Treue Kunden über Generationen hinweg

Fast 70 Jahre Kinderträume erfüllt: Spielwaren Kremers schließt im Oktober

Heidi Scholz-Kremers schließt ihr Traditionsunternehmen mangels Nachfolge.
+
Heidi Scholz-Kremers schließt ihr Traditionsunternehmen mangels Nachfolge.

Generationen von Hammern haben hier Spielwaren gekauft, und auch über die Stadtgrenzen hinaus ist Spielwaren Kremers seit Jahrzehnten ein Begriff. Ab dem 31. ktober wird es trist in der Hammer Spielzeugwelt, denn dann schließt das Familienunternehmen – unwiderruflich und für immer.

Hamm – Damit verliert die Stadt im Einzelhandel einen ihrer letzten Traditionsbetriebe. Einen vergleichbaren Ersatz in diesem Segment gibt es nicht.

Es sind nicht wirtschaftliche Gründe, die Geschäftsführerin Heidi Scholz-Kremers zu diesem Schritt bewegen. An der Seite ihres kürzlich verstorbenen Mannes Reinhard Scholz und mit treuem Personal hat sie über die Jahre immer wieder Konkurrenzsituationen gemeistert, ob mit großen Spielzeug-Discountern wie Toys’R’Us oder dem Internet- und Versandhandel. Vielmehr ist es die mangelnde Nachfolge, die das Aus besiegelt. Früh hatten sich die Kinder entschieden, nicht in die elterlichen Fußstapfen zu treten. Und generell, so Kremers’ Erfahrung, sind ernsthafte Kandidaten rar gesät.

Viel Zeit und Fleiß

Denn Romantiker, die den Spielwarenhandel als bunte Spielwiese verstehen, sind in dieser Branche falsch. Auch die haben bei Scholz-Kremers angeklopft. Von deren Geschäftsmodellen war die 76-Jährige wenig überzeugt. Nach 60 Jahren im Geschäft kennt sie Entwicklungen und Anforderungen wie kaum jemand in der Branche. „Allein den hohen Zeiteinsatz unterschätzen viele“, sagt sie. „Als Inhaber kann man nicht nach acht Stunden in den Feierabend gehen.“

Dass Spielwaren Kremers, das einst aus einem Korb- und Bürstenwaren-Geschäft hervorgegangen ist, auch nach knapp 70 Jahren des Bestehens – trotz absoluter Innenstadtrandlage – ein Erfolgsmodell geblieben ist, hat für Scholz-Kremers gute Gründe. „Das riesige Angebot war immer unsere Stärke“, sagt sie. „Und eine fundierte Beratung durch unsere Mitarbeiterinnen, die alle seit Jahrzehnten bei uns beschäftigt sind. Ohne Beratung und Präsenz geht es nicht. Das Geld wird an der Theke verdient.“ Die Kunden dankten es Kremers mit ihrer Treue: Knirpse, die hier einst ihr Taschengeld investierten, kommen heute mit eigenen Kindern oder Enkeln ins Geschäft, um Wünsche wahr werden zu lassen.

Weihnachten im alten Ladenlokal an der Oststraße 38. Rechts Reinhard Scholz und Heidi Scholz-Kremers.

Schnelllebige Zeiten

Wie in anderen Branchen auch dreht sich im Spielwarenhandel das Warenkarussell zunehmend schneller. „Die Hersteller bringen mehrmals im Jahr ganze Serien von Neuheiten auf den Markt. Darunter sind viele sehr kurzlebige Trends“, sagt Scholz-Kremers. „Das muss man im Blick und auch Mut und Kapital für Neues haben.“ Um ihren Sprösslingen die „richtige“ Auswahl anzubieten, seien die Eltern gefragt. „Sie müssen leiten, vielleicht den Fokus mehr auf eine bestimmte Serie oder ein bestimmtes Spielangebot richten.“

Nicht nur die Warenpalette hat sich über die Jahre stark verändert, auch die kleinen Kunden von heute sind andere geworden. „Mein Eindruck ist, dass Kindlichkeit immer schneller verloren geht“, sagt Scholz-Kremers. Sätze wie „Mein Kind hat keine Zeit mehr zum Spielen“ findet sie sehr bedauerlich. „Spielen bedeutet abzuschalten und kreativ zu sein. Die Bedeutung davon verkennen viele.“ Acht- oder neunjährige Mädchen seien verspielter, gleichaltrige Jungen mehr auf Action aus. Grundschüler habe sie schon gähnend im Geschäft sagen hören: „Das ist doch Babykram.“

Wunsch nach neuem Spielwarengeschäft

Ob Geburtstagsgeschenk, kleines Mitbringsel, Weihnachtswunsch oder Eisenbahnleidenschaft: Viele Kunden bleiben ohne Kremers ratlos zurück. „Ich höre jetzt immer wieder, dass unsere Kunden sich einen Spielwarenladen in Hamm wünschen“, sagt Heidi Scholz-Kremers. Funktionieren könnte das schon, glaubt sie, allerdings unter anderen Vorzeichen als in der Kremers-Ära: „Der Laden müsste in jedem Fall zentraler liegen und ein reduziertes gutes Standardsortiment anbieten.“

Von ihren Kunden verabschiedet sich Heidi Scholz-Kremers mit einem großen Dankeschön. „Ich bin keinen Tag ohne Freude ins Geschäft gegangen. Das ist eine wunderbare Branche. Nach den Jahren fühlt sich immer noch alles richtig an“, sagt sie, wohl wissend, dass zum Abschied manche Träne fließen wird.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare