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Steigende Preise: Albtraum vom Eigenheim in Hamm

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Von: Patrizia Frank

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Viktor Nachtigall, Architekt aus Hamm
„Im Internet können Sie die ersten Rohbauten finden, die unfertig zum Verkauf stehen“, sagt der Hammer Architekt Viktor Nachtigall. © Reiner Mroß (Archiv)

Fehlendes Personal, teure Baustoffe, Lieferengpässe, steigende Zinsen: Die Entwicklung trifft auch Bauherren in Hamm hart. Schlimmer noch: Es ist kein Ende in Sicht.

Hamm – Häuslebauer und jene, die es werden wollen, haben im Augenblick kein leichtes Leben. Nach vielen Jahren mit niedrigen Bauzinsen und ständig steigenden Immobilienpreisen steht der Baubranche – und damit auch den Häuslebauern – eine Zeitenwende ins Haus, die es so auch nach Ansicht von Fachleuten noch nicht gegeben hat.

„Das, was sich derzeit am Immobilienmarkt abspielt, habe ich in 23 Jahren als Architekt noch nicht erlebt. Diese Entwicklung in absoluter Turbogeschwindigkeit ist auch für mich vollkommen neu“, sagt zum Beispiel Viktor Nachtigall, der in Hamm ein Büro mit 15 Mitarbeitern betreibt. Es gebe eine Preisschraube, die an vielen Stellen gleichzeitig gedreht werde und die, so glaubt Nachtigall, langfristig dazu führen könnte, dass die Probleme am Wohnungsmarkt sich an allen Ecken und Enden verschärfen könnten.

„Es gibt Handwerkerfirmen, die sich nicht mehr trauen, Angebote abzugeben bei Ausschreibungen“, erzählt der Diplom-Ingenieur. Das habe vielfältige Gründe: Zum einen fehle Personal, ein Trend, der sich nach Ansicht von Nachtigall in den kommenden Jahren vervielfachen wird. Zum anderen seien Baustoffe immer schwieriger zu bekommen. „Mittlerweile haben wir Probleme, Steckdosen zu bekommen“, sagt er und ist selbst ein bisschen fassungslos.

Albtraum vom Eigenheim in Hamm: Hausnebenkosten auch Problem

„Die Unternehmen können nicht mehr vernünftig planen und kalkulieren und trauen sich große Aufträge daher kaum noch zu.“ Das merken auch private Bauherren im großen Stil, Bauvorhaben verzögern sich, Kosten explodieren – und damit nicht genug: „Selbst wenn es gelingt, erfolgreich zu bauen, müssen die Neubaubesitzer nun auch noch damit umgehen, dass die Hausnebenkosten in ungeahntem Maße steigen“, erklärt Nachtigall. Das führe sogar bei gut durchdachten Projekten mit stabilen Finanzierungen dazu, dass Kunden enorme Abstriche hinnehmen müssten.

„Ich kann ihnen von einem Kunden erzählen, der ein größeres Haus bauen wollte. Mit 700.000 Euro war ein recht komfortables Budget vorhanden“, sagt Nachtigall. Nach der ersten Planungsphase sei der Kunde sehr ernüchtert vom nächsten Banktermin gekommen: „Aufgrund gestiegener Zinsen musste das Haus gut 200.000 Euro günstiger geplant werden.“ Doch damit nicht genug: „Dann musste ich ihm sagen, dass zeitgleich auch die Preise für Baumaterial um gut 30 Prozent angezogen haben. Das ehemals große Haus wurde so immer kleiner.“

Albtraum vom Eigenheim in Hamm: 300 bis 500 Euro mehr im Monat

Ein Fall, den Jan Nöthe, Bereichsleiter private Baufinanzierung bei der Volksbank, neuerdings auch häufig erlebt: „Die Menschen können oft nicht mehr finanzieren, was sie sich ursprünglich einmal vorgestellt hatten“, sagt er. Um 175 Prozent seien die Zinsen seit Jahresbeginn in die Höhe geschossen. „Das führt unter Umständen dazu, dass eine vorher gerechnete Finanzierung für ein Projekt nicht mehr zu halten ist. Da können ohne Probleme 300 bis 500 Euro mehr an Monatsrate herauskommen, wenn die neuen Konditionen berücksichtigt werden müssen.“

Bauherren, die von den Preissteigerungen mitten in der Bauphase erwischt würden und vorher nicht alle Verträge zu alten Konditionen fixiert hätten, kämen oft zur Bank, um Rat zu suchen. „Das kann so aussehen, dass wir dazu raten, die Außenanlagen erstmal gar nicht anzupacken. Das kann aber auch so aussehen, dass die Kunden nachfinanzieren müssen. Oder eben auch dazu, dass der Bau unter Umständen gar nicht fertiggestellt werden kann“, sagt Nöthe.

Albtraum vom Eigenheim in Hamm: Rohbauten unfertig zum Verkauf

Auch Nachtigall beobachtet die Entwicklungen auf einschlägigen Immobilienportalen im Internet: „Da können Sie die ersten Rohbauten finden, die unfertig zum Verkauf stehen“, sagt er. „Man muss sich klar darüber sein, dass in solchen Fällen immer ein menschliches Schicksal dahinter steckt, mit dem wirklich nicht zu spaßen ist.“

Auch bei der Hammer Sparkasse beobachten die Berater derzeit, dass viele Kunden von geplanten Bauvorhaben wieder Abstand nehmen müssen, wie Philip Schönenberg aus der Pressestelle erklärt: „Nachdem wir die Frage ,Was kann ich mir leisten?’ geklärt haben, stellen unsere Kundinnen und Kunden aktuell häufiger als in den Vorjahren fest, dass ihr Bauvorhaben im geplanten Umfang nicht umsetzbar ist. Angesichts der anhaltenden Inflation ist davon auszugehen, dass die Preise in allen Bereichen in den kommenden Monaten weiter steigen werden.“ Ein Trend, der nach seiner Ansicht auch die Zinsen betrifft: „Die Bauzinsen werden wohl langfristig weiter steigen – zumindest bis ins nächste Jahr hinein“, heißt es von der Pressestelle des Geldinstituts.

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