Abriss steht bevor

Stilles Aus für Kult-Gaststätte: Drees „Zur krausen Linde“ öffnet nicht mehr

Heinrich Drees, Tochter Agnes Drees, Elisabeth Drees und Andreas Heitbaum.
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Die letzten von mindestens vier Wirtsgenerationen der „Krausen Linde“: Heinrich Drees, Tochter Agnes Drees, Elisabeth Drees und Andreas Heitbaum (von links) werden nach dem Lockdown nicht wieder öffnen. Alte Karten zeigen den Namen Drees schon im frühen 19. Jahrhundert.

Es fehlen wenige Monate, dann würde Heinrich Drees sein 60-Jähriges als Wirt feiern. Doch dazu kommt es nicht mehr. Die Gaststätte Drees „Zur krausen Linde“ an der Hafenstraße wird nicht wieder öffnen.

Hamm - Der Grund für das Ende ist nicht Corona, sondern ein altersbedingter, persönlicher Schlussstrich, den die Familie nach Generationen im Gaststättengewerbe zieht. Das Haus ist verkauft und wird abgerissen. „Das meiste habe ich wohl richtig gemacht“, sagte Heinrich Drees vor zehn Jahren anlässlich seines 50-jährigen Wirtsjubiläums rückblickend auf die eigene Gastronomiegeschichte. „Auch was wir jetzt tun, ist richtig“, sagt Drees heute. Er sei im Reinen mit der Entscheidung, die Gaststätte an der Hafenstraße aufzugeben.

Drees ist inzwischen 85, seine Frau Elisabeth 83. Natürlich wissen beide um die vielen Clubs, die mit der Schließung quasi heimatlos werden. 66 Kegelclubs und 14 Stammtische waren hier bis vor dem ersten Lockdown gebucht. Das letzte echte Kegeln fand am 13. März 2020 statt, also fast genau vor einem Jahr. Mit fünf Bahnen ist Drees größtes Haus in Hamm.

„Die Clubs sind traurig“, sagt Tochter Agnes Drees. „Manche denken an Auflösung, auch weil sie mit unserem Betrieb gealtert sind.“ Die gelernte Hotelfachfrau stieg 2015 in die elterliche Wirtschaft ein, übernahm damals von ihrem Bruder Heinz, um ihre Eltern zu unterstützen und war fortan das Gesicht hinter dem Tresen. Die Entscheidung, sich zurückzuziehen, fiel folglich im Familienkreis. Agnes Drees und ihr Lebenspartner werden künftig in einem „Mehrgenerationenhaus“ mit den Eltern in Hamm leben. Eigentlich so, wie es in der Familie immer üblich war.

Aus für Kult-Gaststätte Drees: Abriss nicht anschauen

So klar der Senior-Wirt nach außen auftritt, so aufgewühlt ist seine Frau Elisabeth innerlich. „Ich werde mir den Abriss nicht anschauen“, sagt sie. Zu viele Erinnerungen hängen für sie an diesem Ort, an dem die Grenzen zwischen Zuhause und Betrieb immer fließend waren. Wenn die Kinder abends das Kaminzimmer räumen mussten, weil Gäste es hier gemütlich haben wollten. Wenn sich dort die Nikoläuse zu Weihnachtsfeiern umzogen, und Sohn Franz einmal wissen wollte „Wie viele Nikoläuse gibt es eigentlich?“ Wenn nach der ersten 1968 wieder eine neue Kegelbahn hinzukam, weil ein weiteres Kind geboren war – fünf Kinder, fünf Bahnen.

Zwar ist die Gaststätte Drees nach einer vermutlich sehr stattlichen Linde benannt, doch nach heutiger Einschätzung ist davon auszugehen, dass diese Linde nicht unmittelbar auf dem jetzigen Grundstück gestanden hat. Als gesichert gilt ihr Standort einige Hundert Meter entfernt, etwas südwestlich des Hafenamtes auf dem heutigen Gelände eines Küchenanbieters gegenüber der Feuerwache.

Trotzdem wird sie wegen der räumlichen Nähe namensgebend für die Gastronomie gewesen sein.

Nach einem Blitzeinschlag und einer Begutachtung 1922 wurde der Baum dem Verfall überlassen. Alte Postkarten vor 1922 zeigen das Gebäude und die Gartenwirtschaft, eine große Linde ist darauf aber nicht zu sehen. Ob unter der Linde in früheren Zeiten tatsächlich Gericht gehalten wurde oder ob es sich um Legendenbildung handelt, ist nicht bekannt.

Trotz aller Wehmut bleibt Raum für viel Heiteres. Heinrich Drees hat seinen Humor nicht verloren, ist ein wandelndes Buch voller Anekdoten. So gehörten neben Alkoholhaltigem, Speisen und Zigarren auch Pralinen zum Angebot der „Krausen Linde“. „Wenn Lkw-Fahrer sich nach Schichtende hier getroffen haben, hat das mancher Frau nicht so gut gefallen. Die Fahrer haben ihnen dann Pralinen mitgebracht. Wenn die Schachtel zuhause nicht zurückgeflogen kam, durften sie auch ins Haus.“

Aus für Kult-Gaststätte Drees: Offenes Haus über Jahrzehnte

Drees war über Jahrzehnte ein offenes Haus für Versammlungen, Taufen, Kommunion und Konfirmation, Hochzeiten, Geburtstage und Trauergesellschaften. 1986 wurde die Vogelschießstange eingeweiht, die sich großer Beliebtheit unter den Vereinen erfreute. „Die Gesellschaften konnten hier feiern, ohne Nachbarn zu stören“, sagt Heinrich Drees. „Drumherum Industrie und ein Friedhof. Da beschwert sich eh niemand mehr.“

Auch was wir jetzt tun, ist richtig.

Heinrich Drees, Wirt der „Krausen Linde“

Das ist jetzt Geschichte. Teile des Inventars sind bereits verkauft, weitere folgen. Kegelclubs werden gebeten, bis Ende April ihre Utensilien wie Wimpel oder Schuhe abzuholen. „Wir hätten uns gerne mit einer Feier von den treuen Gästen verabschiedet“, sagt Elisabeth Drees. „Aber das geht wegen Corona leider nicht.“ Bis zur Jahresmitte will die Familie nun ihren Lebensmittelpunkt in ein neues Zuhause verlegt haben.

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