Eröffnung am 15. September 2001

Seniorentanz und Heavy Metal: Kulturrevier Radbod wird 20

Lisa Wothe und Sven Kirner zeigen ein Bild aus den Zeiten vor dem Umbau.
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So sah es hier früher aus: Lisa Wothe und Sven Kirner zeigen ein Bild aus den Zeiten vor dem Umbau.

Vor genau 20 Jahren, am 15. September 2001, wurde in Bockum-Hövel das Kulturrevier Radbod eröffnet. Heute gilt der Komplex als Kultstätte für Kunst und Kultur in Hamm und darüber hinaus.

Hamm – Eine Geburtstagsfeier zu planen war angesichts der Corona-Pandemie nicht machbar. Umso mehr freuen sich Geschäftsführer Sven Kirner und Lisa Wothe vom Kulturrevier, dass die ersten möglichen Veranstaltungen große Erfolge waren. Das Streetfood Festival im Juni war sehr gut besucht. „An diesem Wochenende war die Maskenpflicht gefallen und die Menschen waren froh, wieder herauskommen zu können. Wir waren von der Resonanz überwältigt“, berichtet Wothe. „Und das „Run-for-Cover-Festival“ mit der AC/DC-Coverband AB/CD sowie mit Till Hoheneders Band Tillcaster war „ein musikalisch krachender Aufschlag“, sagt Kirner.

Schon vor 20 Jahren wurde dem freudigen Ereignis, eine neue Kunst- und Kulturstätte geschaffen zu haben, von außen ein Dämpfer aufgedrückt. Vier Tage zuvor hatten die Terroranschläge vom 11. September in New York und Washington fast 3000 Menschen den Tod gebracht. So fand zwar ein offizieller Eröffnungsakt mit Vertretern von Stadt und Land statt, die große Feier fiel aber aus. Es gab lediglich einige Führungen durchs Haus.

1100 Tage hatte der Umbau gedauert, bis der Trägerverein Jugend und Kultur e.V. in die neuen Räume einziehen konnte. Entstanden war in dem ehemaligen Fahrradschuppen im Eingangsbereich der stillgelegten Zeche Radbod das Kulturrevier. Das Konzept von damals, auf rund 2500 Quadratmetern einen Veranstaltungs- und Ausstellungsraum, Proben- und Atelierräume zu schaffen und damit der lokalen Musik- und Kulturszene ein zu Hause zu geben, geht auch heute noch auf. Aktuell gibt es zehn Probenräume für ebenso viele Bands. Zudem spielen etliche Musiker auch immer wieder in wechselnden Besetzungen miteinander. Von Anfang an dabei ist die Heavy-Metal-Band Delirious. „Die probte auch schon, als es das Kulturrevier noch nicht gabt“, berichtet Kirner.

Künstlerin Andrea Peckedraht von Anfang an dabei

Auf der Atelier-Etage stehen aktuell insgesamt sieben Räume zur Verfügung. Fünf werden von vier Künstlerinnen und einem Künstler genutzt, und in einem ist eine Werbeagentur ansässig. Schließlich gibt es ein Förderatelier, das Künstlern mietfrei für ein Jahr zur Verfügung gestellt wird. Und eine Tanzschule ist im Kulturrevier aktiv. Künstlerisch von Anfang an dabei ist Andrea Peckedraht, unter anderem auch als Mitglied des Trägervereins, der bereits 1990 gegründet worden war.

Fördertürme gehören zum Bild: das Kulturrevier Radbod von außen heute.

Nicht aufgegangen ist der Plan, im Kulturrevier dauerhaft eine Gastronomie mit täglicher Öffnung einzurichten. „Ein Kneipensterben hat es auch damals schon gegeben. Und im Kulturrevier gibt es keine Laufkundschaft. Aus finanziellen Gründen haben wir die Tagesgastronomie daher 2008 aufgegeben“, berichtet Kirner. Das war nicht unbedingt zum Nachteil des Kulturreviers, denn der Gastraum steht jetzt für kleinere Veranstaltungen wie Nachwuchskonzerte zur Verfügung. „Außerdem haben wir rund 50 Vermietungen im Jahr, von der Geburtstagsfeier über die Hochzeit bis zum Schulabschluss“, sagt Wothe. Mit Licht, Ton und einem neuen Boden (eingebaut in der Corona-Zeit) wurde der Raum inzwischen auch aufgewertet.

Historisches Gebäude ist Fluch und Segen zugleich

Als „Fluch und Segen“ hat sich im Lauf der Jahre das historische Gebäude erwiesen. Als Fluch, weil Kälte und manchmal auch Regen eindringen können. Als Segen, weil die Räume eine einzigartige Atmosphäre ausstrahlen. „Wir machen aus der Not eine Tugend und nutzen diesen Industriecharme. Am Schlimmsten sind die einfach verglasten Fenster, wo die Band spielen. Aber die lieben es, wenn es nicht so perfekt ist“, so Kirner.

Corona war ein harter Einschnitt. Nach einem tollen Kinderkonzert am 8. März 2020 kam eine Woche später die Vollbremsung für das ausverkaufte Elektro-Konzert. Dieses und alle weiteren Veranstaltungen mussten abgesagt werden. Auch wenn es keine Live-Events mehr gab, war das zurückliegende Jahr stressig. „Wir haben uns mit Dingen auseinandergesetzt, mit denen wir zuvor nichts zu tun hatten“, so Wothe. „Wir haben uns in Förderprogramme hineingefuchst, wir haben uns Videotechnik draufgeschaufelt, digitale Angebote gemacht, Künstler unterstützt, die Homepage gestaltet, das Keiner-kommt-Festival online organisiert und Künstlerproträts erstellt. Und weil Stillstand war, konnten wir auch Renovierungen vornehmen, die unter laufendem Betrieb nicht möglich gewesen wären“, erzählt Kirner.

„Aus Corona mit zwei blauen Augen herausgekommen“

„Aus Corona sind wir mit zwei blauen Augen herausgekommen. Zum Glück hat die Stadt sich nicht zurückgezogen, sondern uns weiter unterstützt. Auch die Vermietungen liefen weiter, sodass wir wenigstens die Grundkosten decken konnten“, sagt er. Für die Zukunft wünschen er und Wothe sich zunächst einmal ein „ganz normales Jahr“, in dem sie die etablierten Veranstaltungen weiterführen können. Dazu gehören Reihen wie Radbod Klassik, Radbod liest, Radbod rockt und der Schwarzmarkt. Auch mit dem Seniorentanz soll es weitergehen, voraussichtlich aber erst im kommenden Jahr.

In der Planung sind außerdem neue Formate. Doch darüber möchten die beiden erst sprechen, wenn die Finanzierung geklärt ist. Stattgefunden haben bereits die ersten Workshops der ansässigen Künstlerinnen und Künstler. Weitere sind bereits terminiert. Die ganze Bandbreite an Veranstaltungen soll künftig wieder angeboten werden: „Von Seniorentanz bis Heavy Metal haben wir alles im Programm“, sagt Kirner.

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