Kita Schwalbennest im Uentroper Dorf

Blick hinter die Kulisse: Storchengang und andere Reizanwendungen in Hamms einziger Kneipp-Kita

Petra Flechtker, Leiterin der evangelischen Kneipp-Kita Schwalbennest in Hamm Uentrop, zeigt wie Armbad geht
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Ein Ziel der Kneipp‘chen Anwendungen: den Kreislauf in Schwung bringen! Dazu sorgen zum Beispiel Arm- und Fußbad. Petra Flechtker, die Leiterin der evangelischen Kneipp-Kita „Schwalbennest“, zeigt, wie es geht. Warm darf das Wasser übrigens nicht sein.

Die Kindertageseinrichtungen der Stadt haben diverse Schwerpunkte. Die haben sie oft mit anderen gemeinsam. Eine Ausnahme ist die Evangelische Kita Schwalbennest. Sie ist bislang die einzige zertifizierte Kneipp-Kita in Hamm.

Uentrop – Für viele Eltern steht momentan eine wichtige Entscheidung an: Welche Kita soll es sein? Bis Ende Januar können sie ihre Kinder noch in einer der rund 100 Hammer Einrichtungen anmelden. Und die haben natürlich ganz verschiedene Schwerpunkte: Bewegung, gesunde Ernährung oder musikalische Früherziehung sind nur wenige Beispiele. Der Hammer Erzieherin Petra Flechtker und ihrem Team war das nicht genug. Für ihre Kita Schwalbennest in Uentrop wollten sie ein ganzheitliches Konzept. Dazu machten sie sich 2013 auf den Weg. Seit 2015 ist die Einrichtung in Trägerschaft des Evangelischen Kirchenkreises deswegen zertifizierte Kneipp-Kita. Was bedeutet das für die tägliche Arbeit mit den Kindern? Sharin Leitheiser hat mit Flechtker darüber gesprochen.

