Vorwurf der Parallelgesellschaft - OB unter Beschuss - Kommentar

Kritik am Fest im Lippepark immer schärfer - aus allen Reihen

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Die türkische Flagge weht schon mal neben der deutschen, die große Bühne steht fast: Am Donnerstagabend war der Aufbau im Lippepark schon weit voran geschritten.

Hamm – Vorfreude ist etwas anderes. Die Reaktionen auf das von der türkischen Regierung veranstaltete und finanzierte dreitägige Spektakel ab Freitagabend im Lippepark waren bisher allesamt negativ. Dabei hat es das Programm in sich.

Erst seit zwei Tagen gibt es Informationen zum Festival. Nach und nach kommen die Programmpunkte an die Öffentlichkeit. Politik und Öffentlichkeit sind verärgert. Einen WA-Kommentar lesen Sie unten im Artikel.

SPD-Ratsherr Ralf-Dieter Lenz versteht nicht, warum offensichtlich versäumt wurde, ein wirkliches Integrationsfest zu feiern. Die Vorbereitungen seien nebulös, deutsche Gäste wohl nicht gewünscht. Einladungen oder eine Öffentlichkeitsarbeit habe es nicht gegeben. „Ich bin entsetzt, denn genau damit fördern wir Parallelgesellschaften“, sagte Lenz. Er hoffe, dass die Aussage des Oberbürgermeisters Thomas Hunsteger-Petermann (CDU), dass bei dem Fest die Politik keine Rolle spiele, Bestand habe.

Ruf nach Rücktritt des OB

Besonders deutlich wird Dr. Carsten Grüneberg, Bezirksvertreter der Grünen in Herringen, in seiner Kritik. Er spricht von einer „feindlichen Übernahme durch die Erdogan-Partei AKP“ . Sämtliche Integrationsbemühungen der vergangenen Jahre würden mit Füßen getreten. Grüneberg versteht nicht, warum der Oberbürgermeister eine solche Veranstaltung genehmigt hat. Er solle Konsequenzen ziehen – und zurücktreten.

Unter Beschuss: OB Hunsteger-Petermann.

Kritik selbst von der Jungen Union

Kritische Töne schlägt selbst die Junge Union an, die Nachwuchsorganisation der CDU. Sie fragt, unter welchen Gesichtspunkten das Rathaus eine solche Veranstaltung genehmigt hat – auch vor dem Hintergrund, dass sich AKP-Politiker zu dem Fest angekündigt hätten.

Für die Herringer Bezirksvertreterin Doris Bay und Linken-Ratsherr Roland Koslowski ist schon der Titel der Veranstaltung „irreführend“. „Es ist und bleibt eine AKP-(Wahlkampf-)Großveranstaltung“, erklären sie. Tatsächlich sollen mehrere hochrangige Regierungsmitglieder kommen. Allerdings werden auch Vertreter der Oppositionspartei CHP erwartet. So steht es im Programm.

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Stars aus Sport und Musik haben zugesagt

Und dieses Programm hat es durchaus in sich. Am Freitag ab 18.30 Uhr werden sich deutsche und türkische Ex-Fußballprofis auf dem Platz des SVF-Herringen gegenüberstehen. Auf deutscher Seite werden Spieler wie Claus Reitmaier (Tor), Ailton, Maurizio Gaudino, David Odonkor und Jörg Albertz auflaufen. Das türkische Trikot werden viele der Ex-Profis tragen, die 2002 bei der WM in Korea den dritten Platz erreichten. Halil Altintop ist der prominenteste Name auf der türkischen Liste. Gespielt wird zweimal 20 Minuten, Schiedsrichter wird Bernd Heinemann sein.

Hier geht's zum Programm auf deutsch

Voll dürfte der Platz vor der Bühne insbesondere am Sonntagabend werden, wenn Pietro Lombardi von 21.30 bis 22 Uhr zum Abschluss des Festivals einen Kurzauftritt absolvieren wird. Die Zusage gab er kurzfristig.

Die offizielle Eröffnung ist heute um 17.30 Uhr, bereits ab 15 Uhr gibt es erste Sport- und Kulturprogrammpunkte. Am Samstag und Sonntag gibt es jeweils von 13 bis 22 Uhr Aktionen. Eine Vielzahl von Sportarten werden den Besuchern präsentiert, an vielen Stationen kann auch aktiv und unter Anleitung mitgemacht werden.

Der Eintritt zu der Veranstaltung ist frei. Auch die Verpflegung ist zumindest in Teilen kostenlos. Es gebe Spezialitäten zum Probieren, nicht aber zum satt essen, hieß es. Für Getränke werde ein kleiner Obulus erhoben.

Kommentar: Der Unmut ist verständlich

Von Frank Lahme

Boomerang-Werfen ist eine der wenigen Disziplinen, die am Wochenende beim Sport- und Kulturfestival nicht angeboten werden. Aber genau ein solcher segelt nun auf den Oberbürgermeister zu. Innerhalb weniger Tage ein solches Spektakel vom Zaun zu brechen, ist eben nicht sportlich-ehrgeizig, sondern letztlich absurd.

Der Unmut von denjenigen, die sich ob der fehlenden Kommunikation überfahren fühlen – Nachbarn, Vereinsvertreter und Politiker – und derjenigen, die kurzfristigst behördenseitig das Schiff noch irgendwie in See stechen lassen müssen, ist verständlich.

Das Wort „Parallelgesellschaft“ macht die Runde, und vielleicht sollte man einfach auch mal offen eingestehen, dass es eine solche tatsächlich in dieser Stadt gibt. Die Ressentiments, die der Veranstaltung entgegengebracht werden, und das Gebärden der türkischen Organisatoren, lassen jedenfalls keinen anderen Schluss zu.

Auch das hätte sich der OB denken können.

 

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