US-Klassiker macht Station in Hamm

Schulbus mit tausenden Vinylplatten lädt zum Stöbern und Staunen ein

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Auf deutschen Straßen immer ein Hingucker: Voll mit Schallplatten wird dieser US-Schulbus auch in Hamm Station machen.

Mit einer ungewöhnlichen Fracht an Bord nimmt ein amerikanischer Schulbus Kurs auf Hamm. Es geht um tausende gebrauchte Vinylplatten, die frisch aufbereitet neue Besitzer finden sollen. Eine Geschichte voller Lust und Leidenschaft.

Hamm - Der Initiator und "Busfahrer" - und das ist die zweite Besonderheit dieser Aktion - ist so manchem Hammer noch gut bekannt: Michael Lohrmann wuchs hier auf und war Anfang der 1990er-Jahre Reporter für die Musikszenezeitschrift "Stagetime". In diesem Bereich blieb der heute in Dortmund heimische Lohrmann zuhause: Als Chefredakteur und Herausgeber machte er das Alternativ-Rockblatt "Visions" wichtig und groß. Eines der Tochterprodukte ist das "Mint", das der Vinyl-Renaissance eine eigene Plattform und Lohrmann selbst die Möglichkeit zum Ausleben einer Leidenschaft gibt.

Das wichtigsten Daten in Kürze:

Am Montag, 25. November, wird der 49-Jährige mit dem aufwändig aufgearbeiteten Bus seiner früheren Heimat eine mehrstündige Stippvisite abstatten: Von 13 bis 19 Uhr wird das gelbe, über acht Meter lange Gefährt in der Feidikstraße 93 vor dem Hifi-Geschäft "Auditorium" geparkt. An Bord für Neugierige, Freaks und potenzielle Kunden: rund 3500 neue und gebrauchte LPs in allen Preislagen sowie eine Hifi-Anlage zum Reinhören.

Blick in den Bus.

Tournee quer durch NRW

Anders als an meisten anderen Haltepunkten der mehrwöchigen Tournee zwischen Ratingen und Paderborn wird sich in Hamm eine "Listening Session" anschließen: Vinyl-Fans können dazu jene Platten mitbringen, die sie gern mal auf einer besonders guten Anlage hören möchten. Für die kostenlose Aktion wird um Anmeldung per Mail an vinylabend@mintmag.de gebeten.

Bus ist Lohrmanns Baby

Lohrmann selbst ist der Urheber der Bus-Idee. Sie kam ihm bei der Tortur des Hin- und Herwuchtens seiner eigenen, rund 15.000 Alben umfassenden Schallplattensammlung und entfaltete sich vor seinem inneren Auge als rollender Plattenladen. Vorbild waren die Bücherbusse, Ziel jene Orte, die schon lange keinen klassischen Plattenladen mehr vorhalten.

Lange Rede, kurzer Sinn: Mitte 2019 kam der Bus in Dortmund an - zwar Tüv-geprüft, aber mit großem Bedarf an Handwerkereinsatz. In diesen Tagen geht er nun erstmals auf große Tournee.

Michael Lohrmann und sein Bus.

Besondere Episode in Hamm

In den Monaten zuvor hatte der Jäger und Sammler Lohrmann Ohren und Augen offen gehalten, um möglichst keine Gelegenheit zur Prüfung und zum Ankauf halbwegs sinnvoller Plattensammlungen zu verpassen. Und hatte oft genug das Glück, als Erster vor Ort zu sein. "Die Aussicht, ein paar Kisten mit nicht näher definierten Platten zu bekommen und darin ein paar echte Schätze zu finden, zieht eigentlich jeden an, der mit Vinyl zu tun hat. Ob es sich nun um einen Händler oder Privatsammler handelt“, sagt er.

