WA.de-Serie "Mut zu Hamm" (Teil 16)

Rückkehrerin Annka Westbrock (33): Mein Herz ist hier zu Hause

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Immer lächeln: Annka Westbrock (vorne) unterrichtet in ihrer Tanzschule Gruppen verschiedenen Alters.

Hamm – Fast zehn Jahre lang arbeitete Annka Westbrock erfolgreich als Tanzlehrerin in verschiedenen Studios und Tanzschulen in Deutschland, bevor sie sich ganz bewusst dazu entschied, wieder in ihre Heimatstadt zu ziehen und eine Familie zu gründen.

In Hamm leitet sie inzwischen ihre eigene Tanzschule und hat den Schritt zurück nie bereut. Für sie war es vielmehr ein Schritt nach vorne. WA.de sprach mit der 33-Jährigen über ihren „Mut zu Hamm“.

Frau Westbrock, Sie sind gebürtige Hammerin und leben nach vielen Jahren in der Fremde wieder in ihrer Heimatstadt. Warum sind Sie überhaupt weggezogen?  

Annka Westbrock:
Mit 17 Jahren wollte ich eine Ausbildung zur Tanzlehrerin in Gütersloh absolvieren. Ich habe vorher in Hamm schon viel getanzt und ab meinem 14. Lebensjahr eigene Gruppen unterrichtet. Da wollte ich mehr. Nach einem halben Jahr haben meine beste Freundin und ich uns in Gütersloh eine Wohnung genommen, weil der Weg dorthin auf Dauer zu weit war.

In Gütersloh wurden Sie allerdings nicht glücklich. Wohin hat es Sie dann verschlagen?

Annka Westbrock: Die Ausbildung im Bund Deutscher Tanzlehrer habe ich nach zweieinhalb Jahren abgebrochen, weil ich zwar die Turniertechnik auf einem hohen Level gelernt habe, aber nicht beigebracht bekam, wie man Gesellschaftstanz – also das, was man auf Schützenfesten oder Hochzeiten tanzt – unterrichtet. Ich habe dann im Raum Hannover als freie Tanzlehrerin gearbeitet und war auch für kurze Zeit in Spanien.

Die Serie: In unserer Serie „Mut zu Hamm“ berichten Menschen, die in die Stadt gezogen sind, wieso sie hergekommen sind und wieso sie bleiben.

Neue Folgen: Nach vielen positiven Rückmeldungen zu der Serie starten wir mit diesem Doppelinterview ins Jahr 2019.

Ihr Vorschlag: Möchten Sie auch jemanden vorschlagen, der „Mut zu Hamm“ beweist? Dann schreiben Sie uns an lokales-hamm@wa.de.

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Gab es neben dem Tanzen noch andere Ideen, beruflich durchzustarten?

Annka Westbrock: Nein, eigentlich nicht. Meine Mutter hat mir aber immer gesagt, dass ich keine Traumtänzerin werden darf und etwas Zählbares in der Hand haben muss. Ich habe dann in Pforzheim noch eine weitere Ausbildung in einem anderen Verband, dem Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband, absolviert, viel mit Kindern gearbeitet und zusätzlich Choreografien für Tanzlehrer konzipiert. Das war eine intensive, aber spannende Zeit.

Heimatgefühle und Autobahn-Helikopter

Warum sind Sie dort nicht geblieben?

Annka Westbrock: Bei meinen Besuchen in der Heimat sind mir teilweise am Kamener Kreuz schon die Tränen gekommen, wenn ich von der Autobahn aus den gelben Helikopter gesehen habe. Da war mir klar: Jetzt wird es Zeit, endlich nach Hause zu gehen.

Annka Westbrock.

Waren Sie bereit, für die Rückkehr nach Hamm berufliche Chancen aufzugeben?

Annka Westbrock: Die Luft war irgendwann raus. Ich wollte, dass es weitergeht und mehr Gestaltungsspielraum haben. Ich hatte zu dem Zeitpunkt auch schon so viele Tanzschulen von innen gesehen, sodass ich mir zugetraut habe, eine eigene zu eröffnen.

Suche nach neuer Immobilie für Tanzschule

Was hat Ihnen in Baden-Württemberg gefehlt?

Annka Westbrock: Ich wollte gerne zurück zu Leuten, mit denen ich auch offen kommunizieren kann. In Pforzheim war der eine oder andere schon beleidigt, wenn man in klarem Ton um etwas gebeten hat – etwa den Tresen zu wischen. Dort schwäbeln die Menschen eher. Hier würde sich niemand darum scheren und darüber scherzen, dass ich sogar „Bitte“ gesagt habe.

Wie haben Sie sich nach diesem Neustart in Hamm zurechtgefunden?

Annka Westbrock: Erst habe ich mich als Trainerin selbstständig gemacht, seit 2012 gibt es die Tanzschule „TanzKunst“. Nach zwei Standortwechseln sind wir 2015 ins Kulturrevier Radbod gezogen. Der Raum dort könnte größer sein und wir würden gerne mehr machen. Wir sind seit Ewigkeiten auf der Suche nach einer eigenen Immobilie. Radbod hat zwar Industriecharme, aber mit einer klassischen Tanzschule nicht so viel zu tun. Für Gründer gibt es in Hamm trotzdem viele Angebote, die Wirtschaftsförderung greift den Leuten gut unter die Arme.

Es findet Entwicklung statt

Was hatten Sie als Jugendliche für ein Bild von Hamm?

Annka Westbrock: Mich haben als Jugendliche die Bus- und Bahnverbindungen absolut genervt. Ich war lange auf den ÖPNV angewiesen und war alleine für den Weg aus Bockum-Hövel in die Innenstadt schon eine halbe Stunde unterwegs. Wenn es dann abends mal spät wurde, stand man da und musste ewig warten. Partys konnte man hier nicht wirklich besuchen, dafür sind wir woanders hingefahren.

Mit der Gründung der Tanzschule hat sich Annka Westbrock einen Traum erfüllt.

Hat sich dieses Bild mittlerweile verändert?

Annka Westbrock: Ich habe jetzt als junge Mutter natürlich eine andere Sicht auf die Dinge. Hamm ist für mich nur zum Teil eine Großstadt. Wir haben den Maximilianpark, das Maximare und den Kurpark und noch so viele weitere Freizeitmöglichkeiten. Und alles, was wir nicht haben, ist auch in Reichweite. Hier findet immer Entwicklung statt – das ist das Wichtigste.

Weglaufen bringt nichts

Wie nehmen Sie die Menschen in Hamm wahr?

Annka Westbrock: Die Hammer tun sich immer etwas schwerer mit Neuerungen, sind dafür aber sehr loyal, wenn sie sich auf etwas eingelassen haben. Sie ziehen ihr Ding durch, wenn sie sich dazu entschlossen haben, etwas auszuprobieren. Wir sind es gewohnt, dass sich die Dinge verändern, viele motzen trotzdem erst einmal drauf los. Ich glaube, dass sich die meisten aber ganz wohl fühlen in unserer Stadt.

Was haben Sie durch die Zeit außerhalb Hamms gelernt?

Annka Westbrock: Dass man auch selbst etwas bewirken kann und dafür mehr mit anpacken muss. Weglaufen bringt jedenfalls nichts, man nimmt seine Probleme nur mit. Sonstwo ist es nicht besser als hier, es ist anders. Man muss sich dort, wo man lebt, wohlfühlen. Mein Herz ist hier zu Hause.

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