Darum kommt es so oft zur Sectio

Hohe Kaiserschnitt-Rate in Hamm - Risiko für Mutter und Kind

Tausende Schwangere in Deutschland bekommen ihr Baby heute per Kaiserschnitt. Nicht immer liegt dafür ein triftiger Grund vor. Eine neue Leitlinie soll daran etwas ändern. Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa-Zentralbild/dpa
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Tausende Schwangere in Deutschland bekommen ihr Baby per Kaiserschnitt.

Fachleute gehen davon aus, dass ein Kaiserschnitt bei höchstens 15 Prozent der Geburten notwendig ist. In Hamm liegt die Rate seit Jahren deutlich höher – dabei birgt die Sectio Gefahren für Mutter und Kind.

Hamm – Kaiserschnitt oder natürliche Geburt? Wer schwanger ist, setzt sich früher oder später mit dieser Frage auseinander. Zahlreiche Fachleute raten, eine natürliche Geburt sei besser für Mutter und Kind – zumindest, wenn keine Risiken bekannt sind. „Ich habe immer wieder Frauen hier, denen man ein schlechtes Gewissen gemacht hat, wenn sie einen Kaiserschnitt wollten“, sagt Jutta Boom-Bietmann, Oberärztin in der Geburtshilfe der Barbaraklinik in Hamm. Eigentlich absurd. Denn viele Frauen planen zwar eine natürliche Geburt – doch oft kommt es anders.

Die Kaiserschnittrate in Hamm ist hoch. Sie liegt bei 34 Prozent und damit über dem Landesschnitt von 30,3 Prozent und doppelt so hoch wie das, was Experten für medizinisch unumgänglich halten. Warum ist das so?

Kaiserschnitt oder natürliche Geburt? Oft kommt es zur Sectio

Knapp 2200 Kinder haben 2020 in einer Hammer Klinik das Licht der Welt erblickt. Geboren wurden sie entweder im Evangelischen Krankenhaus an der Werler Straße oder in der St.-Barbara-Klinik in Heessen – alle anderen Hammer Krankenhäuser haben keine Geburtsstationen. Es kamen zuletzt weniger Kinder zur Welt als in den Vorjahren.

„Etwa 40 Prozent der Kaiserschnitte bei uns sind geplant“, sagt Boom-Bietmann. Sie arbeitet seit mehr als 25 Jahren in der Geburtshilfe. So entschieden sich Mütter den medizinischen Leitlinienempfehlungen entsprechend für den Schnitt, wenn Kinder sehr schwer sind, die Plazenta den Muttermund blockiert oder andere medizinische Gründe vorliegen.

Kaiserschnitt: Ein Grund ist das Sicherheitsbedürfnis der Eltern

Auch das Sicherheitsbedürfnis spielt eine Rolle. Ein Beispiel dafür ist die Beckenendlage, das Kind liegt mit dem Po voran im Bauch. „Kinder in Beckenendlage können natürlich geboren werden, es ist aber gefährlicher für das Kind, wenn statt des Kopfes zuerst der Po geboren wird“, sagt Boom-Bietmann. Dann kämen Po, Beine und Bauch zuerst. Käme es bei der Geburt des Kopfes zu Verzögerungen, könne das Kind – mit seinem Kopf ja noch im Bauch der Mutter – noch nicht atmen. Es bliebe sehr wenig Zeit, das Problem zu lösen. „Wir können dann keine Sectio mehr machen“, sagt die Ärztin. Viele Eltern entschieden sich in einem solchen Fall nach einer Aufklärung für eine Sectio.

Die übrigen 60 Prozent der Kaiserschnitte ergäben sich aus dem Geburtsverlauf: Sinkt etwa die Herzrate des Babys oder dreht es sich nicht richtig ins Becken, wird es geholt. „In seltenen Fällen ist es auch die Mutter, die nach stundenlangen Wehen sagt, dass sie nicht mehr kann“, sagt die Ärztin.

Nur mit gutem Grund: Kaiserschnitt birgt Risiken für Mutter und Kind

An sich ist es ein Segen, dass es den Kaiserschnitt gibt, rettet er doch bei Komplikationen Leben. Doch ohne guten Grund sollte man von der Sectio absehen: So erinnern Fachleute daran, dass der Schnitt eine Bauchoperation ist und als solche Risiken für die Mutter birgt. Die Stiftung Kindergesundheit warnt zudem, dass per Kaiserschnitt entbundene Kinder ein höheres Risiko haben, Allergien, Asthma, Diabetes und Übergewicht zu entwickeln.

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe hat im Juni eine neue Leitlinie veröffentlicht. Sie soll über Kaiserschnitte informieren, wohl auch dazu beitragen, die Rate zu senken. Medizinisch nötig sei der Schnitt bei höchstens 15 Prozent der Geburten, die WHO gibt hier sogar nur zehn Prozent an.

Kaiserschnitt-Raten sind überall in NRW höher, als Fachleute empfehlen

Solche Raten werden nirgendwo in Nordrhein-Westfalen erreicht, wie jüngst veröffentlichte Zahlen des statistischen Landesamtes IT NRW für das Jahr 2019 zeigen. Die niedrigste Rate gab es im Regierungsbezirk Münster mit 27 Prozent, die höchste der Regierungsbezirk Arnsberg mit 33,5 Prozent. Im EVK wurden 2019 und 2020 jeweils einmal 35 und einmal 34 Prozent der Kinder per Kaiserschnitt geholt, 2019 waren es in der Barbaraklinik 31 Prozent und 2020 waren 33 Prozent.

Einige Fachleute gehen davon aus, dass neben dem Sicherheitsbedürfnis die Personalsituation in Kliniken eine Rolle spielt. „Die Kollegen haben nicht unrecht“, sagt die Ärztin Boom-Bietmann. „Es wäre wünschenswert, wenn ausnahmslos eine Eins-zu-Eins-Betreuung durch eine Hebamme möglich wäre.“ Die Hebamme könnte die Frau etwa animieren, sich mehr zu bewegen und so beispielsweise einen Stillstand bei der Geburt auflösen. Oder sie könnte helfen, Wehen besser zu veratmen, durchzuhalten. „Eine Geburt ist körperlich und mental eine absolute Extremsituation.“ Frauen entwickelten ungeahnte Kräfte – und bräuchten trotzdem manchmal mitunter Unterstützung.

Kaiserschnitt: Mehr Personal könnte Situation verbessern

In etwa 80 bis 90 Prozent der Geburten gebe es in der Barbara-Klinik eine Eins-zu-Eins-Betreuung. „Das ist in anderen Kliniken genauso“, sagt sie. „Für alles andere ist die Geburtshilfe einfach zu schlecht bezahlt.“ Und daran hat sich auch mit der neuen Leitlinie nichts geändert.

Jede sechste bis siebte Geburt in der Barbaraklinik wird von einer Beleghebamme begleitet, die die Schwangere vorab engagiert – das kostet einige Hundert Euro. Doch die Versicherungsbeiträge für Beleghebammen seien immer höher. Deshalb gebe es immer weniger Hebammen, die diese Arbeit machten.

„Die Geburtshilfe ist eigentlich etwas rundum Schönes“, sagt Boom-Bietmann. „Man darf dabei sein, wenn Kinder auf die Welt kommen.“ Sie wünscht sich eine bessere Ausstattung für die Kliniken – damit jede Frau die Betreuung bekommt, die sie unter der Geburt braucht.

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