Keine Nachfolge in Sicht

Schluss zum Fest: Hausärztin schließt Praxis und geht in den Ruhestand

Abschied mit mindestens einem weinenden Auge: Hausärztin Irmgard Diekämper geht nach 21 Jahren in den Ruhestand.
+
Abschied mit mindestens einem weinenden Auge: Hausärztin Irmgard Diekämper geht nach 21 Jahren in den Ruhestand.

Eine Erkältung, Magen-Darm- und sogar Herzprobleme, ein Rezeptwunsch oder seit einiger Zeit auch Coronatests: Die Gründe sind ganz unterschiedlich, warum Patienten die Hausarztpraxis von Irmgard Diekämper aufsuchen. Patienten kommen vorbei, um ihrer Ärztin einfach noch mal „Tschüss“ und vor allem „Danke“ zu sagen.

Hamm-Mitte – Die Hausärztin Irmgard Diekämper wird am Mittwoch, 23. Dezember zum letzten Mal ihre Praxis an der Sternstraße öffnen und danach in den Ruhestand gehen.

Die positive Resonanz nach 21 Jahren als Hausärztin für bis zu 1500 Patienten freut die gebürtige Oberhausenerin sehr. „Ich bekomme viel Dank für das Vertrauen, das sich in all den Jahren aufgebaut hat“, sagt die 68-Jährige über die enge Bindung zu vielen Patienten. Dass sie deshalb zuletzt auch schon den ein oder anderen emotionalen Moment in ihrer Praxis erlebte, ist daher klar. „Manchmal bin ich den Tränen nah“, sagt sie und macht damit umso deutlicher, dass ihre Patienten für sie mehr sind als ein bloßer Termin.

Vertrauen zu Patienten aufgebaut

Rückblick: In den 90er Jahren trat Diekämper nach dem Medizinstudium in Kiel und Münster und der Facharztausbildung zur Internistin eine Stelle im St. Marien-Hospital in Hamm an. Zuvor hatte sie schon eine Ausbildung zur Medizinisch Technischen Assistentin (MTA) absolviert. 1999 übernahm sie dann die Hausarztpraxis von Horst Münnich an der Borbergstraße – inklusive einem Großteil seiner Patienten. Dabei war Internistin eigentlich gar nicht ihr erster Berufswunsch „Ich wollte Kinderärztin werden, weil ich Kinder gern habe“, sagt Diekämper mit einem Lächeln. Weil sie aber keinen Ausbildungsplatz für den Facharzt erhielt, wurde sie schließlich Hausärztin – ein Entschluss, den sie bis heute nie bereut hat.

Bei den Patienten kam die Hausärztin gleich gut an. Doch galt es anfangs erst mal, sich kennenzulernen. „Es dauert einige Zeit, bis Vertrauen aufgebaut ist“, stellt Diekämper fest und sieht darin einen wichtigen Baustein bei der Behandlung von Krankheiten.

Viel Arbeit, wenig Freizeit

Von großer Bedeutung sei daher auch, den Patienten gut zuzuhören. Denn: „Viele haben das Bedürfnis, zu reden – auch über private Probleme“, sagt die Internistin. Weil schätzungsweise 40 bis 50 Prozent der Erkrankungen psychosomatischen Ursprungs sind, sei das Zuhören enorm wichtig – auch wenn das viel Zeit kostet. „Die nehme ich mir“, sagt Diekämper, die aus Überzeugung mehr Wert auf ihre Patienten als auf die von den Krankenkassen vorgegebenen Budgets legt.

Deutlich wird das auch daran, dass sie sich auch für Hausbesuche und Krankenbesuche in Seniorenheimen viel Zeit nimmt. „Auch sie brauchen eine ärztliche Versorgung“, meint die 68-Jährige. Die intensive Fürsorge für ihre Patienten hat allerdings auch ihren Preis: Denn oft sind die Tage in der seit 2009 in der Sternstraße 4 befindlichen Praxis sehr lang, und auch sonntags arbeitet Diekämper oft Bürokram ab.

Das intensivste Jahr der Karriere

Dabei war in den 21 Jahren kein Jahr so arbeitsintensiv wie dieses – wegen Corona. Was es so schwer gemacht habe: das Umsetzen der sich ständig ändernden Bestimmungen. Mittlerweile sei es auch so, dass – und das ist bei allen Hausärzten der Fall – viele Patienten ungeduldiger werden. „Weil die Situation mit Corona nun schon so lange andauert“, glaubt Diekämper. Der Grund für ihren Ruhestand liegt allerdings nicht in der Coronasituation, wie sie betont, sondern schlichtweg am Rentenalter. Leicht falle ihr es aber nicht, wenn sie am Tag vor Heiligabend zum letzten Mal Patienten in Empfang nimmt – auch deshalb, weil sie trotz zweijähriger Suche keinen Nachfolger für die Praxis gefunden hat und die Versorgung der Patienten daher unklar ist. Bundesweit fehlen über 3000 Hausärzte.

Doch auch wenn Irmgard Diekämper bald keine Patienten mehr behandelt: Als Ärztin wird sie auch weiterhin angesprochen werden – zwar nicht mehr in der Praxis, dafür aber beim Kolpingkarneval in ihrer Wahlheimat Ostwennemar. Denn in den vielen Jahren, in denen sie dort auf und hinter der Bühne aktiv ist, entwickelte sich ein richtiger Running-Gag: Immer wieder bauen die Akteure ein, sie müssten noch zum Arzt gehen – „zu Irmgard“ –, wie es dann heißt. Wer damit gemeint ist, wissen die meisten Zuschauer natürlich.

Dr. Eickenbusch zieht um

Durch den Ruhestand von Diekämper wird sich auch für Dr. Andrea Eickenbusch und ihre Patienten etwas ändern. Die Praxisgemeinschaft an der Sternstraße wird es dann nicht mehr geben. Dr. Eickenbusch wird an einen neunen Standort umziehen. Am 4. Januar wird sie die Praxis an der Südstraße 38 eröffnen.

Wichtig für alle Patienten von Irmgard Diekämper: Dr. Eickenbusch kann nicht automatisch alle Patienten der Kollegin ohne Nachfrage übernehmen. Grund dafür ist die hohe Anzahl an Patienten, die den Rahmen einer Einzelpraxis übersteigen würden. 

Der Haussegen hängt schief: Wenn es um das weitere Vorgehen gegen den Ärztemangel geht, sind sich die Parteien nicht immer einig.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare