Heftiger Streit um Vogelzucht im Wohngebiet

Kot und Gestank: Bei Tauben endet in Hamm der Nachbar-Frieden

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Werner Kersting steht vor seinen Tauben. Noch flattern sie in den Verschlag auf seinem Grundstück.

Hamm - Seit 56 Jahren züchtet Werner Kersting Tauben. Gerichte haben ihm nun untersagt, mehr als 40 Tiere zu halten. Der (bisherige) Höhepunkt eines langen Nachbarschaftsstreits um Gegurre, Gestank, Rattenbefall und Kot auf Dächern, Autos und Terrassen.

Gefühlt sein ganzes Leben hat Werner Kersting Tauben gezüchtet und sie auf Reisen geschickt. Mit zwölf Jahren hat ihn die Leidenschaft gepackt, seither hat er sich immer um Tauben gekümmert. Bis zu 120 Tiere hält er in den verschiedenen Schlägen auf seinem Grundstück. Was jetzt mit ihnen geschieht? „Ich weiß es nicht, wahrscheinlich werde ich sie schlachten müssen.“ Verkaufen oder verschenken will er sie nicht. Kersting: „So erfolgreich sind die Tauben nicht, die will niemand haben...“

Drei Schläge stehen direkt an der Grundstücksgrenze in Bockum-Hövel an der Körnerstraße. Kersting sagt: „1996 habe ich die Schläge an dieser Stelle gebaut, da gab es das andere Haus noch gar nicht.“

Nachbarn fühlen sich extrem gestört

Das andere Haus bewohnen Melanie und Thomas Meintrup. Sie fühlen sich durch die Tauben inzwischen extrem gestört. „Wir können uns kaum mehr im Garten aufhalten“, sagt Melanie Meintrup. Insbesondere bei Wärme und ungünstigem Wind rieche es aufdringlich und unangenehm. Zum Essen könnten sie nie auf die Terrasse gehen. „Das ist zu ekelig, der Geruch vertreibt uns immer wieder ins Haus.“

Dazu kämen Verunreinigungen durch den Kot der Vögel. Gartenmöbel, Markise und Terrasse seien durch Taubenkot verschmutzt. Wäsche könne sie nicht mehr im Garten zum Trocknen aufhängen.

„Die Taubenschläge ziehen zudem Ratten und Ungeziefer an, das wollten wir uns nicht mehr gefallen lassen“, sagt Melanie Meintrup. Zumal ihr Mann durch eine Erkrankung geschwächt ist und Ruhe – auch an der frischen Luft – benötige.

Rassentauben oder Brieftauben züchten

Mehrfach das Gespräch gesucht

Mehrmals hätten sie das Gespräch mit dem Nachbarn gesucht – vergeblich. Schließlich haben die Meintrups Klage eingereicht. Sie wollen erreichen, dass Kersting seine Tauben abschaffen muss oder die Anzahl der Tiere reduziert wird. Maximal 60 Tauben sollte Kersting noch halten dürfen, so forderte es der Rechtsvertreter der Meintrups in seinem Antrag.

Ein Gütetermin vor dem Hammer Amtsgericht scheiterte, keiner der Beteiligten wollte einlenken.

Das Verfahren mündete schließlich in einer Hauptverhandlung, bei der sich der Richter bei einem Ortstermin im Sommer des vergangenen Jahres ein Bild von den Schlägen, der Geruchsbelästigung und den Verschmutzungen gemacht hat. Der WA war dabei.

Die Meintrups und Kersting würdigten sich bei diesem Termin keines Blickes. Der Richter nahm sich viel Zeit, schaute sich mehrere Gärten an, diktierte seine Beobachtungen in ein Tonbandgerät. Nach einer guten Stunde war der Termin beendet.

Urteil eine schallende Ohrfeige

Das Urteil des Amtsgerichts Hamm ist für Werner Kersting schließlich eine schallende Ohrfeige. Er darf nur noch 20 freifliegende Brieftauben in einer offenen Voliere halten und 20 weitere festsitzende Tauben in einer geschlossenen Voliere. „Damit kann ich den Taubensport vergessen. Um an Wettflügen teilzunehmen, benötige ich mehr Tauben“, sagt Kersting.

Grundsätzlich, so das Gericht, dürften in der Siedlung Tauben gezüchtet werden – allerdings nicht in einem solchen Ausmaß. In seiner Urteilsbegründung verweist der Richter auf den Ortstermin, bei der er Gerüche, Geräusche und zahlreiche andere Beeinträchtigungen wahrgenommen habe. Sie seien schlussendlich dafür verantwortlich, dass Werner Kersting nicht mehr so viele Tauben halten dürfe.

Fehde hat noch kein Ende gefunden

Damit hat die Fehde aber noch kein Ende gefunden. Beflügelt durch die Sichtweise des Richters legten die Meintrups Berufung gegen das Urteil ein. Sie wollten nun erreichen, dass Werner Kersting die Taubenzucht aufgeben und alle Schläge abreißen muss. Berufung legte auch Werner Kersting ein. Mit dem Urteil, so sein Argument, könne er keinen Taubensport mehr betreiben. Er wolle weiter alle seine Tauben halten dürfen.

Keinem Argument folgt die Berufungsinstanz. Das Landgericht Dortmund weist die Berufungen ab. Inzwischen hat das erstinstanzliche Urteil Rechtskraft erlangt.

Werner Kersting will noch nicht aufgeben. Erst kürzlich hat er seine Tauben für die nächste Reisesaison vorbereitet.

Geschichte des Taubensports in Hamm:

Der Taubensport hat in Hamm eine lange Tradition. Für die Bergleute standen die Brieftauben für Freiheit und Entspannung, denen sie nach einer langen Zeit unter Tage entgegenfieberten. Inzwischen nimmt die Bedeutung aber immer mehr ab. Zurzeit gibt es in Hamm noch rund 100 Züchter. Im Jahr 2000 waren auf Hammer Stadtgebiet noch gut 800.

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