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Keine Chance auf Urlaub in den Sommerferien? Hamm als Corona-Hotspot verschrien

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Von: Cedric Sporkert

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Balkonien als Urlaubsziel: Nachdem Hamm fälschlicherweise als Corona-Hotspot bezeichnet wurde, ist das vielleicht die bessere Option.
Balkonien als Urlaubsziel: Nachdem Hamm fälschlicherweise als Corona-Hotspot bezeichnet wurde, ist das vielleicht die bessere Option. © Andreas Rother

Knapp vor den Sommerferien wird das Reisen für Menschen aus Hamm zum Problem. Nach den Corona-Ausbrüchen bei Tönnies ist die Stadt als Hotspot verschrien - obwohl es nicht stimmt.

Hamm – Dutzende Menschen aus Hamm werden derzeit offenbar von ihren Herbergen und Urlaubsanbietern abgewiesen oder zum Stornieren ihrer Reise gedrängt. Die Gründe: Hamms räumliche Nähe zu den beiden Lockdown-Kreisen Gütersloh und Warendorf und die gestiegenen Corona-Fallzahlen der zurückliegenden Tage.

In der WA-Redaktion meldeten sich mehrere Bürger, die ihr Leid über Urlaubsabsagen klagten. Vor allem in Ferienorten an den Küsten sind Menschen aus Hamm demnach derzeit keine gern gesehenen Gäste. In Telefonaten und E-Mails werde moralischer und emotionaler Druck erzeugt. 

In Schriftstücken, die dem WA vorliegen, fragen Reiseanbieter zum Beispiel, ob man „guten Gewissens eine Infektion von anderen Urlaubern und deren Gesundheitsgefährdung bis hin zum Tod“ riskieren würde. Teilweise drohen die Anbieter, vom Hausrecht Gebrauch zu machen und die Urlauber aus Hamm vor die Tür zu setzen.

Hotspot-Gerüchte über Hamm: Urlauber bis zur Stornierung verunsichert

„Wir hatten in der Vorwoche spontan gebucht. Nach mehreren Telefonaten waren wir so verunsichert, dass wir wieder storniert haben“, sagt Sandra Müller, die eigentlich anders heißt. Ihren richtigen Namen will sie nicht in der Zeitung lesen. Die Müllers hatten sich auf den Urlaub gefreut. Die Schulabschlussfeier der Tochter sei ja schließlich schon ins Wasser gefallen. Jetzt kommt auch noch der Urlaub dazu. „Ich könnte kotzen“, sagt Müller.

Am Samstag sollte es losgehen, nach Heiligenhafen an der Ostsee. Dort hatte die Familie ein Feriendomizil in einem größeren Park gebucht – wie schon oft in der Vergangenheit. „Wir sind da keine Unbekannten. Trotzdem wollte man uns jetzt nicht mehr sehen. Wir dürfen nicht kommen, weil Hamm ein Corona-Hotspot sei“, sagt Müller.

Dabei ist das falsch. „Hamm ist ganz sicher kein Corona-Hotspot“, sagt Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann. Von einem Lockdown sei man weit entfernt.

Coronavirus in Hamm: Laut OB droht kein Lockdown

Die generelle Maßgabe für ein Herunterfahren: Gibt es binnen einer Woche pro 100.000 Menschen mehr als 50 Neuinfektionen mit dem Coronavirus (auf die Einwohnerzahl Hamms bezogen sind das 90 Personen), müssen betroffene Städte oder Kreise die Notbremse ziehen. 

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts liegt die Fallzahl der letzten sieben Tage pro 100.000 Einwohner derzeit für Hamm bei 26,8 (Stand: Mittwoch, 0 Uhr). Auch wenn dieser Wert durch die Neuinfektionen (siehe unten) leicht ansteigen wird, fallen spätestens am Freitag nach Angaben eines Stadtsprechers zwölf Infektionsfälle aus der Wochenstatistik heraus. Dann läge der Wert wieder unter 20.

Die Betreiber des Ferienparks, in dem Sandra Müller gebucht hatte, berufen sich auf Berichterstattung überörtlicher Medien. Hamm wurde vereinzelt als einer von fünf Corona-Krisenherde in Deutschland bezeichnet, wohl im Zusammenhang mit dem Massenausbruch bei Tönnies. In anderen Orten mussten Menschen aus Hamm ihren schon angetretenen Urlaub nach solchen Meldungen abbrechen.

Urlaub in Corona-Zeiten: Kunden werden vertröstet

Auch in Reisebüros in Hamm ist das Thema mittlerweile aufgeschlagen. „Das ist alles schon heavy“, sagt eine Betreiberin, die ebenfalls anonym bleiben will. „Das geht im Moment durch alle Rechtsabteilungen der Anbieter. Niemand weiß, was dabei herumkommt.“ Sie könne ihre Kunden im Moment nur vertrösten.

Eine Unbedenklichkeitsbescheinigung oder Ähnliches könne die Stadt deshalb zwar nicht ausstellen. Trotzdem ruft Hunsteger-Petermann alle Betroffenen auf, sich per E-Mail (vzob@stadt.hamm.de) im OB-Büro zu melden. Die Mitarbeiter würden ab heute die Urlaubsanbieter kontaktieren und sie „über ihren Irrglauben“ aufklären. „Das hilft sicher nicht in jedem Fall. Aber vielleicht können wir ja vermitteln“, hofft Hunsteger.

Müller hat gestern übrigens spontan in einer anderen Ferienunterkunft in Grömitz – etwa 30 Kilometer von Heiligenhafen entfernt – angefragt. „Da wurde mir gesagt, wir können kurzfristig kommen. Auch am Samstag. Verrückt ist das alles.“

In welcher Aggression Vorurteile aufgrund des Coronavirus-Massenausbruchs bei Tönnies gipfeln zeigt ein Fall aus dem Kreis Warendorf. Dort versuchten Unbekannte Autos von Tönnies-Mitarbeitern anzuzünden.

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