Für seine Leidenschaft war Lohrmann weit unterwegs. Doch ausgerechnet in Hamm ergab sich eine ganz besondere Episode. Sie wird in einem Beitrag des "Mint"-Magazins so dargestellt: "Als er in Hamm einem gewissen 'Punk-Peter' beim erwünschten Ausdünnen des Plattenschranks half, entpuppte sich der als ein glühender Schalke-Anhänger, der kurz scherzhaft ins Grübeln kam, ob er dem BVB-Fan Lohrmann die Platten wirklich für den Transport in die 'verbotene Stadt' Dortmund überlassen sollte. Am Ende saßen die beiden Dauerkartenbesitzer bis zum späten Abend in der Küche und philosophierten getreu dem Motto ‚Getrennt in den Farben, vereint in der Sache‘ über das zweitschönste Hobby der Welt. Nach Vinyl.‘“

Worin die Kunst der Platten-Pflege besteht

Fragen und Antworten:

Wie viele Platten werden an Bord des Busses sein?

Michael Lohrmann: Rund 3500 LPs, Singles werden wir nicht dabei haben. Dafür aber alte "Mint"-Ausgaben und diverses Zubehör wie Innen- und Außenhüllen.

Nach welchen Kriterien werden sie ausgesucht sein und wieder aufgefüllt?

Lohrmann: Wir werden 20 verschiedene Genres im Bus haben, weil es uns wichtig ist, eine gewisse Bandbreite bieten zu können.

Tatsache ist aber auch, dass man nicht wirklich tief in ein Genre eintauchen kann, wenn man von allen Bereichen gleich viele LPs dabei hat. Daher priorisieren wir die Genres Pop, Metal, Hard Rock/Blues Rock, Psychedelic, Indie/Alternative und Krautrock, wir haben aber auch ausreichend HipHop, Electro, Soundtracks, Blues und Jazz an Bord. Lediglich auf Klassik und Schlager haben wir vollständig verzichtet.

Blick ins "Schatz-Lager". Hier werden tausende Platten gelagert, die im Bus unters Volk gebracht werden sollen.

Sollten viele Interessierte auf einmal kommen: Wie sollen sie gelenkt werden, damit es nicht allzu eng wird? Oder wird auch außerhalb verkauft?

Lohrmann: Nein, es wird nur im Bus verkauft. Zugleich passen rund zehn Leute rein, vielleicht zwölf. Das wird ein bisschen Blindflug, aber ich glaube, dass sich das alles in allem gut regulieren lassen wird.

Von welcher Preisspanne reden wir im Verkaufsbereich?

Lohrmann: Von 3 bis über 500 Euro ist quasi alles dabei. Es werden Standard-Platten an Bord sein, aber auch echte Raritäten.

Der Bus ist ja sehr zeitaufreibend: Ist das Ihrer Leidenschaft für Vinyl geschuldet? 

Lohrmann: Wohl eher meiner Dummheit... (lacht) Ernsthaft: Vermutlich habe ich noch nie so viel Zeit in ein Projekt gesteckt, das ist alles totaler Wahnsinn.

Wir waschen zum Beispiel jetzt noch immer Platten, ein Ende ist nicht in Sicht. Das hält halt alles total auf - ein Waschgang in einer Maschine dauert rund sieben Minuten, wir arbeiten mit acht(!) Maschinen von Audiodesk Gläss, parallel mit zwei Leuten - ohne die Geräte wären wir geliefert.

Und im Bus steckt ein gutes halbes Jahr Arbeit drin von vielen verschiedenen Gewerken. Dann die Tour buchen, die ganze Ware ankaufen, auspreisen, hin- und her schleppen, ein wenig Promo machen, ewig viele Amtsgänge für Genehmigungen...

Da kommt schon einiges an Zeit und Mühe zusammen. Auch an Geld, ohne die Sponsoren wäre das Projekt wohl nicht zu stemmen gewesen.

Aber, okay: selbstgewähltes Schicksal. Ich hatte da einfach große Lust zu und habe angefangen; nachdenken kann man ja noch später. Kurz: Es war meiner Leidenschaft für das Medium geschuldet...

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