Ihr Konzept orientiert sich an Sebastian Kneipp: Der ist allerdings kein Pädagoge, sondern Priester. Wie passt das zusammen?
Sebastian Kneipp war Priester, das stimmt. Einer, der – nach damaligem Stand unheilbar – an Tuberkulose erkrankt ist und in einer Art Selbstversuch festgestellt hat: Es tut mir gut, im Fluss Wasser zu treten, mich gesund zu ernähren und generell im Einklang mit mir selbst zu leben. Diese Erkenntnisse hat er dann weitergegeben – nicht etwa als Allheilmittel, sondern als wertvolle Unterstützung für das Immunsystem. Aus Kneipps Lebensgeschichte können Kinder wie Erwachsene lernen, deswegen gibt es mittlerweile Einrichtungen, die seine Ideen für sich umsetzen: Kneipp-Vereine zum Beispiel, aber auch Kitas wie unsere.
Was genau macht eine Kneipp-Kita denn aus? Was unterscheidet sie von anderen Kindergärten?
So viel vorab: Meiner Meinung nach hat jede Kita etwas Besonderes. Bei uns gibt es im Grunde fünf Schwerpunkte – oder Säulen, die im Gleichgewicht sein sollten: Wasser, Bewegung, Ernährung, Heilkräuter und Lebensordnung. Eine Art Sonderrolle nimmt dabei das Wasser ein, deswegen begegnet Ihnen hier überall der sogenannte Kneipp-Tropfen. Reizanwendungen wie Armbäder oder den typischen Storchengang durchs Tretbecken finden Sie hier in Hamm wahrscheinlich nur in unserer Kindertagesstätte.
Warum genau wollten Sie Kneipp-Kita werden?
Damals haben wir eigentlich nur ein neues Projekt mit den Kindern starten wollen. Dann kam eine Kollegin auf uns andere zu und fragte: Können wir nicht mal etwas mit Wassertreten machen? Und am Ende fanden es alle so gut, dass wir einen Schwerpunkt darauf legen wollten. Unser Team hat sich sogar andere Kneipp-Kitas angeguckt, um zu sehen, wie es da so abläuft.
Gutes Stichwort: Wie läuft es denn in einer Kneipp-Kita wie Ihrer ab?
In den Tag starten wir gern mit einem Morgenkreis – da begrüßt man sich, da kommt man in Ruhe an und macht eventuell draußen noch eine Luftdusche zusammen (bewusstes, tiefes Ein- und Ausatmen). Was danach kommt, lässt sich nicht pauschalisieren: mal kochen, backen oder basteln wir, an Turntagen geht’s zum Beispiel in unsere kleine Sporthalle und oft gibt es eben auch Anwendungen mit Wasser.
Zum Beispiel?
Am bekanntesten ist sicherlich das Wassertreten. Das machen wir drinnen oder draußen, in unserem speziellen Tretbecken oder in Plastikwannen. Normalerweise ist dabei übrigens kühles Wasser zu verwenden – hinsichtlich der Temperatur gibt es genaue Vorgaben. Und durch dieses Wasser laufen die Kinder dann. Im Storchengang. Zwei mögliche Alternativen sind Schnee- oder Tautreten. All diese Anwendungen dauern aber immer nur kurz, denn Kinder kühlen sehr schnell aus. Ähnlich ist es beim Armbad, das auch Kneipp’scher Kaffee genannt wird. Dort tauchen Sie lediglich ihre Unterarme in das kalte Wasser, zählen bis 30 und streichen ihre Haut dann langsam mit den Händen ab. Anschließend nur noch die Ärmel drüber ziehen und fertig. Das ist sehr belebend!
Wie sind die Reaktionen der Kinder, wenn sie zum ersten Mal Wasser treten oder ein Armbad machen?
Ach, Wasser ist ja immer toll! Gerade die Kleinen sind sehr neugierig. Wer schüchtern ist, guckt vielleicht einmal öfter zu, aber letztlich stehen die meisten in der Schlange und möchten mitmachen. Wichtig ist, dass wir niemanden zwingen. Hier ist alles komplett freiwillig.
Ist das denn für die Kinder nur Spaß oder verstehen sie, dass hinter dem Ganzen ein Konzept steckt?
Sie verstehen das schon – vielleicht noch nicht mit zwei, aber die Älteren ganz sicher. Wenn sie erkältet sind, dürfen die Kinder ja zum Beispiel kein Wasser treten, weil ihr Kreislauf auch so schon rotiert und nicht erst angeregt werden muss. Das ist dann immer sehr süß, wenn mir jemand mit Schnupfnase gegenübersteht und sagt: „Der Sebastian meint, wenn wir krank sind, dürfen wir das nicht.“
Apropos Gesundheit: Auch eine ausgewogene Ernährung ist bei Ihnen großes Thema: Sie haben hier sogar einen eigenen Kräutergarten!
Das gehört zum Konzept. Jetzt gerade passiert da nicht das meiste, aber sonst sind die Kinder sehr gerne im Kräutergarten zugange. Wir pflanzen Gemüse wie Gurken und Tomaten, aber – wie der Name schon sagt – natürlich auch so etwas wie Zitronenmelisse, Schnittlauch oder Pfefferminze. Für uns gehört übrigens auch dazu, was andere als Unkraut bezeichnen: Giersch etwa oder Gundermann. Was einfach so essbar ist, gibt es dann eigentlich an unserer Kräuterbar zum Naschen, wegen Corona geht das momentan aber leider nicht.
Hat die Pandemie großen Einfluss auf Ihre Arbeit?
Jein. Wir versuchen schon, Anwendungen zu vermeiden, bei denen sich die Kinder ein Becken oder eine Wanne Wasser teilen müssten. Mit allen Einschränkungen kommen sie aber super klar. Wir Erzieherinnen laufen in der Einrichtung gerade auch viel mit Maske rum. Dazu sagen die Kinder: „Die hast du jetzt, weil wir Corona haben.“ Und damit ist es auch gut. Problematisch ist der Mund-Nasen-Schutz eigentlich nur in einer Hinsicht: Die Kinder lernen schlecht, wie sie ihre Emotionen über Mimik ausdrücken. Sprachfehler lassen sich viel schwerer bearbeiten – wie auch, immerhin können sie nicht sehen, wie sich mein Mund beim Sprechen unter der Maske bewegt. Aber: Die Gesundheit geht vor. Man sollte außerdem immer lieber auf die schönen Dinge gucken: Das ist eine Haltung, die wir unseren Kindern hier vermitteln wollen.

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