Hoffen und Bangen in Herringen

Der kleine Yasar Akif braucht einen Helden, der ihn heilt

Yasar Akif mit seinen Eltern und seinen Superheldenfiguren auf der heimischen Couch.
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Yasar Akif mit seinen Eltern und seinen Superheldenfiguren auf der heimischen Couch. Am 18. März wird fünf Jahre alt.

Yasar Akif Taskin aus Herringen ist an Leukämie erkrankt. Eine Aktion am kommenden Wochenende sollte helfen, einen Stammzellspender zu finden, ohne den der Vierjährige sterben wird. Doch daraus wird jetzt nichts.

Hamm – Am Montagnachmittag dieser Woche sitzt Yasar Akif Taskin, vier Jahre alt, auf dem Sofa seiner Eltern, lutscht ein Eis und schaut auf dem Handy seiner Mutter ein Video. Normalerweise darf er das nicht, aber was ist heute noch normal? Yasar Akif hat Leukämie. Nur eine Stammzellspende kann sein Leben retten.

Ende des 2019 beginnt Yasar Akif, sich zu verändern. Er hat keinen Appetit mehr, nicht mal auf Pizza – bis dahin eins seiner Lieblingsessen. Normalerweise geht er den Weg zum Kindergarten zu Fuß, das dauert zwei Minuten. Doch nun fordert er seine Mutter Halime auf, ihn im Kinderwagen zu schieben. Die Taskins wohnen in einer Doppelhaushälfte in Herringen, einem Zechenhaus wie es so viele gibt in Hamm. Ismail Taskin, 33 Jahre alt und Yasar Akifs Vater, ist hier aufgewachsen.

In diesem Haus gibt es eine Küche und Wohnzimmer im Erdgeschoss, Kinder- und Schlafzimmer sind oben. Die steile Treppe dorthin wird für Yasar Akif zum Hindernis. Er geht nicht mehr nach oben, er krabbelt. Hinunter läuft er nicht aufrecht, sondern rutscht auf dem Hosenboden.

In die Uniklinik von einem auf den anderen Tag

Halime Taskin, 30 Jahre alt, vereinbart einen Termin beim Kinderarzt. Doch als sie ihren Sohn Anfang Januar aus dem Kindergarten abholt, bekommt sie einen Schreck. „Er war so blass, so schlapp, hatte den ganzen Tag nur auf einer Liege gelegen“, erinnert sie sich. Sie fährt sofort in die Kinderklinik des Evangelischen Krankenhauses (EVK). Es ist der 8. Januar 2020. Noch am gleichen Tag bringt ein Krankenwagen Yasar Akif in die Uniklinik Münster – er hat Leukämie, Blutkrebs.

Es dauert eine Woche, bis die genaue Diagnose steht: chronisch myeloische Leukämie und ein Philadelphia Chromosom. Dabei vermehren sich Vorläuferzellen der weißen Blutkörperchen, breiten sich im Knochenmark aus und verhindern die normale Blutbildung. Die Organe funktionieren nicht mehr richtig. Bei Yasar Akif ist die Milz bereits stark vergrößert, als die Ärzte seine Krankheit diagnostizieren. Er erhält eine Chemotherapie, um die weißen Blutzellen zurückzudrängen. Heilen kann ihn diese Therapie nicht. Yasar Akif braucht die Stammzellen eines Spenders, wenn er wieder gesund werden soll.

Familie würde gern selbst spenden

Die Familie würde gern selbst spenden. Yasar Akif hat einen jüngeren Bruder, Ensar. Doch die genetische Übereinstimmung der Brüder ist zu klein, Ensar kommt als Spender nicht in Frage. Auch die Übereinstimmung mit den Eltern ist klein. Dass Yasar Akif Stammzellen von Mutter oder Vater transplantiert werden, kommt nur in Frage, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Es besteht ein hohes Risiko, dass er durch Komplikationen sterben könnte, wenn eine zu große genetische Abweichung besteht.

Freunde der Familie stellten nun eine Typisierungsaktion auf die Beine: Am kommenden Sonntag sollte Yasar Akifs genetischen Zwilling gefunden werden: Geplant war eine Typisierungsaktion der DKMS, die früher „Deutsche Knochenmarkspenderdatei“ hieß. Dort ist Yasar Akif registriert, doch bisher gibt es keinen geeigneten Spender. „Aber vielleicht finden wir ja so jemanden“, hoffte Halime Taskin. Und selbst, wenn nicht: Vielleicht würde so ein Spender für einen anderen Blutkrebskranken gefunden.

Doch dann kam alles ganz anders. Wegen der Gefahrenlage durch das Coronavirus wurde die Aktion fünf Tage vorher abgesagt. Sie soll zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden.  Nun richtete die DKMS kurzerhand einen Onlineaufruf ein

"Der Entschlossene … wird leben"

Halime Taskin ist im Sauerland aufgewachsen, in Meschede. Dort traf sie auch ihren Ismail, einen gelernten Elektriker, der im Außendienst mit seiner Firma dorthin kam. Das Paar heiratete 2012, sie zog zu ihm nach Hamm. Ihr erstes Kind kam im März 2015 auf die Welt. Sie nannten den Jungen Yasar – der Name bedeutet „wird leben“, ein Wunsch also, dass dem Kind ein langes Leben beschieden sein möge. Sein zweiter Vorname Akif bedeutet „Der Entschlossene“.

Diese Entschlossenheit hatte der Junge einmal. „Bevor er krank war, war er sehr offen“, erzählt die Mutter. Er ging gern mit ihr einkaufen, dort habe er zum Beispiel die Kassiererinnen gegrüßt – und das immer wieder und so lange, bis man ihn beachtete und zurückgrüßte.

Die meiste Zeit auf der Isolierstation

An diesem Montag nun ist der Junge lange Zeit verschlossen. Meist schaut er aufs Handy, doch an kurzen Blicken zwischendurch sieht man, dass er zuhört. Seit seiner Diagnose war er nur für zwei Wochen zu Hause, sonst in der Uniklinik. Einen großen Teil der Zeit verbrachte er auf einer Isolierstation, er hatte einen Magen-Darm-Infekt.

Als der Besuch am Montag schon eine Weile bei der Familie ist, öffnet sich Yasar Akif schließlich. Er zeigt seine Superheldenfiguren, Spiderman und den Hulk, spielt mit Bauklötzen, zeigt auch seinen neuen Riesenteddy. Der Bär ist größer als das Kind. „Er hat im Krankenhaus sehr viel geschenkt bekommen“, sagt Halime Taskin. Für seinen fünften Geburtstag am 18. März hat Yasar Akif gar keine Wünsche mehr. Halime Taskin lächelt.

Yasar Akif Taskin (4) braucht dringend einen Stammzellenspender.

Die Eltern loben und danken

Wie belastend die Erkrankung für Halime und Ismail Taskin ist, man kann es nur ahnen. Seine Augenringe sind tief, ihre Haut ist blass. Doch die beiden klagen nicht.

Stattdessen loben und danken sie: Danken den Freunden und Nachbarn für Besuche, Geschenke, Unterstützung, die Typisierungsaktion. Loben die Ärzte, die sich geduldig um das Kind kümmern. Danken der Schwägerin, die immer wieder den jüngeren Sohn versorgt, wenn Yasar Akif ins Krankenhaus muss.

Jeden Tag bekommt Yasar Akif Tabletten, eine ambulante Chemotherapie. Sie kann helfen, den Krankheitsverlauf zu verzögern – doch heilen wird ihn das nicht. Das könnte nur ein passender Stammzellenspender.

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