Corona und das China-Problem

„Sowas noch nie erlebt!“: Explosion der Kosten trifft Hammer Baubranche

Marek Szczepaniak ist Geschäftsführer von MS Bau.
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Marek Szczepaniak ist Geschäftsführer von MS Bau: Er zeigt unterschiedliche Dämmmaterialien, die er lagert, um begonnene Projekte beenden zu können.

Wenn in China ein Sack Zement umfällt, kümmert das hierzulande niemanden. Wenn China aber gerade Roh- und Baustoffe in großem Stil aufkauft, dann macht sich das auch für Baugewerbe und Bauherren in Hamm drastisch bemerkbar.

Hamm – Durch das Geschehen auf dem Weltmarkt, die neue CO2-Steuer und die weltweiten Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Warenfluss wurden viele Baumaterialien in den letzten Wochen dramatisch verteuert.

Für Bauherren, die bestehende Verträge haben, ist es möglicherweise ein Problem, dass Materialmangel ihre Baumaßnahmen verzögern kann. Aber Bauwillige, die in einem Zeitraum von drei oder vier Jahren bauen wollen, müssen unabhängig von der Zinsentwicklung mit einer deutlichen Steigerung der Baukosten rechnen.

„Die Preiserhöhungen schlagen auf jeden Fall auch in Hamm durch. Das merken wir tagtäglich an den Märkten“, sagt zum Beispiel Björn Serowy von Heckmann Bau. Der Diplom-Ingenieur leitet dort die Abteilung für Kalkulationen. „Ganz drastisch ist das im Stahlbereich, da geht es aber schon mehr um die Verfügbarkeit.“

Kostenexplosion trifft Baubranche in Hamm: Preiskampf ist Asphaltbau

Die chinesische Stahlproduktion exportiert derzeit wenig, bei Produkten, die aus Erdöl gewonnen werden, kauft China nach Meinung des Experten viel auf. „Kunststoffrohre und auch Kunststofffenster sind ebenso wie Dämmstoffe Mangelware.“ Serowy macht aber nicht nur beim Hochbau Engpässe aus: „Der Preiskampf ist im Asphaltbau am stärksten.“ Das könnte auch zulasten der Straßenarbeiten in Hamm gehen.

Bei der Tochterfirma Heckmann Bauland und Wohnraum rechnet Architekt Klaus Wlotzka damit, dass sich die Baupreise eine längere Zeit weiter nach oben entwickeln. „Wenn wir neue Projekte angehen, dann auf Basis der Preise, die wir in der Vergangenheit erwirtschaftet haben“, erklärt Wlotzka. Dann versuche das Unternehmen herauszufiltern, in welchen Gewerken mit Verteuerung zu rechnen sei. Das betreffe derzeit besonders Materialien wie Dämmstoffe oder Kunststofffenster.

Kostenexplosion trifft Baubranche in Hamm: Baubeginn teurer als sonst

Es gehe darum, Angebote für die nächsten ein, zwei Jahre zu entwickeln. Dabei spiele auch der Zeitraum eine Rolle, in der ein Projekt gestartet werden soll. Ein klassischer Baubeginn im Frühjahr schlage in der Regel höher zu Buche als zu einer anderen Zeit. Oft ließen sich Projekte – und damit auch Materialprobleme – zeitlich entzerren. Eine generelle Aussage lasse sich nicht treffen, so der Architekt, weil jedes Projekt sehr individuell sei. Aber aus seiner Expertensicht heraus vermutet er für die Zukunft: „Wer in drei oder vier Jahren bauen will, muss mit etwa zehn Prozent höheren Preisen rechnen.“ Denn die bisherige einprozentige jährliche Steigerungsrate liege derzeit eher bei zwei bis drei Prozent im Jahr.

Sorgen der Bauunternehmen

Trotz Bau-Boom haben die Bauunternehmen Sorgen: Laut Hauptverband der Bauindustrie lag etwa der Preis für Bitumen im Dezember 2020 um 56 Prozent über dem des Jahresbeginns 2016 und der für Betonstahl um 37 Prozent. Hinzu kommen höhere Preise bei den Rohstoffen, beispielsweise durch Lieferengpässe bei Kies und Sand, höhere Transportkosten, unter anderem durch den Anstieg der Dieselpreise. Seit Januar 2021 ziehen die Preise für Baumaterial deutlich an. Allein der Betonstahl verteuerte sich innerhalb eines Monats um 10,2 Prozent, der Preis für Mineralölerzeugnisse legte um 10,1 Prozent zu und Dämmstoffe für Fassaden kosten gut 25 Prozent mehr als noch im Dezember.

