Postbotin verhinderte Schlimmeres

Feuerdrama in Freiske: Familie weint um kleines Paradies

+
Nur noch eine Ruine blieb nach dem Brand des Bauernhauses in Freiske übrig. Die Familie ist mittlerweile anderswo untergekommen. Sie kritisiert die Feuerwehr.

Freiske - Ihr Urlaubsdomizil hatten die Johannpeters stets zu Hause in Freiske. Wenn die Familienmitglieder jetzt vor dem Grundstück stehen, treibt es ihnen die Tränen in die Augen.

In liebevoller Kleinstarbeit hatte die Familie  den alten Bauernhof am Westerburgweg, einem kleinen Wirtschaftsweg nahe der Unnaer Straße zwischen Rhynern und Bönen, restauriert. Das Grundstück glich einer Wohlfühl-Oase mit Blütenmeer und verschiedenen Aufenthaltsmöglichkeiten.

Jetzt steht die Familie vor einer Brandruine. Das Feuer von Samstag hat ihnen ihr kleines Paradies auf rund 1500 Quadratmetern geraubt. Dort wohnen können die Johannpeters nicht mehr. Sie sind in Berge in einem leerstehenden Bauernhaus vorübergehend untergekommen. Nachbarschaftshilfe, für die sie sehr dankbar sind.

Enttäuscht sind sie dagegen, dass die Feuerwehr es nicht schaffte, ihr Anwesen zu retten. Die Enttäuschung reicht hin bis zu Vorwürfen.

So dramatisch lief der Samstag ab:

Es war ein schöner Samstag im Sommer. Die Familie hatte es sich im Garten zu einem gemütlichen Kaffeetrinken bequem gemacht. Wie eigentlich immer kam die Postbotin etwas spät. „Hier im Außenbereich bekommen wir unsere Post immer erst nach Mittag. Das ärgert uns oft. Diesmal war es unser Glück“, erzählt Gisela Johannpeter. Denn die Briefträgerin hatte sofort den Rauch erkannt, der hinter dem Tennentor hervorquoll. Sie alarmierte die Feuerwehr und auch die Familie, die vom Garten aus keine Sicht auf die Frontseite des Hauses hatte. „Wer weiß, wann wir das Feuer ohne die Postbotin bemerkt hätten“, sagt Johannpeter.

Wohnhausbrand am Westburger Weg in Hamm Freiske

Die Wartezeit auf die Feuerwehr verbrachte die Familie natürlich nicht tatenlos. Per Wasserschlauch versuchte die erwachsene Tochter den Bereich zu erreichen, von dem offensichtlich der Rauch aufstieg. In der Schocksituation kam den Johannpeters die Wartezeit auf die Einsatzkräfte ewig vor. Laut Protokoll der Feuerwehr hatte das erste Fahrzeug der Freiwilligen aus Rhynern den Einsatzort neun Minuten nach der Alarmierung erreicht.

Verschenkte Feuerwehr kostbare Zeit?

Für die ersten Brandschützer begann zunächst der primäre Auftrag: Retten von Menschenleben. Sind noch Menschen im Gebäude? Anschließend verschafften sie sich einen Überblick über die Lage. Wo könnte der Brandherd sein? Wo sind die Zugänge ins Haus? Abläufe, die in vielen Übungen geprobt werden.

Für Familie Johannpeter aus heutiger Sicht verschenkte Zeit: „Wir sind der Meinung, dass die Löscharbeiten viel zu spät begonnen haben“, beklagt die Mutter. Ähnlich sei der Eindruck, den die Nachbarn gewonnen hätten. „Unser Haus wäre unserer Meinung nach zu retten gewesen“, lautet ein Vorwurf der Familie. Ein Fehlverhalten der zuerst eintreffenden Einsatzkräfte lässt sich nach WA-Recherchen aber nicht feststellen. Die Brandschützer haben das Hauptaugenmerk nach schneller Einschätzung der Situation zuerst auf den Personenschutz gelegt.

