Transsexualität in Hamm

Riccarda aus Hamm wird zu Ray: Der lange Weg zum richtigen Körper

Vor acht Jahren beim Karneval kennengelernt: Im Alltag muss sich Ray F. schon lange nicht mehr verstellen und, im übertragenen Sinne, eine Maske aufsetzen. Dafür sorgt seine Partnerin Ramona
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Vor acht Jahren beim Karneval kennengelernt: Im Alltag muss sich Ray F. schon lange nicht mehr verstellen und, im übertragenen Sinne, eine Maske aufsetzen. Dafür sorgt seine Partnerin Ramona.

Ray F. ist 31 Jahre alt, arbeitet als Kraftfahrer und ist insgesamt ein selbstbewusster, sportlicher Typ. Wer ihn kennenlernt, kann kaum glauben, welch ein harter Weg hinter und auch noch vor ihm liegt.

Herringen – Alles begann quasi mit seiner Geburt, denn Ray kam als Riccarda zur Welt. Gegen dem Willen der Mutter hatte Riccarda schon immer eigene Vorstellungen, was ihr Aussehen betraf: „Ich wollte keine Kleidchen anziehen und am liebsten hätte ich so lange Friseur gespielt, bis auch die langen Haare ab gewesen wären“.

Besonders schlimm wurde es für Ray während der Pubertät: „Zuhause musste ich immer das Mädchen sein, ob ich wollte oder nicht“, erinnert sich der Mann zurück. Kaum aus dem Haus, hätten aber immer Freunde mit weiten „Jungensachen“ gewartet.

In der Schule ein Einzelgänger

In der Schule ein Einzelgänger, war er im Freundeskreis meist von erheblich älteren Freunden umgeben. Mit seinem, vorsichtig gesagt, äußerst problematischen Elternhaus mit Stiefvätern und vielen Geschwistern, war die Jugendzeit „eine echte Hölle“. Vereinzelt hatte Riccarda auch Beziehungen mit Jugendlichen, doch das sei eher der Mutter und dem Familienfrieden geschuldet gewesen. „Als ich meinte, ich sei lesbisch, war das ein riesiges Problem zuhause und es wurde mir verboten“, sagt der 31-jährige. Als die Mutter sich einmal trennte, wurde es ganz unerträglich und Ray zog in eine Wohngruppe.

„Da waren aber nur Erwachsene, die selbst Probleme mit Alkohol und Drogen hatten“, sagt Ray. So zog er, trotz aller Probleme, freiwillig zurück zur Mutter. Als sie starb, war Ray gerade 18 Jahre alt. Die Situation war hoch dramatisch, denn die Mutter hatte ihn im Mietvertrag nicht als ihr Kind, sondern als Untermieter eingetragen. Damit war der gerade Volljährige schlagartig obdachlos. „Da hatte ich richtig Glück, denn ich konnte bei der Mutter einer Freundin unterkommen.“ Trotz aller Umstände sagt Ray heute, habe er ab diesem Zeitpunkt aber erstmals so richtig leben dürfen.

Schwere Depressionen

In wechselnden Jobs wurde der Lebensunterhalt bestritten, doch irgendwann wurde das emotionale Päckchen zu groß: Aufgrund schwerer Depressionen erfolgte erst ein Klinik-, dann ein Reha-Aufenthalt. Ein positives Resultat, sagt der junge Mann heute, sei die Bewilligung zur Umschulung gewesen. „Damals lernte ich Berufskraftfahrer und das mache ich heute noch gerne.“

Vor drei Jahren sprach dann ein Bekannter Ray an und fragte ganz direkt, ob er nicht einfach im falschen Körper geboren sei. Da sei es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen und er begann, sich mit dem Thema Transsexualität auseinanderzusetzen. Das war der Auftakt zu einem langen Weg: Zunächst musste Ray sich vom Hausarzt eine Überweisung zu einem auf das Thema spezialisierten Psychologen holen. Nach Monaten bekam er einen Termin und nach vielen intensiven Sitzungen folgte die nächste Überweisung zu einem spezialisierten Urologen. „Die Hormonbehandlungen sind nicht nur teuer, sondern auch äußerst schmerzhaft“, erklärt Ray. Die Knochen wachsen wieder und er erlebe die komplette Pubertät neu. Oft leide er unter Unterleibsproblemen, oder Stimmungsschwankungen.

Im Karneval die große Liebe gefunden

Der große Trost in dieser fordernden Situation ist die Liebe zu seiner Partnerin Ramona J. Sie lernten sich vor acht Jahren im Karneval kennen, wo Ramona als Sängerin auftrat. Sie freundeten sich an, und als sich Ramona vor gut einem Jahr von ihrem Mann trennte, war Ray als Freund für sie da. „Irgendwann merkten wir, dass es mehr als nur Freundschaft ist, was uns verbindet“, sagt Ramona. Inzwischen leben die beiden und Ramonas elfjähriger Sohn zusammen. Dieser kennt Ray schon lange und findet seinen großen Freund ganz toll.

Ramona nimmt die Veränderungen bei Ray bewusst war: „Früher war er schon ganz anders, da haben wir noch Beauty-Abende gemacht oder ,50 Shades of Grey’ geschaut“, sagt sie lachend. „Da müsste mir heute niemand mehr mit kommen“, unterstreicht Ray. Nun wartet auf ihn noch ein weiter Weg, denn bis die letzten geschlechtsangleichenden Operationen durchgeführt werden, kann es noch einige Jahre dauern. Das will das Paar gemeinsam durchstehen, denn sie liebten sich als Mensch und hielten sich gegenseitig, bekräftigen beide.

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