„Nirgends so sicher wie im Reisebus“

Bustouristik-Firmen genervt und erfreut zugleich - Totes Kapital im Schlepptau

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Als die Busse von Ralf (rechts) und Veit Schwertheim noch fahren durften, ging es unter anderem nach Brüssel. Flixbusse sind wieder auf Tour.

Als die Landesregierung eine Corona-Beschränkung nach der anderen lockerte, fieberten auch die Reisebus-Betreiber ihrer Chance entgegen, die Arbeit nach langer Zwangspause wieder aufnehmen zu können. Doch die Politik ließ sich bei ihnen soviel Zeit, dass mancher Unternehmer sich schlicht vergessen fühlte.

Hamm/Werne/Lippetal –  „Als selbst die Tattoostudios wieder öffnen durften und wir nicht, dachte ich, das kann doch nicht wahr sein“, sagt Veit Schwertheim (30) vom gleichnamigen Touristik-Unternehmen. Erst nach den Aktionstagen der großen Branchenverbänden BDO, RDA und GBK* zur Rettung der Busunternehmer in mehreren deutschen Städten in der vergangenen Woche gab es auch für Busreisen grünes Licht.

Bereits vor einer Woche nahm Deutschlands Marktführer Flixbus den Betrieb wieder auf. Passagiere müssen während der gesamten Fahrt einen Mund-Nasen-Schutz tragen und an Haltestellen sowie beim Ein- und Aussteigen den Mindestabstand von 1,50 Meter einhalten. Die Toiletten im Bus bleiben geschlossen, dafür gibt‘s alle zwei Stunden eine Pause zum Austreten und Durchlüften, und die Fahrzeuge sollen nach jeder Tour desinfiziert werden. Ähnliche Sicherheitsmaßnahmen gelten auch für die Bustouristik-Unternehmen.

Vorteile für Reisebus-Gruppen

Busreisen als Tages- und Ausflugsfahrten sowie mehrtägige Busreisen sind wieder erlaubt, seit dem 30. Mai fahren auch die hiesigen Anbieter wieder. Ebenso wie die Reisebusse des Hammer Unternehmens Dargel-Reisen gehen auch die Fahrzeuge von Schwertheim-Touristik aus Lippetal auf Tour. Alle Passagiere könnten beruhigt in den Bus steigen, verspricht Christian Gladasch, Geschäftsführer des Verbands Nordrhein-Westfälischer Omnibusunternehmen (NWO).

Für Reisebus-Gruppen ergäben sich im Hinblick auf Hygiene und Sicherheit sogar große Vorteile gegenüber den Individualgästen. „Die Busgruppen sind gut steuerbar, und sie werden professionell über Hygienemaßnahmen und Verhaltensregeln aufgeklärt. In keinem anderen Verkehrsmittel wird die Beförderung so verantwortungsvoll und sicher sein wie im Reisebus“, betont Gladasch.

Konzept wird sorgfältig umgesetzt

Die Branchenverbände hatten unlängst ein Konzept für die Wiederaufnahme der Bustouristik erarbeitet, das bei Politik und Behörden Zustimmung fand. „Unsere Mitarbeiter setzen dieses Konzept sorgfältig um und erläutern auf Wunsch gerne die Hygiene-Maßnahmen und Verhaltensregeln“, erklärt Geschäftsführer Manuel Dargel.

Bei Vehling-Reisen aus Bergkamen und Werne will man dennoch abwarten: „Wir peilen für den Neuanfang Mitte Juni an“, sagt Unternehmenssprecher und Manager Jürgen Haskamp. Zunächst wolle man sicherstellen, die vorgegebenen Rahmenbedingungen exakt umsetzen zu können. „Die anderen können gerne vorpreschen, ich gehe keinerlei Risiko ein“, so Haskamp.

Trotz der verhaltenen Aufbruchstimmung herrscht bei Ralf Schwertheim noch Ernüchterung vor. Der geschäftsführende Inhaber aus Lippetal fürchtet: „Das wird ein miserables Jahr. Die ganze Flotte stand still, und ich glaube nicht, dass wir sie in diesem Jahr komplett wieder ans Laufen bekommen.“ Erst Anfang 2020 habe Schwertheim Touristik drei neue Reisebusse in Dienst gestellt. „Das ist bis jetzt lediglich totes Kapital“, so der 59-Jährige.

*RDA: Internationaler Bustouristik Verband

BDO: Bundesverbandes Deutscher Omnibusunternehmer

GBK: Gütegemeinschaft Buskomfort

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