Fehlendes Wasser – so ein Vorwurf der Familie Johannpeter – war wohl nicht das Problem. Laut WA-Informationen waren aus Rhynern und Berge mit den ersten Fahrzeugen rund 7000 Liter in Wassertanks vor Ort. Damit konnte die Zeit überbrückt werden, bis der Anschluss an den nächsten Hydranten hergestellt war. Das war in Freiske tatsächlich aufwendig; rund 800 Meter mussten überbrückt werden. Das erkläre auch den hohen personellen Aufwand von 80 Wehrkräften, wie Feuerwehr-Chef Ludger Schmidt erklärte. Außerdem hätten Brandschützer ein Übergreifen auf die Felder und Wälder der Umgebung verhindern müssen.

Wertvolle Erinnerungen verloren

„Was bringen mir 80 Feuerwehrmänner, wenn 40 gar nichts zu tun haben“, empfindet Johannpeter und lenkt gleich ein. „Den Freiwilligen will ich gar keinen Vorwurf machen. Aber es hätten mehr von der Hauptwache da sein müssen. Bei der Wetterlage muss doch stets mit Waldbränden oder ähnlichem gerechnet werden.“

Mit der zunehmenden Ausbreitung des Feuer auf das gesamte Gebäude wuchs die Aufregung der Johannpeters. Danach habe die erste Rauchentwicklung nun wirklich nicht ausgesehen. „Wir waren natürlich unter Schock“, räumt Gisela Johannpeter ein. Dennoch sei die Familie so geistesgegenwärtig gewesen, dass sie stets um ihr Anwesen kämpfen wollte.

Einreißen des Haupthauses verhindert

So habe sie eingegriffen, als die Feuerwehr das Haupthaus einreißen wollte, um an ein Glutnest zu gelangen. „Erst auf unseren Vorschlag hin ist der Bagger, der übrigens zunächst nicht ansprang, von hinten an das Gebäude herangefahren“, schildert sie. „Ansonsten wäre bereits jetzt alles platt – so wurde lediglich der Anbau abgerissen.“

An Schlafen war in der Nacht natürlich nicht zu denken. Auch nicht für die Wehrkräfte. Erst um kurz vor 5 Uhr morgens verließen sie den Einsatzort, Polizisten seien vor Ort geblieben. Zum Schutz vor Plünderern, aber auch zur Brandwache, berichten die Johannpeters. „Richtig aufgepasst haben die aber auch nicht“, kritisiert das Brandopfer. „Als wir morgens gegen 8 Uhr das Haus in Augenschein nahmen, erkannten wir ein Feuer auf dem Balkon. Erst durch uns wurden die Beamten darauf aufmerksam gemacht, und sie alarmierten erneut die Feuerwehr. Hätten wir länger gewartet, wäre das Haus wohl endgültig niedergebrannt.“

Wenigstens gut versichert

Aber auch so steht dort nur noch eine Brandruine. Die Arbeit von 28 Jahren – Anfang der 1990er-Jahre hatte die Familie das heruntergekommene, mittlerweile 133 Jahre alte Haus erworben – ist verloren. Dazu sind wertvolle Erinnerungen in den Flammen oder vom Löschwasser vernichtet worden. „Wir sind wenigstens gut versichert“, tröstet sich die Eigentümerin. Geht es nach der Tochter, soll an Ort und stelle wieder ein Haus gebaut werden. Am liebsten ein Wiederaufbau. Doch das müssen zunächst Gutachter klären. Bis dahin bleibt noch viel Arbeit und Frust darüber, dass die Feuerwehr ihrer Meinung nach nicht alles unternommen hat. Immerhin gebe es die Nachbarn. „Diese Unterstützung war einfach nur toll“, sagt Gisela Johannpeter – mit Tränen in den Augen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.