Immer weniger Anbieter

Spielwaren in Hamm verzweifelt gesucht: Kann nur das Internet die Lücke schließen?

Mensch ärgere dich nicht! Der Spieleklassiker steht symbolisch für die Situation in Hamm.
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Mensch ärgere dich nicht! Der Name des Spieleklassikers ist zugleich ein Appell an alle, die in Hamm bald verzichten müssen, Spielwaren im Einzelhandel zu kaufen.

Das Traditionsunternehmen Spielwaren Kremers schließt, und auch der Kaufhof zieht sich aus Hamm zurück. Damit verschwindet die Spielware in Hamm als Sortiment weitgehend vom Markt.

Hamm – Viele Kunden, die gerne im stationären Einzelhandel kaufen, bedauern die Entwicklung. Wo sollen sie künftig Geschenke, Hobbyzubehör oder kleine Mitbringsel kaufen? Wo gibt es eine Fachberatung? Hätte die Spielware in Hamm überhaupt weiter eine Chance? Darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen.

Heidi Scholz-Kremers, Inhaberin von Spielwaren Kremers, sieht für Spielwaren im Hammer Einzelhandel durchaus eine Zukunft – allerdings unter anderen Bedingungen, als sie im eigenen Unternehmen über fast sieben Jahrzehnte gewachsen sind. „Dieses Riesenprogramm, das wir hier gefahren haben, ist für einen Neueinsteiger finanziell sicher nicht mehr leistbar“, sagt sie. Und schon gar nicht in einer 1-B-Lage, in der sich das Kremers-Ladenlokal befinde.

Das Interesse, Spielwaren im Einzelhandel in Hamm zu kaufen, hält sie grundsätzlich für stark genug. „Es gibt viele Kunden, die gerne vor Ort einkaufen“, sagt sie. „Eltern und Kinder legen Wert darauf, sich die Ware anzusehen und sie in die Hand zu nehmen. Bilder im Internet können das nicht ersetzen.“

Heidi Scholz-Kremers, Inhaberin von Spielwaren Kremers, sieht für Spielwaren im Hammer Einzelhandel durchaus eine Zukunft – allerdings unter anderen Bedingungen.

(Keine) Spielwaren in Hamm: Neuer Anbieter hätte es schwer

Allerdings – davon ist sie überzeugt – müssten mehrere Faktoren zusammenkommen, damit ein neuer Anbieter bestehen könne. Zum einen sollte sich das Ladenlokal in zentraler Lage befinden, deutlich kleiner und zu einem vertretbaren Preis mietbar sein.

Zum anderen sollte der Inhaber ein reduziertes, aber gutes Standardsortiment anbieten. Marken wie Playmobil, Lego, Haba oder auch der ein oder andere Steiff-Teddy gehörten dazu – und die „vielen Kleinigkeiten“, die Scholz-Kremers als das so genannte „tägliche Brot bezeichnet“. Das alles nicht bis ins letzte Detail, aber doch in breiter Auswahl.

Nicht zuletzt stehe und falle der Betrieb mit den Mitarbeitern. Kremers habe immer für gutes Fachpersonal und entsprechende Beratung gestanden. Scholz-Kremers verkennt nicht, dass die Margen im Spielwarenhandel extrem eng sind. „Es wird schwierig sein, eine Bank anhand der Branchensituation als großen Kreditgeber zu finden“, sagt sie. „Und Selbstständigkeit bedeutet viele Entbehrungen. Ein Geschäft führt sich nicht von selbst, die Arbeitstage sind lang.“

Für Hamm wünscht sie sich, dass der stationäre Spielwarenhandel weiter geht.

„Wir haben uns schon damals gefühlt wie das Schaufenster des Internets“, sagt Wolfgang Kaps, ehemaliger Einzelhändler.

