Lippeverband spricht von "Jahrhundert-Ereignis"

Große Schäden und scharfe Kritik nach Hochwasser in Herringen

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Bis hierhin stand das Wasser: Ein Anwohner der Dresdener Straße zeigt den Pegel beim Unwetter. Sein BMW stand dabei in der Garage. Jetzt hat er nur noch Schrottwert.

Nach dem Unwetter vom frühen Sonntagabend, das unter anderem Teile von Herringen unter Wasser gesetzt hatte, erheben Anwohner schwere Vorwürfe gegen den Lippeverband. Ohne die Großbaustelle hinter ihren Häusern wäre die Straße nicht überflutet worden, sagen sie. Der Lippeverband weist diese Vorwürfe zurück.

Hamm – Besonders hart hatte das Unwetter im hinteren Bereich der Dresdener Straße zwei Anwohner der Sackgasse getroffen. In einem Fall war das Wasser, das aus zwei Gullys kam, auf ihr Grundstück und von dort durch einen Lichtschacht in den Keller gelaufen. Auf rund 10.000 Euro schätzt der Eigentümer den Schaden.

Noch schlimmer erwischte es eine Familie weiter vorne. Hier war das Wasser in eine Tiefgarage gelaufen, in der sich ein BMW befand und der im wahrsten Sinne des Wortes „abgesoffen“ ist. Durch die Garage gelangte das Wasser in den Keller. „Ob Waschmaschine, Heizung oder Wintersachen: Alles stand unter Wasser und ist nur noch Schrott“, so die Eigentümerin. Auch in weiteren Kellern stand das Wasser, allerdings längst nicht so hoch wie hier. „Bei einem Nachbarn von uns sprang der Wagen nicht mehr an.“ Vermutlich habe das Wasser die Elektronik beschädigt. Inwieweit das Auto repariert werden könne, wisse man nicht.

Der BMW, der am Montag aus der Garage geborgen wurde, dürfte hingegen nur noch einen Schrottwert haben. Die Eigentümer hatten einen Abschleppdienst mit der Bergung des Fahrzeugs beauftragt. Und die war aufgrund der beengten Verhältnisse nicht einfach. Kurz vorm Abtransport bargen sie einige persönliche Gegenstände aus dem Wagen, in dem das Wasser noch im Kofferraum sowie im Fußraum stand.

Schräg am Haken des Servicewagen hängend, läuft das Wasser aus dem Anwohner-Auto.

"Ausgerechnet jetzt fangen die Probleme an"

Sein Auto wurde zwar verschont, trotzdem ist einer ihrer Nachbarn sauer und will die Argumentation des Lippeverbands, dass ein „Jahrhundert-Ereignis“ verantwortlich für das Hochwasser sei, nicht stehen lassen. Seit 50 Jahren wohne er bereits an der Dresdener Straße, sagt er. Vor vielen Jahren habe es schon einmal ein Hochwasser gegeben. Daraufhin hätten die Bewohner Rückstauklappen eingesetzt. „Und seitdem hatten wir Ruhe.“ Selbst bei Ereignissen, wo an anderen Stellen in Herringen ganze Straßen unter Wasser standen, habe es auf der Dresdener Straße keine Probleme gegeben. „Doch ausgerechnet jetzt, wo der Lippeverband hinter unseren Häusern ein großes Pumpwerk errichtet, das eigentlich zum Hochwasserschutz beitragen soll, fangen die Probleme an.“

Zwar ist die neue Anlage noch nicht in Betrieb, dennoch sehen die Anwohner einen direkten Zusammenhang zwischen ihr und dem Hochwasser. Und das erklären sie wie folgt: Um die Entwässerung des alten Kanals in der Dresdener Straße in Richtung des alten Pumpwerks Sundern sicherzustellen, wurde im Zuge der Bauarbeiten ein sogenannter Inliner eingesetzt. Dadurch sei, so der Anwohner, der Durchmesser deutlich reduziert worden. „Und der Kanal konnte weniger Wasser aufnehmen. Das hat dazu geführt, dass es aus den Gullys gekommen ist und unsere Grundstücke überflutet wurden.“

Eindrucksvolle Eindrücke vom Sonntagabend:

"Das neue Pumpwerk war noch nicht in Betrieb"

Eine Sprecherin des Lippeverbandes bestätigte gegenüber unserer Zeitung, dass vor einiger Zeit ein Inliner in den alten Kanal eingesetzt worden sei, um die Entwässerung sicherzustellen. Allerdings sei der Einsatz sehr dünn und der Durchmesser des vorhandenen Kanals um lediglich drei auf 57 Zentimeter reduziert worden – und das auch nur in einem 70 Zentimeter langen Abschnitt. Diese Maßnahme sei nicht für das Hochwasser verantwortlich. Und: „Das neue Pumpwerk war noch nicht in Betrieb, das alte hat einwandfrei funktioniert.“

Doch warum stand dann das Wasser im hinteren Bereich der Dresdner Straße etwa „30 bis 40 Zentimeter“ hoch? „100 Feuerwehr-Einsätze im Hammer Stadtgebiet zeigen, wie extrem sich die Wetterlage lokal dargestellt hat. Bei solchen Extrem-Regenereignissen kann es dazu führen, dass die Kanalisation die plötzlich und außergewöhnlich hoch anfallenden Wassermengen nicht mehr aufnehmen kann“, sagte die Verbandssprecherin. Neben der Dresdener seien auch andere Straßen in Hamm betroffen gewesen.

Extremes Starkregenereignis - Bewertung und Rückblick

Bei dem Unwetter, das am frühen Sonntagabend über Herringen zog, handelte es sich um ein „extremes Starkregenereignis der Stufe 8“. Binnen 30 Minuten wurden, wie der Lippeverband berichtete, an der Messstation am Lausbach 35,4 Millimeter Niederschlag gemessen. Insgesamt gibt es in Hamm zwölf Messstationen, die vom Lippeverband beziehungsweise vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) betrieben werden. „In extrem kurzer Zeit ist extrem viel Niederschlag gefallen“, so eine Sprecherin des Lippeverbandes. Und das habe letztlich zu den Problemen geführt.

Beim Hochwasser vom 18. September 2014, das weite Teile der Hoppestraße überflutet hatte, war die Situation anders. Damals hatte es über einen längeren Zeitraum, insgesamt sechs Stunden, stark geregnet. Als Folge dessen war der Hoppeibach über die Ufer getreten und zu allem Überfluss das dortige Pumpwerk ausgefallen.

Brisant: Auch damals hatte der Lippeverband von „mehr als einem Jahrhundertereignis“ gesprochen. Innerhalb von sechs Jahren gab es in Herringen nun schon zwei davon, vom Hochwasser 1993 ebenfalls in der Hoppeistraße ganz zu schweigen.

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