Passanten bedrängt

Stadt will "lästig" werden: Verdeckte Späher werden gegen aggressive Bettler-Banden eingesetzt

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Symbolbild

Hamm - Solange sie freundlich grüßen, nett fragen oder still dasitzen sind sie kein Problem und gehören irgendwie dazu zu einer Großstadt: Die Rede ist von Bettlern, die mit ihrem Säckel am Wegesrand sitzen und so ihren Lebensunterhalt bestreiten. Zuletzt häuften sich allerdings die Beschwerden bei der Verwaltung über aggressives Betteln. Bürger seien regelrecht durch die Fußgängerzone verfolgt worden. Dieses aufdringliche Verhalten soll jetzt eingedämmt werden.

Um ein detailliertes Bild der aktuellen Situation zu bekommen und die subjektiven Eindrücke auch objektiv zu unterfüttern, wird innerhalb der nächsten Wochen eine zweiwöchige Analyse durchgeführt. Gezielt werden dann nicht als solche erkennbare Späher der Stadt durch die Fußgängerzone und angrenzende Innenstadtbereiche streifen und dabei protokollieren, wo und wie gebettelt wird.

Sie sollen auch konkrete Hinweise an Kommunalen Ordnungsdienst (KOD) und Polizei geben, wenn jemand als aggressiv, vulgär, pöbelnd oder anderweitig unangenehm auffällt. „Die Mitarbeiter bleiben auf Abstand, aber in Sichtweite – bis die Kollegen da sind. So verhindern wir, dass sich der Störer verdünnisiert“, erklärt Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann.

Katz-und-Maus-Spiel mit Polizei und KOD

Dass das mit dem Aufgreifen von Krawallmachern mit Sammelbecher zuletzt nicht gut klappte, bestätigte KOD-Chef Jörg Wiesemeier. „Wenn wir kommen, sind sie meistens weg. Drehen wir uns um, sind sie schon wieder da“, beschreibt Wiesemeier das Katz-und-Maus-Spiel. Bettler arbeiteten teilweise in organisierten Strukturen. „Stellen wir für den Santa-Monica-Platz beispielsweise einen Platzverweis aus, wird einfach mit dem Kompagnon am Hans-Böckler-Platz getauscht. Das ist für uns mühselig.“

Der Stadt seien auch Fälle bekannt, in denen Bettler von außerhalb nach Hamm gebracht wurden, um hier Kleingeld zu sammeln, erklärte Rechtsdezernent Jörg Mösgen. Die Analyse soll zeigen, ob es sich bei einem Teil der Bettler wie vermutet um Mitglieder organisierter Banden handelt. Bettel-Tourismus soll es in Zukunft hier nicht mehr geben. Mösgen: „Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass es in Hamm einfacher ist als anderswo.“

Aufenthaltsqualität empfindlich gemindert?

Hunsteger fürchtet, dass durch aggressive Bettler das eh schon ramponierte Image der Hammer Innenstadt weiter in Mitleidenschaft gezogen wird. „Die Aufenthaltsqualität in Cafés ist sicher nicht auf dem Höhepunkt, wenn jede Viertelstunde jemand kommt und man Beschimpfungen über sich ergehen lassen muss“, erklärt der OB. „Dann hilft es auch nicht, noch so viele Blumenampeln zur Verschönerung der Fußgängerzone aufzuhängen.“

Vor allem ältere Bürger seien Ziel von penetranten Bittstellern, schildert Hunsteger die bisherigen Eindrücke. Oftmals würden sie nach dem Abheben von Geld, in der Außengastronomie oder beim Warten im Bahnhofsumfeld bedrängt. „Die Menschen haben Angst. Es war sogar schonmal jemand in einer Kirche und ist durch die Reihen gelaufen. Wir wollen weitere Belästigungen jetzt frühzeitig unterbinden“, so Hunsteger.

Sozialarbeiter kümmern sich um junge Bettler

Die sechs Stadtmitarbeiter, die für die Analyse in der City unterwegs sein werden, sollen örtlich und zeitlich flexibel eingesetzt werden, um auch Randbereiche wie Abendstunden abzudecken. In Bahnhofsnähe sei eine Zusammenarbeit mit der Bahnpolizei geplant. Wenn dann in wenigen Wochen die Ergebnisse der Beobachtungen vorliegen, sollen mit Sozialarbeit und Ordnungsbehörden konkrete Schritte zur Entschärfung des Bettler-Problems gegangen werden.

Bei jungen Bettlern soll vor allem die Sozialhilfe involviert werden, um diese Personen aus der Szene zu bekommen. Bei allen, die sich Maßnahmen widersetzen, müsse ordnungspolitisch durchgegriffen werden. Hunsteger: „Das, was da passiert, ist nicht alles Zufall. Die waren zuerst lästig, jetzt werden wir es auch.“

Trinkerszene nicht im Blickpunkt

Neben Bettlern fallen in der Innenstadt auch Mitglieder der Drogen- und Trinkerszene negativ auf. Diese Personen seien allerdings nicht Teil der anstehenden Untersuchung. „Die Situation am Treffpunkt Nordring haben wir einigermaßen unter Kontrolle“, erklärte Hunsteger.

Er habe gelernt, dass es nichts bringe, Bänke abzubauen und zu versuchen diese Menschen am Rande der Gesellschaft zu verdrängen. „Da stößt man schnell an Grenzen, wenn man diese Leute nicht mehr erreicht und ihnen die Gelegenheit zum Treffen nimmt.“ Im Kern habe sich die Anlaufstelle am Nordring, die immer wieder vom KOD und der Polizei kontrolliert wird, bewährt.

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