung. Und die Feststellung der DGB-Vorsitzenden Jutta Reiter, die meisten Unternehmen müssten sich da erst noch auf den Weg machen, blieb unwidersprochen.

Auf viele Fragen gibt es aber noch keine Antworten. „Wohin sollen wir denn jetzt qualifizieren?“, fragte Gottfried Schulz, der Leiter des Kolping-Bildungszentrums. „Und wie bringen wir Leute, die jahrelang das selbe gemacht haben, wieder zum Lernen?“

Nachdenklich gab sich Unnas Wirtschaftsförderer Dr. Michael Dannebom. Die Logistik habe jahrelang enormes Wachstum gebracht und die Vermittlung von Menschen ohne Qualifikation in eine Beschäftigung ermöglicht. Die Automatisierung finde statt und werde fortschreiten, und durch Flächenknappheit werde dem Logistikwachstum vielleicht eine natürliche Grenze gesetzt.

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