Legendärer Betrieb am Westberger Weg

Nach 60 Jahren: Aus für Reifen Trabant im Hammer Norden

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Irgendwann ist Schluss: Rudi Trabant schließt die Reifenwerkstatt seines Vaters nach 60 Jahren.

Eine Hammer Legende weniger: Rudi Trabant schließt seine Reifenwerkstatt am Westberger Weg. Die Gründe dafür lesen Sie im Artikel.

Hamm-Norden – Wenn er von seiner Arbeit als Vulkaniseur-Lehrling kam, ging Rudi Trabant noch in die väterliche Werkstatt und arbeitete weiter. Mit einer Spikes-Pistole schoss er die spitzen Metallteilchen in die Reifen. Für jeden Reifen zahlte ihm sein Vater 50 Pfennige. Auf diese Weise erarbeitete er sich sein erstes Mofa. Das ist rund 50 Jahre her. Später übernahm Rudi Trabant den väterlichen Betrieb – den er jetzt nach insgesamt genau 60 Jahren schließt. Eine Legende im Hammer Norden weniger.

Wie legendär Reifen Trabant am Westberger Weg ist, lässt sich an einer einfachen Zahl ablesen. Der kleine Betrieb lagerte Reifensätze für weit über 500 Kunden ein – alles Stammkunden. Rund 120 Kunden haben ihr Reifen angesichts der Schließung bereits abgeholt, weit mehr als 400 Kunden müssen das in den kommenden Wochen noch tun.

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Irgendwann muss mal Schluss sein

Wobei Rudi Trabant den Ball flach hält. Langsam, langsam, sagt er und erläutert: „Ich wohne ja direkt neben dem Gelände, ich bin also nicht weg.“ Wann genau er das Werkstatttor endgültig abschließt, kann er noch nicht sagen, aber klar ist: Jetzt muss irgendwann mal langsam Schluss sein. Trabant ist 65 Jahre alt und schleppt seit fünf Jahrzehnten Reifen durch zugige Werkstätten. Der von seinem Vater gegründete Betrieb ist sogar 60 Jahre alt.

Auch die Arbeit wandelte sich

In seinen Hochzeiten ernährte der Betrieb vier bis fünf Menschen und ihre Familien – die Trabants eingeschlossen. Und in den Wochen der Hochkonjunktur im Frühjahr und Herbst, wenn die Reifen gewechselt wurden, kamen noch Freunde und Bekannte hinzu, die stundenweise einsprangen. Aber das blieb nicht so.

60 Jahre Reifen Trabant: Rudi Trabant hat alte Fotos herausgesucht, die einen Blick auf die Geschichte des Unternehmens öffnen.

2008 starb Vater Adolf Trabant, in den vergangenen Jahren wurde das Unternehmen hauptsächlich von Rudi Trabant, seiner Frau Manuela im Büro und seinem Schwager Frank Iber in der Werkstatt geführt. Und auch die Arbeit wandelte sich.

Neue Technik und größere Reifen

Zum Beispiel das Luftdruckkontrollsystem (RDKS): „Darum hat sich mein Schwager gekümmert, dann musste ich mich nicht da reinarbeiten“, sagt Rudi Trabant. Mühe bereitete es ihm in den letzten Jahren auch, dass die Räder der Fahrzeuge immer größer werden und damit auch die Reifen: „In den Sechzigerjahren waren die Räder 14 Zoll groß, heute sind 22 Zoll schon fast normal.“

Trabant hat versucht, einen Nachfolger zu finden. Vergeblich. Jetzt lässt er langsam seinen Betrieb auslaufen und bittet seine Kunden, ihre Reifensätze abzuholen. Seine Gedanken wandern zuweilen ein halbes Jahrhundert zurück zu seinen Anfängen. Was sein erstes Mofa gekostet hat, weiß er noch auf die Mark genau: Die blaue Puch kostete 629 Mark. Dafür hat er genau 1258 Reifen „gespiket“.

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