Dr. Jeßberger freut sich auf neuen Standort - aber:

Kinderarzt fühlt sich von der Stadt im Stich gelassen

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Beim Kinderarzt Dr. Johannes Jeßberger wird gepackt. Für zwei Wochen schließt er, hier (von links) mit seinen Helferinnen Katrin Schmiegel, Sabrina Yazbeck-Leps und Heike Kiefer, die Praxis. Er verlässt Westtünnen und ist ab dem 1. April an der Soester Straße in Ostwennemar ansässig.

Westtünnen – Kinderarzt Dr. Johannes Jeßberger packt in Westtünnen die Koffer und zieht mit seinem Team in neue Praxisräume in Braam-Ostwennemar. Für seine Patienten ist er so weiterhin gut erreichbar, dennoch wäre er sehr gerne im Stadtbezirk Rhynern geblieben. Das scheiterte unter anderem an Vorgaben der Stadt Hamm.

Nach 27,5 Jahren hat Dr. Johannes Jeßberger vor wenigen Tagen seine letzte Sprechstunde in Westtünnen abgehalten. Seine Praxis wird an die Soester Straße in Braam-Ostwennemar ziehen. Zwei Wochen benötigt er für den Umzug. Am Montag, 1. April, sei er erstmals für seine Patienten am neuen Standort da.

Auf die neue, größere Praxisfläche freue er sich sehr wohl, aber auf das Packen der Umzugskartons hätte er gerne verzichtet. Denn eigentlich hatte er nicht vor, seinen Standort im Kreuzungsbereich Von-Thünen-Straße/Südfeldweg zu verlassen.

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Auslöser war die Kündigung durch den Vermieter. „Er möchte in der Immobilie lieber Wohnraum anbieten“, erklärt Jeßberger. Eigentlich hatte der Kinderarzt sogar vor, in den Westtünner Räumen bauliche Veränderungen vorzunehmen. Das hatte sich mit der Kündigung im Mai 2018 erledigt.

Vor 13 Jahren war Jeßberger von der Dambergstraße in Westtünnen in das Gebäude der ehemaligen Gaststätte Helm gezogen.

Es begann die Suche nach einem neuen Standort. „Ich wollte eigentlich gerne im Stadtbezirk Rhynern bleiben“, so Jeßberger. Die Suche sei aber nicht einfach gewesen. Rund 200 Quadratmeter sollten es schon sein.

Letztlich wurde er tatsächlich im sogenannten Dreiländereck von Berge, Rhynern und Westtünnen fündig – und zwar im Obergeschoss des geplanten Neubaus der Sparkasse, mit der sich Jeßberger bereits einig war. „Der perfekte Standort. Sehr zentral im Stadtbezirk mit guter Busanbindung“, findet der Mediziner noch heute.

Aber das sah die Stadt Hamm anders. Sie erteilte den Plänen eine Absage und berief sich auf das dort geltende Baurecht. Und daran wollte die Verwaltung auch festhalten, da „wir Wert darauf gelegt haben, dass Arztpraxen in den Ortskernen bleiben“, erklärt ein Stadtsprecher. Praxen sollen fußläufig erreichbar bleiben und nicht zu Autostandorten werden, so der Sprecher. Das habe gegen das Dreiländereck gesprochen.

95 Prozent kommen mit dem Auto

Kurios: Im Gebäude des Rewe-Supermarktes oder im benachbarten Malerbetrieb hätte Jeßberger eine Genehmigung bekommen. „Das ist natürlich unlogisch“, so der Kinderarzt. Aber diese beiden Alternativstandorte seien für ihn aus räumlichen Gründen ohnehin nicht infrage gekommen.

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Und das von der Stadt Hamm vorgetragene Argument der fußläufigen Erreichbarkeit einer Kinderarztpraxis zieht bei Jeßberger ohnehin gar nicht: „95 Prozent meiner Patienten kommen mit dem Auto zur Sprechstunde, 2 Prozent mit dem Bus, lediglich 3 Prozent mit dem Fahrrad oder zu Fuß.“

Ortsmitte "zu weit vom Schuss"

Als Alternative schlug die Stadt die beiden jetzigen Sparkassen-Filialen in Westtünnen und Rhynern vor. Rhynerns Ortsmitte war Jeßberger etwas zu „weit vom Schuss“, Westtünnen wäre von der Lage okay gewesen. Aber zusätzlich zu den aufwendigen und teuren Umbaumaßnahmen habe der Zeitfaktor gegen das alte Sparkassen-Gebäude gesprochen.

Immerhin hätte Jeßberger erst nach der Fertigstellung des Sparkassen-Neubaus mit dem Umbau starten können. Soviel Zeit verblieb ihm beim Blick auf die Nachnutzung seiner jetzigen Praxisräume nicht.

Weitere Vorschläge kamen nicht

„Insgesamt hätte sich der Mediziner eine bessere Unterstützung von der Verwaltung gewünscht. Denn weitere Vorschläge seien nicht gekommen. Dabei hatte er darauf gehofft, dass die Verwaltung ein Interesse daran hätte, Bereiche wie das Dreiländereck zu stärken.

Seine Praxis hätte dort sicherlich dazu beigetragen. Er selbst hatte noch den Bereich des Kley-Gartencenters ins Auge gefasst. Doch auch das scheiterte vor allem aus baurechtlichen Gründen.

Vorfreude auf den Neustart

Nun richte er aber den Blick nach vorne. Er freue sich auf den Start in Braam-Ostwennemar, wo er die Praxis attraktiv für jüngere Kollegen ausstatten und aufstellen möchte – alles mit Blick auf eine von ihm gewünschte Übergabe der Praxis nach seiner aktiven Zeit. Denn die gesicherte Versorgung seiner Patienten sei ihm wichtig.

Nur noch eine Praxis im Stadtbezirk

Im Stadtbezirk Rhynern gibt es jetzt nur noch eine Kinderarzt-Praxis – die von Dr. Gabriele Niehaus an der Dambergstraße in Westtünnen.

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