(Keine) Spielwaren in Hamm: Margen sind extrem eng

Einer, der dem stationären Spielwarenhandel in Hamm keine Chance gibt, ist Wolfgang Kaps. Das 1945 von Ernst-Günther und Hildegard Kaps gegründete Familienunternehmen betrieb bis 2003 ein Ladenlokal in der Bahnhofstraße (heute Foto Machado) und zog sich damals aus dem Einzelhandel zurück. „Wunschdenken und Nostalgie helfen nicht weiter“, sagt Kaps. „Bei der Schließung haben wir es rein pragmatisch gesehen. Die Zeichen der Veränderung waren damals schon ablesbar.“

In den 1980er Jahren und in der Zeit der Wiedervereinigung habe der Spielwarenhandel hohe Umsätze gemacht. In Hamm sei er gemessen an der Stadtgröße zu diesem Zeitpunkt überproportional vertreten gewesen: Fachgeschäfte, Kaufhof, Horten, TerVeen, Kaufhalle und später Richter Spiel & Hobby, Verbrauchermärkte und Toys’R’Us in fahrbarer Nähe.

„Durch die Änderung der Vertriebswege über das Internet war der Handel dann auf einmal mit ganz Deutschland im Wettbewerb“, so Kaps. „Wir haben uns schon damals gefühlt wie das Schaufenster des Internets.“

Kaps, der in aktiven Zeiten Vorsitzender des Prüfungsausschusses Sport und Spielwaren der IHK war, führt mehrere Gründe an, warum aus seiner Sicht die Spielware in Hamm keine Chance mehr im stationären Einzelhandel hat. „Es ist illusorisch, von Banken Garantien für die hohe Investition in das Sortiment zu erhalten“, sagt er, Zudem habe sich das Spiel verändert. „Experimentierkästen oder Modellbahnen sind bei acht- bis 14-jährigen Jungs heute nicht mehr gefragt. Stattdessen werden in der Unterhaltungselektronik heute große Summen gebunden.“ Auch die Branchenreinheit sei nicht mehr vorhanden. „Spielwaren sind heute auch bei Discountern erhältlich“, sagt Kaps. Und nicht zuletzt stelle sich für viele Unternehmen die Frage der Nachfolge.

(Keine) Spielwaren in Hamm: Weggang von C&A war einschneidend

Speziell für den Standort Hamm und die Bahnhofstraße seien die Veränderungen einschneidend gewesen. Der Weggang von C&A habe das endgültige Aus besiegelt. Die Ströme seien komplett andere geworden.

Gewissermaßen auf der Mitte treffen Scholz-Kremers und Kaps auf IHK-Geschäftsführer Ulf Wollrath, der für Hamm zuständig ist. Er hält den stationären Spielwarenhandel für „nicht komplett chancenlos“. „Amazon als Einzelhandel zu kopieren, funktioniert sicherlich nicht“, sagt er. „Originelle Sortimente“ oder hohe Spezialisierung angereichert mit Entertainment und Events sieht er als Möglichkeit, Kunden zu gewinnen und zu binden. Sogenanntes Cross-Selling, das heißt branchenfremde Produkte zu einem Thema mit anzubieten, gelte mehr und mehr als gangbare Verkaufsstrategie. Zudem müsse der stationäre Handel bei nicht Verfügbarkeit eines Produkts zumindest schnelle Lösungen anbieten können.

Gleichwohl kennt Wollrath die Statistik: Die Zahl der Spielwarenhändler in Deutschland schrumpfte von 3928 im Jahr 2002 auf 2882 in 2018. Das entspricht einem Rückgang von 27 Prozent in 16 Jahren. Vom Jahresumsatz 2019 in der Spielwarenbranche entfielen als größte Positionen 28 Prozent auf den Einzelhandel (2018: 30 Prozent), 40 Prozent auf den Online-Handel und 11 Prozent auf Verbrauchermärkte.

Ist das eine Ermunterung für einen Unternehmensstart? Eine Frage, die schwer zu beantworten ist und deren Antwort eher von individuellen Rahmenbedingungen abhängen dürfte. Und wo kaufen Hammer Kunden künftig Spielwaren? Viel bleibt nicht außer Verbrauchermärkten, Unternehmen wie Askania, die Spielwaren in einem breit gestreuten Sortiment mitführen, oder Kaufhäusern wie Woolworth.

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