„Früher oder später müssen in die Verträge wieder Materialgleitklauseln eingefügt werden“, meint Diplom-Ingenieur Marek Szczepaniak von der MS Bau GmbH. In vielen aktuellen Verträgen wurde diese Klausel, ebenso wie die für steigende Personalkosten, gestrichen. Aber nach Meinung des Bauunternehmers wird es zunehmend schwieriger, Bauvorhaben ohne solche Klauseln zu kalkulieren, mit denen Preisänderungen auch an die Kunden weitergegeben werden können. Bei bestehenden Verträgen gehen die steigenden Materialkosten zulasten der Unternehmen. „Da werden viele in Schwierigkeiten kommen. Ich bin seit 25 Jahren in der Branche, aber so eine Kostensteigerung beim Material habe ich noch nie erlebt“, sagt Szczepaniak.

Kostenexplosion trifft Baubranche in Hamm: Hauptproblem Verfügbarkeit

Erste Anzeichen für die Preisentwicklung habe er vor etwa anderthalb Monaten wahrgenommen und versucht bei der Materialbeschaffung zu reagieren. Der Unternehmer, der neben dem anstehenden Rohbau der Galerie Mensing in Rhynern auch acht bis zehn Wohnbauprojekte pro Jahr in Hamm durchführt, sieht aber das größte Problem darin, für die laufenden Maßnahmen das Material zu beschaffen. Denn neben der Preissteigerung belastet vor allem die mangelnde Verfügbarkeit die Unternehmen.

Szczepaniak ist froh, dass er bei seiner Firma am Herbert-Rust-Weg eine weitere Fläche von der Wirtschaftsförderung erwerben konnte. Denn er bemüht sich, Material – etwa Dämmstoffe – frühzeitig zu erwerben und dort zu lagern. Allerdings macht der Unternehmer auch deutlich, dass eine solche Zwischenlagerung teurer ist, als es wäre, das Material direkt zu den Baustellen zu bringen – es entstehen in der Bauphase zusätzliche Transportkosten. Bei bestehenden Verträgen, das bestätigen alle befragten Experten, gehen die gestiegenen Materialkosten zulasten der Unternehmen. Szczepaniak: „Die jetzt laufenden Projekte wurden ja zu den Konditionen des letzten Jahres abgeschlossen.“

Kostenexplosion trifft Baubranche in Hamm: Inflationäre Entwicklung

Da sei mit der Preisexplosion nicht zu rechnen gewesen – die betreffe besonders Materialen wie Holz, Glaswolle und Kunststoffe, etwa für Rohre im Sanitärbereich. Das erschwere den Unternehmen die Kalkulation bei gleichzeitigem Konkurrenzdruck, etwa bei Ausschreibungen. Auch feste Terminzusagen seien derzeit sehr riskant, weil die Materialsituation unsicher sei. Und nach Einschätzungen seiner Lieferanten könne die Situation bis Jahresende schwierig bleiben. Szczepaniak: „Es ist wie in eine Glaskugel zu schauen.“ Bei jetzt erst anlaufenden oder geplanten Projekten werden die Unternehmen auf die Kostensteigerung reagieren.

So hat die beta Eigenheim für das Baugebiet Lippestraße/Friedrichsfeld zum 1. April eine Preisanpassung vorgenommen. Achim Krähling, einer der geschäftsführenden Gesellschafter des Unternehmens, vermutet mit Blick auf Material- und Baupreise: „Mittelfristig werden die steigenden Preise die Nachfrage beruhigen.“ Das gelte gerade im Bereich Stahl. Er findet es nicht einfach, aus der Hammer Sicht heraus die Ursachen zu beleuchten, fürchtet aber, dass die inflationäre Entwicklung auf dem EU-Markt auch europäische Verhältnisse in nächster Zeit prägen könnte.

Kostenexplosion trifft Baubranche in Hamm: China handelt aggressiv

„Über eine lange Zeit gab es in der Baubranche nur eine moderate Preissteigerung. Jetzt merkt man, dass sich ein gewisser Preisdruck aufbaut,“ so Krähling. China handele als autoritäres Regime auf dem Rohstoffmarkt aggressiv, das wirke stärker als der Einfluss der Corona-Pandemie.

Die mache sich allerdings durch eine Schwächung der globalen Lieferketten, gerade durch die Probleme der Containerschifffahrt, bemerkbar. Dafür sei aber nicht die Havarie im Suez-Kanal ursächlich, sondern mangelnde Transportkapazitäten.

Die Preissteigerungen am Bau sind auch für die Kunden der Sparkasse Hamm spürbar. So berichten zum Beispiel Kunden, die Grundstücke im Neubaugebiet des Heessener Westkamps erworben haben, von Baupreissteigerungen zwischen 7 und 11 Prozent im Vergleich zu den Ursprungsplanungen.

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