Wie das Aufholprogramm funktionieren soll

Stadt Hamm will Corona-geplagte Schüler zurück in die Spur holen

Aufholprogramm für Kinder in Hamm.
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Aufholprogramm für Kinder: In Hamm sollen viele Angebote für Kinder und Jugendliche ausgebaut werden.

Kinder und Jugendliche sind in der Corona-Krise regelrecht unter die Räder gekommen. Mit einem Aufholprogramm will die Stadt Hamm Schüler dabei unterstützen, wieder in die Spur zu kommen. Allein das Geld dafür fehlt noch.

Hamm - Kinderärzte erzählen, dass viele Kinder mit psychosomatischen Problemen in ihre Praxen kommen, Schulleiter berichten, dass sie einen Teil ihrer Schüler nicht mehr erreichen: „Die Folgen der Pandemie sind noch gar nicht absehbar“, sagt Hamms Familiendezernentin Dr. Britta Obszerninks. Klar sei nur, dass die Schüler, Eltern und Schulen Unterstützung bräuchten. Wie diese aussehen kann, daran haben Vertreter aus verschiedenen Ämtern und Institutionen in Hamm in den vergangenen Wochen gearbeitet.

Herausgekommen ist ein Aufholprogramm für Kinder und Jugendliche. Es beinhaltet Kurse, Förderprogramme und Ferienfreizeiten, lang- und kurzfristige Maßnahmen. Viele der Angebote sollen mit Hilfe von Bundes- und Landesprogrammen finanziert werden. Allerdings fehlen noch das Geld und die Richtlinien dafür, wie es zu verteilen ist. „Wir machen es mal anders herum: Wir warten nicht, bis alle Förderrichtlinien da sind, sondern überlegen schon jetzt, wie wir die Hammer Kinder unterstützen können“, sagt Oberbürgermeister Marc Herter (SPD). Sein Signal: Jede Woche zählt.

Herter hat drei Gruppen von Kindern und Jugendlichen ausgemacht: diejenigen, die in der Pandemie sogar noch neue Kompetenzen erworben haben, weil sie neben dem eigentlichen Stoff auch lernten, digital zu arbeiten und sich dort selbst weiterzubilden. Dann die Schüler mit einzelnen Defiziten – und schließlich die, von denen man glaubt, sie verloren zu haben. „Auf sie wollen wir den Fokus legen“, so der OB.

Wollen vor allem bestehende Angebote ausbauen (von vorne links, im Uhrzeigersinn): Dr. Britta Obszerninks (Familiendezernentin), Karin Diebäcker (Amt für schulische Bildung), Susanne Wessels (Schulaufsicht), Lydia Schillner (Jobcenter), Anna Dreckmann (Jugendamt) und Oberbürgermeister Marc Herter.

Aufholprogramm für Schüler in Hamm: Zielgruppe Youcard-Inhaber

In Hamm wolle man vor allem bestehende Angebote ausbauen und aufstocken. Obszerninks erklärte, sie halte es für nachhaltiger, auf die bewährten Strukturen zu setzen, als neue daneben zu schaffen. So soll dauerhaft die Schulsozialarbeit aufgestockt werden – schließlich schildern die Verantwortlichen, dass vor allem die psychosozialen Folgen von Pandemie und Pandemiebekämpfung den Kindern und Jugendlichen zu schaffen machten.

Langfristig angelegt ist auch ein Lernprogramm des Jobcenters. Zielgruppe sind Kinder und Jugendliche mit Youcard, also Kinder, denen Leistungen aus dem Bildungs- und Teilhabepaket zustehen. „Das Ziel ist es, Schülern zu helfen, einen marktfähigen Schulabschluss zu erwerben“, sagt Lydia Schillner vom Jobcenter. „Wir fördern aber auch gerne Talente und arbeiten gemeinsam darauf hin, dass jemand einen Studienplatz mit Numerus Clausus erhalten kann.“ Hilfen gibt es in den Sommerferien und darüber hinaus, es würden immer gleich 200 Stunden pro Kind genehmigt.

Gibt es 183 Euro pro Kind?

Anfang Mai hat das Bundeskabinett angekündigt, man werde ein Aufholpaket mit zwei Milliarden Euro für Kinder und Jugendliche zur Verfügung stellen. Angesichts von rund 10,9 Millionen Schülern in Deutschland stünden statistisch gesehen für jeden Schüler 183 Euro zur Verfügung. Heißt das also, dass Hamm für seine gut 26.000 Schüler etwa 4,8 Million Euro erwarten kann? Nicht unbedingt, wie Herter betont. „Wir hoffen, dass soziale Faktoren bei der Verteilung des Geldes auch eine Rolle spielen“, sagt der Oberbürgermeister. Dann hätte das vergleichsweise strukturschwache Hamm mehr Geld zu erwarten.

Aufholprogramm für Schüler in Hamm: Kurse sollen Psyche stärken

Neu ist das Programm „Extra Zeit zum Lernen“, das in den Sommerferien ab dem 5. Juli gezielt Coronafolgen lindern soll. Die Schulen sollen dazu Kinder und Jugendlichen ansprechen, die Hilfe brauchen. In den Ferien könnte es dann Kurse geben, in denen die Kinder Lernrückstände aufholen, die aber auch die Psyche stärken – etwa durch Übungen zur Selbstwirksamkeit.

Die „Extra Zeit zum Lernen“ könnte an der Friedensschule, am Märkischen Gymnasium und an elf Grundschulen angeboten werden. Teilnehmen können immer auch Kinder, die nicht die Schule besuchen, an der das Angebot angesiedelt ist. Der Fokus auf Grundschulen hängt vor allem damit zusammen, dass aus diesen Schulen besonders hoher Bedarf angemeldet wurde.

Aufgestockt werden könnte das Ferienprogramm „Fit in Deutsch“ für die Kinder mit Migrationshintergrund – den haben 46 Prozent der Hammer Schüler. „Wir haben festgestellt, dass Schüler mit mangelnden Deutschkenntnissen in den Sommerferien oft vieles verlernt haben“, sagt Karin Diebäcker. „Fit in Deutsch“ soll dabei helfen, das zu verhindern.

Aufholprogramm für Schüler in Hamm: Hilfen auch für Kitas

Auch Hilfen für Kitas soll es geben: In gut der Hälfte der Hammer Kitas gibt es schon jetzt mehr Stellen für die Sprachförderung. Das Land hatte erklärt, dass nun – NRW-weit – 204 weitere Förderplätze zu vergeben sind. Allein aus Hamm gab es 20 Bewerbungen um diese Plätze.

Derzeit arbeiten Land und Bund noch aus, wie die Fördergelder zu vergeben sind – die ja immerhin schon in den Sommerferien ausgezahlt werden sollen. „Bis wir die Richtlinien kennen, ist das für uns alles wie hinter einer Milchglasscheibe“, sagte Herter. Auf den Weg machte man sich trotzdem. Es sei keine Zeit zu verlieren.

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