So geht es weiter mit Schacht Aden II

Letzte Bergleute schaffen bei Hamm Bauwerk für die Ewigkeit

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Schacht Aden II in Bergkamen soll einen Tiefbrunnen erhalten. Der soll für die gesamte Wasserhaltung im östlichen Revier verantwortlich sein.

Auf Deutschlands Zechen ist endgültig „Schicht im Schacht“, wie der Kumpel so schön sagt. Aber noch ist nicht überall der ebenso jargonmäßige „Deckel drauf“. Am ehemaligen Bergwerk Haus Aden arbeiten noch bis Ende des Jahres die letzten Bergleute daran, diesen Deckel aus Beton zu gießen.

Bergkamen/Herringen/Pelkum – Die Verfüllung von Schacht II ist, wie alles „aufm Pütt“, ein Job mit der Nase im Dreck, tonnenschweren Lasten am Haken und großem Gerät. Und dann muss ausgerechnet dieser Deckel auch noch drei Löcher haben, denn der Schacht, an dem im Jahr 2001 die letzten Kumpel ausgefahren sind, wird einer von sechs Standorten der zentralen Wasserhaltungen im Ruhrrevier. Für ewige Zeiten muss dort Grubenwasser gehoben werden, damit der durchlöcherte „Pott“ nicht eines Tages absäuft, weil die Gruben überlaufen.

Das allmählich steigende Grubenwasser soll hier auf dem Pegel von 600 Metern reguliert werden, damit es sich nicht mit darüber liegenden Grundwasserschichten mischen kann. Dazu wird der 960 Meter tiefe Schacht zum Tiefbrunnen umgebaut. Ab 2024 soll darüber kontinuierlich überschüssiges Wasser zur Lippe gepumpt werden – Unmengen und auf alle Zeiten. „Wir bauen hier Motorkreiselpumpen mit einer Leistung von 8,6 Kubikmeter in der Minute ein“, erläutert Dr. Stephan Roßbach. „Die Jahresleistung wird 1,5 Milliarden Kubikmeter betragen.“ Das macht die Tauchpumpe vom Typ XXL unhandlich: 20 Tonnen schwer und 15 Meter lang wird Aggregat aus besonders korrosionsbeständigem Stahl gefertigt. Denn die Anreicherung mit Salzen und anderem verleiht dem Grubenwasser giftigen Biss. Das hat seinen Preis: 1,5 Millionen Euro das Stück.

Einer der letzten Kumpel bei der Einfahrt. Der Förderkorb ist demontiert, im engen Stahlzylinder geht’s abwärts.

„Wir benötigen hier drei davon. Eine im Dauerbetrieb, eine zweite für mögliche Spitzenlasten und eine in Reserve“, erläutert Roßbach, Bereichsleiter Grubenwasser bei der RAG. Und das hat wiederum zur Folge, dass bei der Schachtverfüllung drei Röhren geschaffen werden müssen, in denen die Pumpen in die Tiefe gelassen und zur Wartung wieder hervorgeholt werden müssen.

Standortleiter Andreas Lissner überwacht diese Arbeiten. Für ihn ein ganz besonderer Job, nicht nur wegen der technischen Anforderungen, sondern emotional. Mit 16 Jahren hat der heute 55-Jährige seine Ausbildung auf Haus Aden begonnen, als Mitglied der Grubenwehr in der allerletzten Befahrung als letzter Bergmann den Fuß von der Sohle in den Förderkorb gesetzt. Jetzt baut der Kumpel mit Leib und Seele mit den Letzten seiner Zunft den Betonpropfen bis zur Rasenkantenhängebank, wie der Bergmann nennt, was wir als Erdoderfläche kennen.

Gasdichter Stopfen mit drei Röhren

Damit der Schacht gasdicht verschlossen werden kann, haben die Fachleute von Thyssen Schachtbau zuerst auf 543 Meter eine Bühne errichtet, eine selbsthaltende Stahlkonstruktion, auf der Schicht um Schicht der Beton vergossen wird. Immer auf gut sieben Meter. Denn so lang sind die einzelnen Hüllrohre aus besonders belastbarem Kunststoff, die im Wechsel aufeinandergesteckt und vergossen werden. 34 „Schuss“, wie der Bergmann sagt, sind am Tag unseres Besuchs schon geschafft. 109 müssen es werden, damit die aneinander gefügten Röhren von 1,40 Meter Durchmesser die Rasenkantenhängebank erreichen. Etwas bescheiden fällt daneben die Lotröhre aus, mit der später der Stand des Grubenwasserpegels ermittelt wird. Zudem bleibt die alte Gasleitung in Betrieb, damit eventuell anfallendes Metan aus den Strecken um den Schacht über eine Protegohaube gesichert abgeleitet werden kann.

