Rangierbahnhof und Wasserstoffallianz

Reanimation im Herzen Hamms: Wirtschaft soll durch zwei riesige Projekte Schwung bekommen

Riesig: Die Dimensionen des Rangierbahnhofs sind aus der Luft gut zu erkennen. Rechts oben befindet sich die Innenstadt mit Pauluskirche und OLG.
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Riesig: Die Dimensionen des Rangierbahnhofs sind aus der Luft gut zu erkennen. Rechts oben befindet sich die Innenstadt mit Pauluskirche und OLG.

Hamm krankt aus wirtschaftlicher Sicht seit Jahrzehnten. Eine ganz neue wirtschaftliche Dynamik sollen langfristig zwei Großprojekte bringen, für die jetzt die nächsten Schritte gemacht werden: Die Reaktivierung des Rangierbahnhofs und die Produktion von Wasserstoff in Uentrop.

Hamm – Die ersten Planungen für beide Projekte begannen Anfang des Jahres. Im Januar stimmte der Rat den Vorhaben in einer Grundsatzentscheidung zu – im September soll das Gremium nun eine Entwicklungsagentur für den Rangierbahnhof und die „Wasserstoffallianz Westfalen“ auf den Weg bringen.

Was sich erst einmal unspektakulär anhört, ist aus Sicht von Oberbürgermeister Marc Herter ein Meilenstein. Es gehe um den Einstieg ins Konkrete – über die bloßen Ideen hinaus. „Es sollen die harten und wichtigen Fragen beantwortet werden“, so Herter.

Anbindung des Rangierbahnhofs: Am liebsten über die B63n

Beim Rangierbahnhof geht es etwa um die aktuell schlicht nicht vorhandene Anbindung für Lkw. Und das ab Mitte der 2030er Jahre sehr wahrscheinlich über die B63n. Vorher – und für den Fall eines Aus für die seit Ewigkeiten angekündigte Straße – müssen Alternativen her. Außerdem geht es um eine bessere Verbindung auf der Schiene zum Hafen, wo Lanfer Logistik sitzt, das künftig mit 3 Prozent an der Entwicklungsagentur beteiligt ist.

Am Rande dürfte auch die Zukunft der baufälligen Eisenbahnbrücke über Kanal und Lippe eine Rolle spielen. Hier hat die Bahn das Wort. Deren Tochter DB Cargo beteiligt sich wie berichtet mit 23 Prozent an der Agentur. „Das ist ein starkes Zeichen“, meint Herter.

Das Projekt sei im Gesamtvorstand der Deutschen Bahn vor den Sommerferien vorgestellt und erst einmal wohlwollend zur Kenntnis genommen worden. Auch das Eisenbahnbundesamt müsse das Vorhaben noch als förderwürdig einstufen. Die finale Entscheidung zur Reaktivierung falle bei der Bahn dann auf Basis eines Wirtschaftsplans – den ebenfalls die Entwicklungsagentur erstellen soll.

Steffens zum geplanten Aus: „Es hat ein Umdenken zur rechten Zeit gegeben“

Optimistisch, dass das Signal am Ende auf Grün springt und es mit einer Reanimation der Fläche im Herzen Hamms etwas wird, ist Wirtschaftsförderer Dr. Karl-Georg Steffens. „Als ich 2010 zur SRH nach Hamm kam, war die goldene Regel der Logistik, dass sie nur mit Lkw funktionieren kann“, erklärt er. „Da hat keiner über die Schiene nachgedacht.“

Bis vor wenigen Monaten sollte die Fläche des ehemaligen Rangierbahnhof bekanntlich entwidmet werden. Das hätte dazu geführt, dass das Projekt dort nicht mehr umsetzbar gewesen wäre. „Es hat dann aber ein Umdenken zur rechten Zeit gegeben“, so Steffens.

Wollen mehr als nur Ideen: Justus Moor, Marc Herter und Dr. Karl-Georg Steffens.

