Hände, wo sie nicht hingehören

Trotz mehrerer Zeugen: Junge Frau wird sexuell belästigt und niemand schreitet ein

Der Griff an den Po ist ein strafrechtlicher Tatbestand. Die Polizei rät Opfern dringend zur sofortigen Anzeigeerstattung. Eine junge Frau wurde im Hammer Bahnhof Opfer sexueller Belästigung. In der Überzeugung, dass viel zu viel weggeschaut wird, redet sie nun öffentlich.
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Der Griff an den Po ist ein strafrechtlicher Tatbestand. Die Polizei rät Opfern dringend zur sofortigen Anzeigeerstattung. Eine junge Frau wurde im Hammer Bahnhof Opfer sexueller Belästigung. In der Überzeugung, dass viel zu viel weggeschaut wird, redet sie nun öffentlich.

Viele Frauen sind mindestens einmal in ihrem Leben Opfer einer sexuellen Belästigung geworden. Erst nach der Silvesternacht von Köln 2015/16 wurde daraus per Gesetzesänderung ein Straftatbestand. Manche Opfer schämen sich und sprechen nicht über die Vorfälle. Eine junge Frau tut jetzt das Gegenteil.

Hamm – 8 Uhr früh an einem Samstagmorgen im Personentunnel im Hammer Hauptbahnhof: Martina L. (Name von der Redaktion geändert) ist allein unterwegs und will nach Köln. Im Tunnel nähern sich zwei Frauen und zwei Männer. Einer von ihnen sucht Blickkontakt mit L. Das kommt der 25-Jährigen komisch vor. Sie versucht der Gruppe auszuweichen. Vergeblich: Einer der Männer greift ihr ans Gesäß. Erst später entscheidet sie sich, Anzeige zu erstatten.

Auch Wochen nach dem Vorfall ist Martina L. die Szene gegenwärtig. Sie hat sich bei ihr eingebrannt und löst Wut aus. „Ganz viele Frauen müssen durch solche Situationen und durch noch Schlimmeres“, sagt sie. „Einfach hilflos zu sein, nichts machen zu können und zu wissen, dass sich jemand etwas genommen hat, was nur einem selbst gehört – das ist so traurig.“

Opfer erstattet Anzeige

In der Situation reagierte L. richtig: Sie schrie den mutmaßlichen Täter an, wies ihn zurecht und zog die Aufmerksamkeit von Passanten auf sich. Zu Hilfe gekommen ist ihr allerdings niemand. Stattdessen bot ihr der zweite Mann aus der Gruppe eine Entschuldigung an. Der „Grapscher“ selbst und die Frauen setzten ihren Weg fort. „So etwas passiert und wird nicht weiter thematisiert. Ist das okay für alle?“, fragt Martina L. heute. „Der Mann kommt durch mit seinem Verhalten.“

An ihrem Heimatort erstattete L. nach Gesprächen mit Freunden und aus eigenem Erwägen schließlich Anzeige. Auch wenn sie die Erfolgsaussichten auf die Ermittlung des Täters selbst nicht sehr hoch einstufte, wollte sie, dass der Fall aktenkundig wird. Der richtige Weg, wie ein Sprecher der Hammer Polizei bestätigt. Im besten Fall hätte sich L. noch vor Ort an die Bundespolizei im Bahnhof gewandt.

Weitere Fälle sexueller Belästigung

Dass es eine Chance auf Aufklärung gibt, zeigen Beispiele aus dem vergangenen und diesem Jahr aus Hamm. Sechs Fälle von sexueller Belästigung im öffentlichen Raum wurden 2019 angezeigt, zwei Täter konnten ermittelt werden. Ein „Klaps auf den Hintern“ kostete einen Beschuldigten eine Geldbuße von 400 Euro. Gegen Zahlung wurde das Verfahren gegen ihn vor dem Amtsgericht Hamm eingestellt.

Die Tat hatte sich am helllichten Tag im Südring ereignet. In diesem Jahr wurden bisher vier Taten im öffentlichen Raum angezeigt, unter anderem am Willy-Brandt-Platz. Eine Person wurde ermittelt. Vermutlich liegt die Dunkelziffer von Belästigungen, die nie zur Anzeige gebracht worden sind, deutlich höher.

Im Fall von Martina L. sind die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen.

Sexuelle Belästigung

Als strafrechtlichen Tatbestand gibt es sexuelle Belästigung seit 2016. Laut Paragraf 184i StGB muss eine körperliche Berührung in sexuell bestimmter Weise erfolgen und das Opfer sich in seinem Empfinden nicht unerheblich beeinträchtigt fühlen.

Darunter fallen eine erzwungene Umarmung, ein aufgedrängter Wangenkuss, der Griff an Geschlechtsmerkmale und ans Gesäß. Früher wurde dies als Beleidigung und nicht als Sexualdelikt bewertet. Das Strafmaß reicht je nach Schweregrad, Täterpersönlichkeit oder Geständnis von einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren bis zu einer Geldstrafe.

Empfehlungen der Polizei

  • Opfer tragen keine Schuld, das heißt Betroffene sollten im Nachhinein nicht nach vermeintlichen Fehlern beispielsweise in ihrem Auftreten, ihrem Aussehen oder bei der Wahl der Kleidung suchen.
  • Opfer sollten laute Gegenwehr leisten, das heißt sich verbal wehren. Beispielsweise geschieht dies durch eine energische Ansprache mit den Worten „Lassen Sie das!“ und eine direkte Benennung des Täters anhand von äußerlichen Merkmalen, zum Beispiel „Sie mit der blauen Jacke“.
  • Opfer sollten in jedem Fall umgehend die Polizei einschalten, auch wenn sie sich vielleicht zu Unrecht schämen oder persönlich wenig Hoffnung auf eine Aufklärung haben. Nach Möglichkeit sollten sie sich Merkmale für eine spätere Beschreibung des Täters einprägen.

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