Ist RWE-Kraftwerk in Hamm systemrelevant?

Dampfschwaden aus Kraftwerk Westfalen sorgen für Fragen zum beschlossenen Aus

Nur Block E des RWE-Kraftwerk Westfalen in Hamm-Schmehausen, Stadtbezirk Uentrop, arbeitete bis zuletzt.
+
„Wolkengenerator“ und vertraute Landmarke: Die Tage, an denen Dampfschwaden aus dem Kühlturm des RWE-Kraftwerks Westfalen in den Himmel aufsteigen, sind noch nicht vorbei, aber so gut wie gezählt. Es sieht so aus, dass Beobachter dafür noch nicht einmal alle Finger einer Hand brauchen.

Dampfschwaden aus den Kühltürmen des Kraftwerks Westfalen galten jahrzehntelang als vertraute Landmarken. Nach dem beschlossenen Aus für die Kohlestromproduktion in Hamm sollten sie eigentlich seit Jahresbeginn Geschichte sein. Sind sie aber nicht. Hier der Grund:

Schmehausen – Nach dem verkündeten Aus für die Kohlestromproduktion verwundert es Menschen im weiten Umkreis, wie Leser-Reaktionen zeigen, wenn weißer Rauch (ein Gemisch aus Wasserdampf, feinsten Wassertröpfchen und Luft) aus dem Kühlturm des verbliebenen Blocks E aufsteigt. Seit Anfang Januar ist das zwei Mal passiert. Es wird voraussichtlich nicht das letzte Mal gewesen sein. Eines vorweg: Es geht alles mit rechten Dingen zu. Hier die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Das Kraftwerk ist immer noch betriebsbereit. Gilt das Anfang Dezember von RWE erklärte kurzfristige Aus für das Kraftwerk nicht mehr?
Doch, es gilt nach wie vor. Die Bundesnetzagentur hat dem Unternehmen bei der ersten bundesweiten Stilllegungsauktion für Steinkohlekraftwerke Zuschläge für die Kraftwerke Westfalen und Ibbenbüren erteilt. Die Auktionen finden im Zuge des bundesweiten Kohleausstiegs statt. Das bedeutet aber nicht, dass das Kraftwerk sofort stillgelegt werden muss beziehungsweise darf. Es gibt noch Verpflichtungen. RWE darf allerdings seit dem 1. Januar keinen Strom mehr aus den beiden Anlagen vermarkten.
Warum läuft das Kraftwerk dann überhaupt noch?
Ein Kraftwerk vom Netz zu nehmen, ist nicht so einfach. Der Ausstieg aus der Kohleverstromung ist eine Herausforderung. Das zeigte sich einmal mehr vor wenigen Wochen. Schwankungen der Netzfrequenz haben den europäischen Übertragungsnetzbetreibern am 8. Januar einen ordentlichen Schrecken eingejagt. Das Stromnetz ist komplex. Vor dem Hintergrund der Netzsicherheit muss noch die überregionale Bedeutung des Kraftwerks Westfalen geklärt werden. Solange bleibt es als Reserve.
Wer ist dafür verantwortlich?
Für das funktionierende Stromnetz und damit für die Versorgungssicherheit sind die Bundesnetzagentur und die Netzbetreiber verantwortlich. Sie müssen klären, ob mit der Herausnahme des RWE-Kraftwerks Westfalen aus dem Netz mittel- bis langfristig Engpässe auftreten können. „Bis die Übertragungsnetzbetreiber und die Bundesnetzagentur eine endgültige Entscheidung hinsichtlich der Systemrelevanz des Blocks getroffen haben, sind wir gehalten, die Anlage anfahrbereit zu halten“, sagt RWE-Sprecher Olaf Winter.
Was bedeutet, das Kraftwerk anfahrbereit zu halten?
RWE betreibt zwar das Kraftwerk, aber jetzt hat Amprion das Steuer in der Hand. Wenn der Übertragungsnetzbetreiber erklärt, er brauche das Kraftwerk, fahren es die RWE-Mitarbeiter hoch. Damit das verlässlich gelingt, müssen die Anlagen weiterhin betriebsbereit gehalten werden. Jeweils fünf Mitarbeiter einer Schicht überprüfen immer wieder Dutzende Pumpen und Druckluftteile. Sie kümmern sich um die Schmierung und halten alle Aggregate leichtgängig. Auch muss der Kühlwasserkreislauf immer wieder kurz anlaufen, damit sich die Rohre nicht zusetzen. „Nichts im Vergleich zum Normalbetrieb, aber unverzichtbar“, sagt der Unternehmenssprecher.
Wann sind die Dampfschwaden aus dem Kühlturm zu sehen?