Auf dem 60 Hektar großen Areal soll langfristig ein sogenannter „Multi Hub“ entstehen. Ein Umschlagplatz für Güter von der Straße auf die Schiene – mit riesigen Portalkränen wie Lanfer erst kürzlich einen am Hafen aufgebaut hat. „Bundesweit haben wir hier in Hamm den größten Raum für den Umschlag von der Straße auf die Schiene. Das ist der Einstieg ins nachhaltige Jahrzehnt“, sagt Herter. Der „Multi Hub“ soll dabei hinter den „sieben Brücken“ im südwetlichen Teil des Areals entstehen, Lanfer wird mit einem Chemielogistik-Zentrum den nordöstlichen Teil nutzen.

Langfristig könnten laut Wirtschaftsförderung auch andere Brachen in der unmittelbaren Nähe der neuen Herzschlagader der Hammer Wirtschaft – wie etwa das Thyssen-Gelände hinter dem Hauptbahnhof – wieder nutzbar gemacht werden.

Wasserstoffallianz: Schon viele Interessenten für Stoff aus Hamm

Beim Thema Wasserstoff soll die neue Allianz Verbündete finden, die den kostbaren Stoff dann auch abnehmen, der in Hamm produziert werden soll. Bei der Produktion machen künftig die Stadtwerke und die in Uentrop ansässige Trianel als „Wasserstoffzentrum Hamm GmbH“ gemeinsame Sache und wollen bis 2024 eine Elektrolyseanlage aufbauen.

Die Stadtwerke wollen ihre Bus-Flott bekanntlich bis Mitte des Jahrzehnts auf Wasserstoff umstellen. Es gibt darüber hinaus mittlerweile 28 Interessenbekundungen von Unternehmen und Kommunen aus der Region zur Abnahme des Wasserstoffs. „NRW-weit hat der Kreis Soest in Zukunft die größte zu erwartende Nachfrage nach Wasserstoff. Auch die IHK Dortmund ist dabei“, erklärt Steffens.

Dass die nötigen Fördermillionen aus dem Topf der nationalen Wasserstoffstrategie für die Errichtung der Produktion nach Hamm fließen, ist noch nicht ausgemacht. Auch dafür soll aber die Allianz sorgen. Herter sieht mit Blick auf die Lagegunst zwei entscheidende Vorteile. Neben dem bereits jetzt beachtlichen Netzwerk an potenziellen Abnehmern ist das die künftige Starkstromtrasse, die von der Nordsee kommend spätestens 2030 in Hamm enden soll. So kann „grüner“ Wasserstoff produziert werden – mit Strom aus Windenergie. Mit dem Bundesnetzbedarfsplan ist die Errichtung der Trasse erst kürzlich besiegelt worden.

OB verspricht sich vierstellige Anzahl neuer und guter Jobs

Die Schaffung der beiden Planungseinrichtungen kostet Steffens zufolge jeweils rund zwei Millionen Euro und wird mit Geldern aus dem Fünf-Standorte-Programm für ehemalige Kohle-Standorte bezahlt. Danach gehe es um die Einwerbung weiterer Fördermittel. „Sie sind so etwas wie der Sherpa für weitere Fördergeber, wenn man die Realisierung der Projekte mit der Besteigung des Mount Everests vergleicht“, erklärt Herter.

Was aber bringt das letztlich alles für Hamm? Der OB erhofft sich eine vierstellige Anzahl neuer und nachhaltiger Ausbildungs- und Arbeitsplätze. „Und das in einem Segment, in dem wir in Hamm aufholen müssen: Bei den hochwertigen Arbeitsplätzen. Das ist dann Arbeit, von der man gut leben kann.“ Steffens zufolge dürfte zudem ein hoch qualifizierter Arbeitsplatz zwei bis drei weitere Jobs für niedriger Qualifizierte nach sich ziehen.

„Die Menschen, die dort später mal arbeiten, werden am besten an der SRH und der HSHL ausgebildet“, sagt er. Oder an den Berufskollegs. „Wir verbinden Wirtschaft und gute Arbeit mit Klimaschutz. Das ist kein Kampf gegeneinander und führt auch zu nachhaltigem Wohlstand“, ist auch Justus Moor, Aufsichtsratschef der Wirtschaftsförderung, überzeugt.

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