Al-Anon-Selbthilfe-Organisation wird 70

Alkoholsucht: Wenn einer trinkt und die anderen leiden

Der Mann greift zur Flasche, de Ehefrau leidet.
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Wenn die Last zu groß wird: Angehörige von Alkoholkranken treffen sich in Hamm zur Selbsthilfe.

Die „Anonymen Alkoholiker“ als Inbegriff der Selbsthilfegruppe kennt heute jeder. Dabei gibt es auch eine Organisation, die sich um jene Menschen kümmert, die eher indirekt, aber nicht minder unter dem unkontrollierten Alkoholkonsum leiden.

Hamm – Al-Anon feiert 70-jähriges Bestehen. Aber wer oder was ist das eigentlich? Al-Anon sei die erste und die einzige weltweite Selbsthilfeorganisation für Angehörige von Alkoholkranken, erläutert Franziska. Franziska geht seit über 20 Jahren zu den Treffen und war die Kontaktperson der WA-Reporterin, als es um dieses Pressegespräch ging. Sie stellte Julia und Elisabeth vor, die sich bereit erklärt haben, von sich zu erzählen. Anonym natürlich, denn das ist eines der obersten Prinzipien von Al-Anon. Daher sind die Vornamen der drei auch frei erfunden. Die Frauen erzählen von ihren Erfahrungen.

Al-Anon: Julia berichtet, wie sie zum psychischen Wrack wurde

Da ist zunächst Julia, eine attraktive Frau Ende 50, die durchaus jünger wirkt, aufmerksam, selbstbewusst. Kaum vorstellbar, dass sie noch vor wenigen Jahren ein psychisches Wrack war, so dass sie nicht einmal über ihren Mann sprechen konnte – und dass er Alkoholiker ist. „Ich saß da, war nur am Zittern.“ Von ihrer Psychologin wurde ihr geraten, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. Durch einen Artikel im Westfälischen Anzeiger wurde sie auf Al-Anon aufmerksam und entschloss sich, den Schritt zu wagen. Mit der Zeit erkannte sie, dass nicht nur ihr Vater, sondern auch ihr erster Mann ein Alkoholiker war und ist – und sie beschloss: „Ich will solche Menschen nicht mehr anziehen.“

Sich öffnen in der Runde mit anderen Betroffenen bei Al-Anon

Dabei war der Weg ein mühsamer. „Das ‚Karussell des Leugnens‘ haben wir wohl alle durchgemacht. Ich habe gedroht, geweint, seinen Alkohol weggeschüttet, war aber gleichzeitig sein ‚Fahrdienst‘ zu geselligen Abenden mit seinen Freunden.“ Bis sie durch die Gespräche mit anderen Betroffenen ihren Weg fand, um sich selbst zu helfen. „Ich bin nicht mehr sein Taxi, ich erledige seinen Kram nicht mehr“, sagt Julia. „Ich werde mich von ihm trennen.“ Und gleichzeitig: „Er ist so ein lieber Mann. Ich habe mit ihm die besten Jahre meines bisherigen Lebens verbracht.“

Keine „wohlmeinenden Ratschläge“ bei Al-Anon

Nach einer möglichen Trennung befragt, antwortet Elisabeth hingegen beinahe entrüstet: „Das kommt überhaupt nicht in Frage.“ Und: „Ich liebe meinen Mann.“ Aber der Alkoholkranke und gleichzeitig noch ein psychisch schwer erkrankter Angehöriger im gleichen Haushalt? Irgendwann zog ihr Körper die Reißleine und symbolisierte: „So geht es nicht weiter.“ Der Angehörige wohnt mittlerweile nicht mehr bei ihnen. Bleibt ihr alkoholkranker Mann. Der hat sich mittlerweile den Anonymen Alkoholikern angeschlossen. Das freue sie, stehe für sie aber nicht (mehr) im Vordergrund. „Man muss sich von dem Gedanken verabschieden, den Betroffenen retten zu wollen. Denn das schafft man nicht.“

Franziska unterstreicht diesen Punkt: „Es geht bei Al-Anon ausdrücklich nicht um die Abhängigen, sondern allein um die Angehörigen. Dass die ein Gesprächsangebot bekommen. Sie leiden unter der Alkoholsucht anderer, versuchen, Fassaden aufrechtzuerhalten, Dritten gegenüber Fehlverhalten des Süchtigen zu entschuldigen, fühlen sich verantwortlich und können sich, eben weil sie die Süchtigen lieben, schwer von dieser Last befreien – was dazu führen kann, dass sie selbst daran zugrunde gehen.“

Weltweit organisierte Gruppe

Die erste Selbsthilfegruppe erwuchs 1951 in den USA aus der Gemeinschaft der Anonymen Alkoholiker und funktioniert seither nach dem Prinzip „Betroffene helfen Betroffenen“. In Deutschland wurde die erste Gruppe 1967 in Mülheim/Ruhr gegründet. Mittlerweile gibt es rund 500 Gruppen deutschlandweit, über 24 000 Gruppen in mehr als 133 Ländern. Für Jugendliche gibt es „Alateen“-Gruppen, aber sie sind auch bei Al-Anon willkommen. Kontakt unter www.al-anon.de oder Al-Anon Familiengruppen Interessengemeinschaft e.V., Zentrales Dienstbüro, Hofweg 58, 22085 Hamburg, Telefon 033878 907440,

E-Mail: zdb@al-anon.de

So wie bei Franziska. Ihr Lieblingsbruder, mit dem sie ein Herz und eine Seele war, ist mittlerweile seit mehreren Jahren tot. Er war ein „Quartalssäufer“, der sich unzählige Male ins Koma soff und damit nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das seiner Familie ruinierte. „Seine Gedanken kreisten nur noch um die Flasche und meine Gedanken kreisten nur noch um meinen Bruder“, sagt Franziska. Auch sie lernte durch die Gespräche mit anderen Betroffenen, „in Liebe loszulassen“.

Denn das sei das Wesentliche bei Al-Anon: „Es gibt bei uns keine wohlmeinenden Ratschläge. Wir finden unseren Weg durch die Erfahrungen und die Berichte von anderen. Die grundsätzlichen Prinzipien, die aus dem Programm der Anonymen Alkoholiker abgeleitet sind, sind uns dabei eine große Hilfe.“ Ohne Zwang, ohne Mitgliedsbeiträge. „Wenn jemand kommt und erst mal gar nichts erzählen will – kein Problem“, sagt Franziska und lädt Betroffene ein, teilzunehmen. „Die einzige Voraussetzung ist, dass die Person unter der Alkohol-Erkrankung eines Dritten leidet.“

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