Holland hilft Hamm in Herringen

Rekordverdächtige Baum-Rettung - Premiere besonders beobachtet

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Die Baumrettung: Gert Veldhuisen (oben links) arbeitet mit der Lanze das Substrat in den Boden. Weitere Bilder unten in einer Galerie.

Im „Isenbecker Hof“ hat Mitte des Monats eine der größten Baumsanierungsmaßnahmen begonnen, die es je in Hamm gegeben hat.

Herringen – Dank eines Verfahrens aus den Niederlanden, das erstmalig in der Lippestadt zum Einsatz kommt, sollen knapp 100 Bäume gerettet werden – Bäume, die sonst der Kettensäge zum Opfer gefallen wären. Da die Methode künftig auch an anderen Stellen in Hamm zum Einsatz kommen könnte, informierten sich Mitarbeiter der Stadt vor Ort bei den beteiligten Firmen über das Projekt. Der WA war dabei und beantwortet die wichtigsten Fragen:

Um welchen Bereich geht es genau?

Die Bäume befinden sich in den verkehrsberuhigten Bereichen der Siedlung. Ein Großteil wurde Mitte der 1980er-Jahre gepflanzt, einige wenige sind auch schon älter. Der erste Bauabschnitt umfasst den Holzkampweg sowie die angrenzenden Bereiche der Seelhofstraße und der Ludwig-Isenbeck-Straße.

Wo genau liegt das Problem?

Nach Angaben der Stadt sind die Bäume – vor allem Linden, Platanen und Baumhasel – zwar noch vital. Allerdings wurden sie relativ oberflächennah gepflanzt. Zudem sind mit zwei bis vier Quadratmetern die Baumbeete sehr klein, sodass die Bäume kaum Platz haben sich zu entfalten. Markus Moch vom Tiefbau- und Grünflächenamt nimmt seine damaligen Kollegen jedoch in Schutz: Sie hätten nach den damaligen Erkenntnissen und nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.

Die Folgen der Vorgehensweise aus den 80ern sind mittlerweile deutlich zu sehen: Nicht nur, dass die Bäume langsam an Vitalität verlieren. Ein Großteil ihrer Wurzeln ist nach oben statt nach unten gewachsen – und haben Pflaster und Einfassungen mit angehoben. Und das wiederum gefährdet die Verkehrssicherheit.

Baumsanierung Isenbecker Hof

Warum werden die Bäume nicht ersetzt?

Die Ankündigung, dass das passieren soll, hatte zu einem großen Aufschrei in der Öffentlichkeit geführt. Zudem hätte ein flächendeckender Kahlschlag das Siedlungsbild über Jahre massiv verändert.

Wer ist alles an den Arbeiten beteiligt?

Geplant wurden sie vom Büro Kettler und Blankenagel. Für die Erneuerung der Baumbeete ist die Firma Rottmann zuständig, für die Behandlung der Bäume die Firma TFI, die ihren Deutschlandsitz in Bremen hat.

Was genau passiert in der Siedlung?

Zunächst müssen die kaputten Baumbeete und Pflaster aufgenommen werden. Im Anschluss werden, wie Norbert Müller von der Firma TFI erklärt, mithilfe von Luftdrucklanzen Risse, Spalten und Poren in den verdichteten Erdschichten geschaffen, so genannte Wurzelkanäle. Sie sind bis zu 1,20 Meter tief. Am Holzkampweg werden pro Standort 15 bis 20 Löcher gesetzt. In sie wird ein Substrat, bestehend aus Wurmhumus, Lavagestein und Pflanzenkohle, injiziert – pro Standort 200 Liter. Bei größeren Bäumen seien es auch, so Müller mit Blick auf einen nahe gelegenen Baum an der Seelhofstraße, mehr. „Hier werden es sicher 350 Liter sein.“ Die Wirkung halte bis zu sieben Jahre an.

Nach der Behandlung werden die neuen Baumbeete angelegt. „Sie werden etwa zweieinhalbmal so groß wie die bisherigen“, erklärt Stefan Blankenagel.

Was bewirkt die Injektion?

Man wolle, wie Müller sagt, das Wurzelwachstum stimulieren und erreichen, dass die Wurzeln tiefer in den Boden gelangen und dass das Regenwasser optimal versickert. Dadurch verbessere sich die Vitalität der Bäume, auch ihre Standhaftigkeit nehme zu. Und: Gehwege und Straßen müssten nicht ständig erneuert werden. Die Methode habe sich in den vergangenen 30 Jahren bewährt.

Können alle Bäume gerettet werden?

Nein. Im ersten Bauabschnitt befinden sich 18 Baumbeete. Zwei Bäume müssen weichen – einer, weil er von einem Baum auf einem Privatgrundstück in seiner Entwicklung behindert wird, ein anderer weil er vor einem Verteilerkasten steht. Für ihn wird es aber eine Ersatzpflanzung etwas weiter südlich geben. Wie Markus Moch erklärt, müsse jeder Baumstandort einzeln geprüft werden.

Was sind die Kriterien?

Neben der Vitalität ist vor allem die Lage der Bäume ein Kriterium, beispielsweise ob sie an einer Zufahrt oder einer verkehrsungünstigen Stelle liegen oder ob unter den Bäumen Leitungen verlaufen. Die Verantwortlichen der Stadt würden sich freuen, wenn 90 Prozent der Bäume erhalten werden könnten. Inwieweit die Maßnahme anschlägt, wird sich aber erst in einigen Jahren zeigen. Auch der Klimawandel wird eine Rolle spielen und könnte den Bäumen noch zusetzen.

Wie geht es weiter?

Die Baumsanierung soll 2021 abgeschlossen werden. Aktuell wird der 2. Bauabschnitt ausgeschrieben. Es geht um 64 Bäume in der Ludwig-Isenbeck-Straße, der Seelhofstraße sowie in der südlichen Albert-Funk-Straße. Hier soll es bis zum Sommer losgehen. Der restlichen Bäume sollen 2021 angegangen werden.

Was kostet die Maßnahme?

Für die Behandlung der Bäume, die Erneuerung der Beete sowie gegebenenfalls erforderliche Fällungen beziehungsweise Neuanpflanzungen rechnet die Stadt mit Investitionen in Höhe von 1,2 Millionen Euro.

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