Eine Verwertung käme bei entsprechender Menge in Betracht. Für Roßbach ist es zudem überlegenswert, das um die 28 Grad warme Grubenwasser als Energiequelle zu nutzen. Aber das ist noch Zukunftsmusik für die Wasserstadt Aden, die ringsum im besten Wortsinn aus dem Boden gestampft wird. Während an der Verfüllung bis zum Jahresende im Dreischichtbetrieb mit in der Spitze 30 Mann malocht wird, steigt unten der Pegel. Am 25. September vergangenen Jahres wurde die Pumpenanlage im Schachtsumpf abgeschaltet. Seitdem ist das Wasser in der Grube um 20 Meter gestiegen – gemächlich: „Da gibt’s keinen rauschenden Bach oder starke Strömungen“, betont Roßbach. Die Baue über diese alten Pumpen trocken zu halten, wäre ungleich aufwändiger. Sie müssten für Wartung und Reparatur auf ewig zugänglich bleiben. Die Ewigkeitskosten sind eh schon zum Erbleichen. Zudem müsste an vielen Schächten gepumpt werden.

So aber bildet der Bergbau autarke Wasserprovinzen um die Brunnen. An Haus Aden wird der Pegel zwischen Hamm und Dortmund, also auch am ehemaligen Bergwerk-Ost in Hamm, am Schacht III in Rünthe, auf Monopol und über den Verbund mit Lünen hinaus gehalten.

Hunderte Rohre, ein jedes zwei Tonnen schwer, reihen sich auf dem Lagerplatz vorm Turm über Schacht II. Andreas Lissner (links) sorgt dafür, dass sie zur Röhre verbaut werden.

Für den Abschlag in die Lippe, zuletzt waren das allein fürs hiesige Revier elf Millionen Kubikmeter pro Jahr, muss noch ein Schacht von 14 Metern Tiefe und 20 Metern Durchmesser gebaut werden, um den Kanal auf dem Weg zur Lippe unterqueren zu können. Der Bergbau verweist auf auf einen erheblichen Umwelteffekt. 45 Flusskilometer würden entlastet, weil nur noch an einer Stelle und nicht vielerorts eingeleitet wird. Zudem habe das Grubenwasser bei höherem Stand eine geringere Schadstofffracht, weil sich vieles unten absetzt. Die zentralen Einheiten verbrauchten deutlich weniger Strom als das alte System, das verbessere die CO2-Bilanz.

Apropos alt: Die bisher genutzte, nun aber trockene Grubenwasserleitung liegt mitten im Baufeld der Wasserstadt. Die Stadt Bergkamen will sie unbedingt beseitigen, weil ihr Jahrhundertprojekt sonst aufgehalten und beträchtlich teurer würde. Weil der Pegel über Jahre steigt, wird vorerst keine Leitung benötigt. Sollte die neue nicht fertig sein, bis gepumpt werden muss, steht die Kommune in der Pflicht, für improvisierten Ersatz zu sorgen. Im Rathaus sagen sie, das sei billiger als der Verzug.

1,45 Millionen vom Bund für neue Landmarke am Adener Schacht – Aber wohin mit dem Förderturm?

Obwohl der Bergbau hier eigentlich nur seinen letzten Pflichten aus dem Abschlussbetriebsplan nachkommt, ist die Stadt Bergkamen dabei gefordert. Es geht um die Frage, ob der Förderturm als Zeugnis der zu Ende gehenden Bergbaugeschichte erhalten werden kann. Die RAG benötigt den monströsen „Bock“, wie der Kumpel die Halterung der Seilscheiben nennt, nicht mehr. Sie plant über dem Schacht eine Halle, in der für die Pumpen die Hebetechnik mit einer Belastbarkeit von 250 Tonnen installiert wird. Den Turm, der keinen Denkmalschutzstatus hat, würde das Unternehmen verschrotten.

Weil ein profaner Industriebau sich nicht gut machen würde in der künftigen Kulisse um den Adensee als Freizeitattraktion und besondere Wohnlage, haben die Stadt, die RAG und ihre Immobilientochter verabredet, die Gebäudehülle architektonisch ansprechend zu einer Landmarke zu gestalten. Sei einigen Tagen ist klar: Dabei können die Partner auf 1,45 Millionen Euro aus dem Bundesfördertopf für „Nationale Städtebauprojekte“ bauen. Die Stadt ist mit 722 000 Euro dabei, die Ruhrkohle zahlt ein, was die Fassade sowieso kosten würde. Aber was tun mit dem Schachtgerüst? Weil der Geschichtsarbeitskreis auf einen Erhalt drängt, hat die Stadt dazu ein Gutachten in Auftrag gegeben. Es soll Aufwand und Kosten dafür ermitteln, das Ungetüm zu versetzen. Es geht aber auch um den konservatorischen Aufwand, um das Wahrzeichen vorzeigbar und rostfrei zu halten. Auch das geht, wie alles im Bergbau, mächtig ins Geld.

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