Einzelne Kraftwerksteile betriebsbereit zu halten, reicht nicht. Das gesamte System des Blocks E muss regelmäßig hochgefahren werden. „Um die Anlagen in Schuss zu halten, haben wir mit Amprion alle vier Wochen Konservierungsfahrten vereinbart“, sagt der RWE-Sprecher. Das Anfahren ist bei der Bundesnetzagentur angemeldet. Das erste Mal war das am 14. Januar, das zweite Mal am 9. Februar.
Was sind Konservierungsfahrten?
Konservieren heißt so viel wie haltbar machen. „Konservierungsfahrten sind erforderlich, um Stillstands-bedingte Anlagenschäden zu verhindern,“ , sagt der RWE-Sprecher. Durch längere Standzeiten können sich zum Beispiel die Wellen der Turbinen allein durch ihr Eigengewicht verziehen und unbrauchbar werden. Wie für andere bewegliche Teile auch, müssen sie geschmiert und Armaturen geprüft werden. Ohne die Konservierungsfahrten würde das ausbleiben. Dabei geht das Kraftwerk komplett in Betrieb. „Dafür fahren wir den Block für zehn Stunden auf 60 Prozent Leistung“, sagt er. Daher steht über dem Kühlturm auch eine Schwade.“ 60 Prozent, das sind 480 Megawatt. Bis 800 Megawatt kann der Block E leisten.
Was passiert mit dem produzierten Strom?
RWE darf den bei Konservierungsfahrten produzierten Strom nicht vermarkten. Die Bundesnetzagentur dürfe entscheiden, was sie damit mache, sagt der RWE-Sprecher. So unterstützt Amprion mit dem Strom das Netz. Das letzte Mal, dass RWE den Block E im Normalbetrieb unter Feuer hatte, war am 18. Dezember. Bis dahin lief das Kraftwerk mehrere Tage unter Volllast. Bis zum Jahresende hätte das Unternehmen noch selbst den Strom aus Hamm anbieten können. Aber mit Blick auf die Marktpreise für Strom wäre der Betrieb für RWE unwirtschaftlich gewesen.
Wie lange dauert die Anfahrbereitschaft noch?
Zunächst gilt: Bis einschließlich Juni dieses Jahres können einmal im Monat Dampfschwaden über dem Kühlturm zu sehen sein. Bis spätestens 30. Juni haben die Übertragungsnetzbetreiber und die Bundesnetzagentur Zeit, um zu prüfen, ob das Kraftwerk Westfalen systemrelevant ist. Das Ergebnis könnte auch schon früher feststehen.
Danach gehen in Schmehausen nach rund 60 Jahren die Lichter aus?
Ja, im Prinzip, sofern die Prüfer feststellen, dass das Kraftwerk nicht systemrelevant ist. Der Stilllegungsprozess nimmt aber dann noch viel Zeit in Anspruch . Nein, wenn sie zum gegenteiligen Ergebnis kommen. Wie wahrscheinlich das ist, dazu könne man nichts sagen, sagt der RWE-Sprecher. Es ist zwar Spekulation, aber denkbar, dass das Kraftwerk zur Aufrecherhaltung der Versorgungssicherheit Teil der Kapazitätsreserve bleibt. Kosten und Art der Leistungsbereitschaft wären dann Themen für Gespräche von RWE mit der Bundesnetzagentur und den Netzbetreibern.
Also eine ungewisse Zukunft für die Mitarbeiter in Schmehausen?
Ja, was konkret ihren Arbeitsplatz am Standort anbelangt. Nein, was eine Zukunft im Energieunternehmen angeht. „Die Personalplanungen für das Kraftwerksteam sind angelaufen“, sagt RWE-Sprecher Olaf Winter. „Wer von den bislang 166 Mitarbeitern künftig wo eingesetzt wird, wer Anspruch auf Anpassungsgeld hat, klären wir gerade.“ Durch den Ende August 2020 abgeschlossenen Tarifvertrag sei aber sichergestellt, dass es keine betriebsbedingten Kündigungen gebe. „Wir werden die Stilllegung in jedem Fall sozialverträglich gestalten“, sagt er. „Darauf können sich die Kollegen verlassen.“

Aus für Kohlekraftwerke in Deutschland beschlossen

Seit Anfang Dezember stehen die nächsten Schritte des bundesweiten Kohleausstiegs fest. Die Bundesnetzagentur hatte entschieden, welche Steinkohlekraftwerke bis Mitte kommenden Jahres stillgelegt werden sollen. Dabei gab es durchaus Kritik daran, mit Westfalen eines der modernsten Kohlekraftwerke vom Netz zu nehmen.

Der Bund verteidigt seine Pläne zum Kohleausstieg. Dass es trotz des Reservebetriebs des Kraftwerks Westfalen schon erste Zeichen für einen Abriss in Hamm gibt, hat nichts mit den jüngsten Entscheidungen zu tun. Es geht um die Altanlagen: die längst ausgedienten kleineren Kühltürme.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare