Besuch in der Sargfabrik Glunz in Hamm

Auch in Krisenzeiten müssen neue Särge gebaut werden

Allein im Krematorium am Zechenweg finden jedes Jahr mehr als 7500 Feuerbestattungen statt.
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Ein Abschied in Würde: Allein im Krematorium am Zechenweg finden jedes Jahr mehr als 7500 Feuerbestattungen statt. Dafür und für die Erdbestattungen werden Särge benötigt, wie sie die Firma Glunz herstellt und vertreibt.

Gestorben wird immer, sagt man. Heißt: Auch in Krisenzeiten muss die Produktion von Särgen weiterlaufen. Wie schwierig das sein kann, zeigt ein Besuch in der Sargfabrik Glunz in Hamm.

Hamm - Seit rund 40 Jahren ist Toni May nun schon im Geschäft. Aber so etwas wie in diesem Jahr habe er noch nicht erlebt, sagt der Senior-Chef der Sargfabrik Glunz in Weetfeld – und meint damit nicht nur die Corona-Pandemie, die alle Unternehmen im Land vor große Herausforderungen gestellt hat. Als holzverarbeitender Betrieb habe man auch massiv unter dem Holzmangel im Sommer gelitten. Zwar habe sich die Situation mittlerweile etwas entspannt. Aber das Vorjahresniveau habe man noch längst nicht erreicht, sagt sein Sohn Thomas, der vor 20 Jahren in den elterlichen Betrieb eingestiegen ist.

Trotz der schwierigen Rahmenbedingungen ist es dem Unternehmen gelungen, die Kunden – in diesem Fall rund 450 Bestattungsunternehmen in ganz Deutschland – zu beliefern. Allerdings konnte es auch schon einmal vorkommen, dass der bestellte Wunsch-Sarg nicht dabei war.

May jun. zeigt dies am Beispiel einer stark nachgefragten neuen Produktlinie auf. Und die ist, wie May erzählt, „nachhaltig und naturnah“. Das bedeute, dass sämtliche Materialien für die Sargherstellung aus der Region stammen, angefangen von den Beschlägen über den Ausschlag bis hin zum Holz aus dem Sauerland. Das sei aber nur schwer zu bekommen. „Und wenn wir zum Beispiel Kiefernholz aus anderen Teilen Deutschlands oder sogar aus dem Ausland ordern und es mehrere hundert Kilometer zurücklegen muss, können wir nicht mehr von nachhaltig sprechen.“

Die Sargproduktion immer im Blick: Toni May (rechts) und sein Sohn Thomas (2. von rechts).

Dabei sind die beiden froh, dass sie überhaupt Holz beziehen konnten. Im Frühsommer sei der Markt quasi leer gefegt gewesen. Dementsprechend hätten die Preise angezogen. Im vorigen Jahr habe man, so Toni May, mit 180 Euro pro Kubikmeter Kiefern- und Fichtenholz kalkuliert. Mitte dieses Jahres sei der Preis dann auf bis zu 400 Euro pro Kubikmeter angestiegen. Inzwischen sei er zwar wieder gesunken, liege aber immer noch doppelt so hoch wie vor einem Jahr. Und genau das mache die Sache für sein Unternehmen schwierig. „Früher hatten wir feste Preise und konnten somit eine Kalkulation für das ganze Jahr aufstellen“, erklärt Toni May. Aktuell müsse man alle paar Monate neu kalkulieren. Die ganze Entwicklung wirke sich auch auf den Endpreis aus.

Ähnliche Probleme gibt es auch in der Baubranche, wo der Preis für den Kubikmeter Bauholz laut May zeitweise von 380 um das zweieinhalbfache auf fast 1000 Euro pro Kubikmeter angestiegen ist – mit den entsprechenden Folgen für die Bauherren. Nicht nur, dass auch ihre Kalkulation hinfällig wurde. Baustellen lagen teilweise sogar über Wochen still, da schlichtweg kein Holz da war.

Einen Stillstand kann sich eine Sargfabrik jedoch nicht leisten. Särge müssten binnen weniger Stunden oder Tage ausgeliefert werden, so Thomas May. Umso wichtiger sei es, dass man vieles auf Lager habe. Und das habe dabei geholfen, einigermaßen gut durch die Krise zu kommen.

Dennoch: Sorgen hatten auch die beiden, eines Tages nicht mehr genug Holz für die Sargproduktion beziehungsweise angelieferte fertige Särge für Kremationen auf Lager zu haben. Thomas May kann sich noch gut daran erinnern, wie ein Mitarbeiter verschiedene Sägewerke abtelefoniert hat, um Holz zu bekommen. Selbst die Werke, mit denen man seit Jahren zusammenarbeite, hätten oft nur eingeschränkt liefern können. „Und bei neuen hatten wir keine Chance.“

Und das alles auch noch in Corona-Zeiten. Da die Sargfabrik aufgrund der besonderen Umstände jederzeit liefern muss, wurde dort zeitweise in zwei voneinander getrennten Schichten gearbeitet, damit bei einem Corona-Ausbruch wenigstens in der anderen Schicht weitergearbeitet werden kann. Die Pandemie ist daher auch ein Grund, dass die Firma ihre Lagerkapazitäten an der Wilhelm-Lange-Straße erweitert hat. 2020 wurde eine zusätzliche Lagerhalle mit einer Kapazität von 2000 Särgen errichtet. Und nicht nur das: Kürzlich wurde mit einem weiteren Neubau begonnen, wodurch die Lagerkapazitäten auf mehr als 7000 Särge ansteigen wird. Die zweíte Krise hat Toni und Thomas May gezeigt, dass sie mit der Entscheidung, den Betrieb zu vergrößern, genau richtig lagen und dann auch für die nächste große Holzkrise gewappnet sein dürften.

Auf der Suche sind die beiden übrigens noch nach Fachkräften wie Schreiner. Auch die zu bekommen sei nicht einfach.

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