EU entscheidet

Bald weniger Möglichkeiten? Hammer Tierärzte wegen Antibiotika-Verbot in Sorge

Ängstlicher Blick? Der Besuch beim Tierarzt könnte bald weniger vielversprechend ausfallen, als Tier und Mensch lieb ist.
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Ängstlicher Blick? Der Besuch beim Tierarzt könnte bald weniger vielversprechend ausfallen, als Tier und Mensch lieb ist.

Ob Hund, Katze oder Nager: Sollte das geliebte Familienmitglied erkranken, geht’s mit Herrchen oder Frauchen zum Tierarzt, damit es dem Vierbeiner schnell wieder besser geht. Doch Hammer Tierärzte fürchten, dass sie ihren Patienten bald nicht mehr wie gewohnt helfen können: Denn 2022 könnte eine EU-Tierarzneimittelverordnung in Kraft treten, die den Gebrauch von sogenannten Reserveantibiotika in der Tiermedizin weitgehend verbieten soll.

Hamm – Vor wenigen Tagen war ein Hund mit einer chronischen Ohrenentzündung in der Tierarztpraxis von Dr. Johannes Kohtes in Behandlung. Die bakteriologische Untersuchung einer Probe und die Erstellung eines Antibiogramms ergab: „Das einzige Mittel, das in diesem Fall wirken würde, wären Reserveantibiotika. Uns würde eine Behandlungsmöglichkeit verloren gehen, wenn sie vom Markt genommen werden“, sagt Kohtes.

Andere Mittel würden dem Hund nicht helfen. Bei den Reserveantibiotika, die vom Anwendungsverbot betroffen wären, handelt es sich um Fluorchinolonen, Cephalosporinen der 3. und 4. Generation, Polymyxinen und Makroliden. Diese werden sowohl in der Human- als auch in der Tiermedizin eingesetzt, wenn andere Mittel nicht mehr greifen. Auch sein Heessener Kollege Dr. Stefan Bröring sieht die Behandlung seiner zwei- und vierbeinigen Patienten gefährdet: „Die Kleintierpraxen stehen vor einer großen Herausforderung, wenn diese Reserveantibiotika nicht mehr für die Behandlung zur Verfügung stehen.“

EU-Parlament entscheidet im September über Gesetz

Über das Gesetz zum Antibiotika-Verbot entscheidet das Europäische Parlament im September. Eine neue Tierarzneimittelverordnung ist bereits 2019 verabschiedet worden. Bis zum Inkrafttreten des Gesetzes im Januar 2022 müssen EU-Kommission, Mitgliedsstaaten und EU-Parlament in einem sogenannten Nachfolgerechtsakt entscheiden, welche Antibiotika künftig nur dem Menschen vorbehalten sein sollen.

Das neue Gesetz soll helfen, die Bildung von Resistenzen gegen Reserveantibiotika zu verhindern. Ein Problem ist die massenhafte Anwendung in der Fleischproduktion. Damit die Tiere bis zu ihrer Schlachtung gesund bleiben, bekommen sie Antibiotika, die eigentlich für den Menschen entwickelt wurden.

Durch den Einsatz von Antibiotika entstehen unter den Bakterienstämmen Resistenzen, das jeweilige Antibiotikum wirkt nicht mehr. Das von der EU geplante, weitreichende Antibiotika-Verbot soll diese Entwicklung stoppen. Doch nicht nur Masttiere wären vom Verbot betroffen, sondern auch Haustiere. Selbst bei schwerwiegenden Infektionen soll es laut Auffassung von EU-Kommission und Europäischem Tierarztverbandes (FVE) auch für Einzeltiere keine Ausnahmen geben.

Reserveantibiotika: Bereits strikte Auflagen und Kontrollen

Dabei unterliegt die Anwendung von Reserveantibiotika bereits strikten Auflagen und wird streng kontrolliert. „Einfach zum Schrank gehen und sich wahllos ein Reserveantibiotikum herauszupicken, ist heute gar nicht möglich. Auch ein massenhafter Einsatz ist nicht erlaubt“, so Kothes. So müssten Tierärzte sich an die geltende Apothekerverordnung oder Antibiotikaleitlinien halten. Wenn ein Hinweis auf eine mögliche bakterielle Infektion vorliegt, muss erst geprüft werden, ob das Mittel auch für die Behandlung der Erkrankung zugelassen ist. Ist das Antibiotikum nicht zugelassen, ist eine bakteriologische Untersuchung, also ein Antibiogramm, unter strengen Auflagen durchzuführen. Tierärzte sind also ohnehin beim Einsatz von Antibiotika sehr beschränkt.

Einsatz für das Tierwohl: Johannes Kohtes steht dem geplanten Antibiotika-Verbot kritisch gegenüber.

Wenn die neue Tierarzneimittel-Verordnung beschlossen wird, befürchtet die Tierärzteschaft einen Therapienotstand bei bestimmten Tierarten, vor allem bei Nagetieren wie Kaninchen, Meerschweinchen und co.. „Uns wird dann in den Einzelfällen schon etwas fehlen“, so Kothes. Deshalb hat der Bundesverband praktizierender Tierärzte, dem auch Kothes zugehörig ist, eine Kampagne, gestartet, um bei Tierhaltern bis zum 8. September 2021 Unterschriften gegen das weitreichende Antibiotikaverbot zu sammeln. Parallel dazu gibt es auch eine Online-Petition. Bislang haben sich knapp 225.000 Menschen daran beteiligt.

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